Steyler-Welt

„Das Leben spielt sich hier im Freien ab“

Seit September lebt und arbeitet Clara Schäfer aus Stockstadt am Main als „Missionarin auf Zeit“ (MaZ) in Ghana. Gemeinsam mit den Steyler Missionaren, 200 Hühnern und sieben Katzen wohnt sie in der Missionsstation von Jema und arbeitet im Kindergarten der Pfarrei. Im Interview berichtet die 19-Jährige über ihre ersten Monate in Afrika.

Clara Schäfer arbeitet in einem Kindergarten© Steyler Missionare

Clara, wie bist Du auf die Idee gekommen, Missionarin auf Zeit zu werden?
Ich hatte schon immer den Wunsch, einmal ein Jahr im Ausland zu verbringen. Auf dem Ökumenischen Kirchentag in München bin ich auf den Stand der Steyler Missionare gestoßen und somit auf das MaZ-Projekt. Ich fand das Ganze sofort sehr ansprechend, allein schon wegen des Mottos „mitleben, mitbeten, mitarbeiten“. Ich habe schon ein paar Geschichten von freiwilligen Helfern gehört, die sich nicht wohl gefühlt haben, weil in ihrem Einsatzland niemand vor Ort war, der sich für sie verantwortlich fühlte. Da es bei MaZ von Anfang an klar ist, dass man mit Ordensleuten in einer Missionsstation lebt, habe ich mich sicher gefühlt.

Du hättest ja auch über eine nicht-kirchliche Organisation ins Ausland gehen können…
Mein Glaube ist natürlich auch ein Aspekt, wegen dem ich mich letztendlich für MaZ entschieden habe. Meine Eltern haben mich christlich erzogen und durch die Jugendarbeit als Ministrantin und Pfadfinderin war ich der Kirche immer sehr verbunden. In einem anderen Land nicht nur die Leute und eine neue Kultur kennenzulernen, sondern auch mitzuerleben, wie dort der Glaube gelebt wird, hat mich daher natürlich auch interessiert.

Wie hat es Dich nach Ghana verschlagen?
Dass Ghana mein Einsatzland geworden ist, lag nicht in meiner Hand. Auf unserem Orientierungsseminar durften wir Wünsche äußern, wohin wir gerne gehen würden und welche Arbeit wir uns vorstellen könnten. In der Schule habe ich nur Englisch gelernt, konnte mir aber vorstellen, zusätzlich Spanisch zu lernen. Daher habe ich gesagt, dass ich gerne nach Südamerika oder Afrika gehen würde. Was das Aufgabenfeld anbelangt habe ich gesagt, dass ich gerne mit Kindern oder Behinderten arbeiten würde. So haben die Teamleiter dann nach einer passenden Stelle gesucht. Auf unserem Identitätsseminar im März habe ich dann erfahren, dass es Ghana wird, worüber ich mich dann auch sehr gefreut habe.

Wie geht es Dir nach den ersten Monaten vor Ort? Hast Du Dich gut an das ghanaische Klima gewöhnt?
Ich fühle mich hier in dem Haus mit meinem Mit-MaZler Tobi und den zwei Priestern Franek und Michael sehr wohl und bin froh, dass ich hier gelandet bin. An das Klima habe ich mich auch schon gewöhnt – natürlich schwitze ich viel, aber mit der Luftfeuchtigkeit hatte ich nur am ersten Abend Probleme. Der erste Schritt in Accra aus dem klimatisierten Flugzeug in die Hitze fühlte sich an, als würde man gegen eine Wand rennen. Inzwischen ziehe ich mir abends einen Pullover an, und als es einmal „nur“ 22 Grad warm war, musste ich schon meine dicke Fleece-Jacke rausholen, weil ich es einfach als sehr viel kälter empfunden habe. So sehr hat sich mein Körper umgestellt!

