Kirche

Kirchenräume verständlich erklärt

Barrierefreiheit ist ein Muss, Texte in sogenannter „leichter Sprache“ fast selbstverständlich. In der katholischen Kirche mit den vielen lateinischen Wörter und den sakralen Begriffen gab es bisher aber nur wenige Hilfestellungen für Menschen mit geistiger Behinderung. Das nahmen sich die Theologen Christoph Beuers und Jochen Straub zum Anlass, einen neuen Kirchenführer zu schreiben. Henry Walter hat ihn für uns getestet

Henry Walter ist vertieft in den neuen Kirchenführer für Menschen mit Behinderung© Sascha Blank
Henry Walter ist vertieft in den neuen Kirchenführer für Menschen mit Behinderung

Konzentriert blickt Henry Walter auf das Display seiner Digitalkamera, zoomt den Ambo noch ein Stück heran und drückt auf den Auslöser. ‚Klick' hallt es durch die stille Kirche. „Prima, das ist schön geworden“, sagt Henry zufrieden nach einem kritischen Blick auf das Ergebnis. Henry Walter ist kein Tourist in der Pfarrkirche „Heilig Kreuz“ in Geisenheim am Rhein. Er kennt dieses Gotteshaus vielmehr wie seine Westentasche, denn er war schon oft als Messdiener dort im Einsatz. Aber heute entdeckt er sie dennoch neu, mit einem ganz besonderen Kirchenführer. „Vom Rand die Mitte sehen. Kirchenraum elementar erleben mit Menschen mit und ohne Behinderung“, steht auf dem Cover. Henry sucht im Inhaltsverzeichnis auf der zweiten Seite das Wort „Ambo“ und blättert an die richtige Stelle. „Der Ambo ist ein Lesepult“, liest er und fährt dabei sorgfältig mit dem Finger an der Zeile entlang. „Es ist ein besonderes Lesepult. Am Ambo wird von Jesus vorgelesen. Am Ambo wird das Wort Gottes vorgelesen.“ Henry nickt zustimmend. Das hat er verstanden.

Henry Walter ist 60 Jahre alt und hat eine Lernbehinderung. Er ist im Sankt Vincenzstift aufgewachsen, einer großen Wohneinrichtung für Menschen mit geistiger Beeinträchtigung und Lernbehinderung in Aulhausen nahe Geisenheim. Als Erwachsener war Henry viele Jahre als Postbote der Einrichtung tätig. Seit dem vergangenen Jahr arbeitet er als Gärtner in den Außenanlagen des Stifts und lebt in einer Wohngemeinschaft in Aulhausen. Ein freundlicher, stiller Mann, der im Gespräch aufmerksam zuhört. Seit seiner Kindheit ist er ein begeisterter Messdiener. Zum 50-jährigen Ministranten-Jubiläum hat er vom ehemaligen Limburger Bischof Franz Kamphaus eine Auszeichnung bekommen. Seine Augen leuchten glücklich, als er davon erzählt.

Henry Walter an Ambo© Elisabeth Friedgen

Der Titel ist bewusst gewählt
Das Buch „Vom Rand die Mitte sehen“ haben die Theologen Jochen Straub (48) und Christoph Beuers (59) für Menschen wie Henry geschrieben. Männer und Frauen, die Kirchenräume auf eine ganz eigene Weise betrachten, mit kunsthistorischen und theologischen Abhandlungen aber überfordert wären. Beuers war lange Seelsorger im Vincenzstift und leitet heute eine Heilpädagogische Fachschule in Geisenheim; Straub ist Leiter des Limburger Diözesanreferats für Menschen mit Behinderung. Für diese bieten sie regelmäßig Exerzitien an. „Diese Arbeit führte uns immer wieder zu der Frage: Wie nehmen Menschen mit Behinderung unsere Umgebung eigentlich wahr?“ sagt Straub. So entstand die Idee zum Buch.

„Vom Rand die Mitte sehen“ – ist dieser Titel nicht schon fast diskriminierend? „Wir haben ihn ganz bewusst so gewählt“, erklärt Christoph Beuers, „denn wenn wir ehrlich sind, stimmt es doch: Menschen mit Behinderung stehen in unserer Gesellschaft am Rand. Wenn es aber einen Kirchführer gibt, den sie wirklich verstehen können, ändert sich das.“

Jochen Straub will den Titel auch religiös begründet sehen: „Wenn wir Christus als die Mitte unserer Gemeinschaft sehen, dann stehen wir eigentlich alle am Rand. Religiöse Symbole wie das Kreuz führen uns zu ihm hin“, sagt der Diplom-Theologe. Die Arbeit für das Buch habe ihm selbst gezeigt, „wie gut eine leichte Sprache auch für nicht behinderte Menschen ist. Wenn wir in die Kirche gehen, dann sehen wir eigentlich immer zu viel. Wir schaffen es oft nicht, uns auf das Wesentliche zu konzentrieren.“

Autor Christoph Beuers (re.) erklärt Henry Walter, was der Kirchenführer alles zu bieten hat© Elisabeth Friedgen
Autor Christoph Beuers (re.) erklärt Henry Walter, was der Kirchenführer alles zu bieten hat

Mitmachbuch für die eigene Kirche
Der Kirchenführer ist außerdem ein Mitmach-Buch. Auf jeder Seite sind zwar Fotos von Altären, Kreuzen oder anderen Elementen des Kirchenraums zu sehen, doch es sind Beispielbilder aus verschiedenen deutschen Kirchen. Um das Buch mit seinen Texten zum „Guide“ für die eigene Heimatkirche zu machen, lässt sich die beigelegte DVD verwenden. Henry kann seine Fotos damit in das Layout der Seiten einfügen und sich so sein persönliches Buch über die Heilig Kreuz-Kirche zusammenstellen.

Erschienen ist das Buch zum zehnjährigen Jubiläum des Hirtenwortes „unBehindert Leben und Glauben teilen“ der deutschen Bischöfe zur Situation von Menschen mit Behinderung. „Wir brauchen eine Kultur der Achtsamkeit im Zusammenleben der Menschen“, schreibt Kardinal Karl Lehmann in seinem Vorwort, „Ein wichtiges Anliegen ist es in diesem Zusammenhang, Menschen mit Behinderungen mehr Beteiligung am gesellschaftlichen, aber auch am kirchlichen Leben zu ermöglichen.“ Der Kirchenführer „Vom Rand die Mitte sehen“ ist ein Beispiel dafür, wie dieser Plan gelingen kann.

Elisabeth Friedgen

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Leser-Kommentare

  • Kathi
    20.02.2014 15:18 Uhr

    Ich finde es gut, dass etwas für körperlich und geistig Behinderte getan wird. Doch was ist mit den psychisch Behinderten? Wo haben sie ihren Platz in der Kirche? Sie stehen immer noch am Rand. Außer ambulant betreutes Wohnen bieten die Kirchen nicht viel an. Auch sie haben ein Recht mit ihrem eigenen Erleben wahrgenommen und angenommen zu werden. Auch sie haben eigene Bedürfnisse und Eigenheiten, über die vielmehr aufgeklärt werden müßte. Was ist da mit eigenen Gottesdiensten und Treffs, die mal von Kirchen angeboten werden. Oder wollen sie das nur den weltlichen Vertretern überlassen?

 
 

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Kirchenführer "Vom Rand die Mitte sehen"© ̴̴

Der Kirchenführer „Vom Rand die Mitte sehen“ ist im Verlag Butzon und Bercker zum Preis von 24,95 Euro erschienen. Er hat 112 Seiten und enthält neben der DVD und Bildern auch Liedtexte und Noten.