Bist Du auch mit Land und Leuten warm geworden?
Ich bin überwältigt davon, wie nett ich von allen empfangen wurde. Am Anfang war es ganz schön schwierig, mir zu merken, wen ich jetzt schon einmal getroffen hatte. So war es mir am Anfang peinlich, wenn die Leute mich beim Namen angesprochen und angefangen haben, mit mir zu reden, ich mich aber nicht einmal daran erinnern konnte, dass ich sie schon einmal gesehen habe. Nach einiger Zeit hat sich das natürlich gelegt. Allerdings verschwand nach und nach auch die Illusion, dass hier ausnahmslos alle nett und freundlich sind. Ich habe realisiert, dass es im Prinzip genauso wie zu Hause ist: Man findet Freunde, aber es gibt auch Menschen, mit denen man nicht so gut auskommt. Die Kultur ist hier teilweise ganz schön anders. Der Tag beginnt hier viel früher – die Schüler stehen oft schon um 3 Uhr auf, um mit dem Lernen zu beginnen, um spätestens 5 Uhr herrscht reges Treiben auf den Straßen. Das ganze Leben spielt sich im Freien ab. Die Landschaft in der Brong-Ahafo-Region ist wunderschön.

Gibt es auch Dinge an der ghanaischen Kultur, mit denen Du Deine Schwierigkeiten hast?
Mich erschreckt, dass arrangierte Hochzeiten hier immer noch zum Alltag gehören. Nicht selten kommt es vor, dass ein junges Mädchen einen viel älteren Mann heiraten muss, weil er für sie bezahlt hat. Eine andere Sache ist die Polygamie. Einige Männer haben zwei oder drei Frauen und daher sehr viele Kinder. Darunter leiden meistens alle, weil das Geld oft nicht ausreicht.

Wie kommst Du mit den Kindern zurecht?
Sprachlich ist die Verständigung mit den Kindern manchmal ganz schön schwierig. Ich verstehe nur die wichtigsten Sachen in Twi – etwa, wenn ein Kind sagt, dass es auf Toilette muss oder etwas zu trinken haben möchte. Und dann ist da noch die Sache mit der Autorität. Die Kinder nehmen mich manchmal nicht wirklich ernst, weil sie es von zu Hause gewöhnt sind, mit dem Stock gezüchtigt zu werden. Das lehne ich allerdings strikt ab – was dazu führt, dass mir die Kinder im Gegenzug auf der Nase herumtanzen, weil sie genau wissen, dass ich sie nicht schlage.

Hast Du trotzdem einen Weg gefunden, Dich in den Alltag im Kindergarten einzubringen?
Ich tröste die Kinder, wenn sie weinen, ich spiele mit ihnen und helfe ihnen beim Anziehen ihrer Schuhe und Hemden. Dazu kommen noch einige Verwaltungsaufgaben, die ich erledigen muss, weil das „Parish Educational Commitee“ mich im Oktober überraschend zur Leiterin des Kindergartens ernannt hat. Die vorherige Leiterin des Kindergartens ist weggegangen, um selbst ein wenig Schulbildung nachzuholen.

Du bist also inzwischen „Missionarin auf Zeit“ und Leiterin eines Kindergartens in Personalunion! Bis hierhin: Hat Deine Zeit als MaZ Dein Leben schon bereichert?
In jedem Fall habe ich schon einige Dinge dazugelernt – richtig werde ich das wahrscheinlich erst nach meinem Einsatz realisieren. Ich merke jetzt schon, dass ich sehr viel gelassener geworden bin. Ich mache mir nicht mehr – wie in Deutschland – wegen Kleinigkeiten einen Kopf, sondern gehe einfach alles langsam an. Pünktlichkeit ist hier nicht wichtig, und daran habe ich mich (leider) auch schon gewöhnt. Auf der anderen Seite: Man fragt sich schon, warum sich die Menschen in Deutschland wegen allem immer so einen Stress machen. Hier in Ghana lernt man: Es geht auch anders.

Markus Frädrich

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