Weltweit

Vergewaltigungen von Frauen in Indien: Jetzt sind sogar Ordensschwestern betroffen

Als im vergangenen Dezember eine 23-jährige Inderin vergewaltigt wurde und Tage später ihren schweren Verletzungen erlag, löste die Tat Massenproteste in Indien und ein weltweites Medienecho aus. Nun soll eine 28-jährige katholische Ordensschwester im Bundesstaat Orissa von ihren eigenen Cousins entführt und vergewaltigt worden sein. Markus Frädrich im Interview mit John Barwa SVD, dem Erzbischof von Cuttack-Bhubaneswar

Bischof Barwa, die Empörung nach der Vergewaltigung der jungen Studentin in Delhi war groß. Nun macht der Missbrauch einer katholischen Novizin erneut Schlagzeilen. Hat sich in Indien nichts an der Haltung gegenüber Frauen geändert?
Erzbischof Barwa: Die Vergewaltigung von Delhi stand Wochen im Fokus der Sensationsberichterstattung. Man muss aber sehen, dass die unverantwortlichen Taten einiger weniger Männer nicht für die Haltung der gesamten männlichen Bevölkerung Indiens stehen. Nach der Vergewaltigung der Studentin in Delhi haben die massiven Proteste und Demonstration dem Zorn der Menschen und ihrer Missbilligung eines solchen, unmenschlichen Aktes Luft verschafft. Es gab seitdem Fortschritte in vielen Bereichen. Die indische Bevölkerung ist für unmenschliches Verhalten sensibilisiert worden, insbesondere gegenüber Frauen.

Warum fällt es manchen Indern offensichtlich trotzdem so schwer, die Würde der Frau zu respektieren. Was kann die katholische Kirche tun, um auf dieses Problem aufmerksam zu machen?
Weil die indische Gesellschaft immer noch von jahrhundertealten Mitgiftverpflichtungen bestimmt wird, wird ein männliches Kind als großer Segen empfunden. Ein weibliches Kind steht hintenan. In unserer von Männern dominierten, patriarchalischen Gesellschaft sind Frauen dazu verdammt, Menschen zweiter Klasse zu sein. Übrigens ist vor allem der große Prozentsatz von Analphabeten in unserer Gesellschaft der Grund für so eine Mentalität. In katholisch geführten Einrichtungen lehren wir Liebe, Respekt, Menschlichkeit, die Achtung moralischer Werte und die Gleichheit von Männern und Frauen. Frauen dürfen in keinster Weise benachteiligt werden. Auch nicht bei der Suche nach einer Arbeitsstelle.

Sie haben die Vergewaltigung der Ordensschwester, die von ihren eigenen Cousins verschleppt, tagelang in Geiselhaft gehalten und mehrfach missbraucht worden sein soll, als „Schande“ bezeichnet. Was muss jetzt passieren?
Wir müssen jede Tat verurteilen, die gegen die Menschenwürde ist. So etwas darf nicht noch einmal passieren. Die Gewalt gegenüber Frauen in Indien findet ihre Ursache in der Tatsache, dass die menschliche Sexualität bei uns für viele Jahrhunderte ein Tabu war, über das nicht offen gesprochen werden durfte. Sie war niemals etwas, was man gewusst, gelernt oder im weiteren Sinne verstanden hat. Anstatt das Thema unter den Tisch zu kehren, ist es heute absolut wichtig, differenzierten Aufklärungsunterricht zu geben. Wir müssen Kindern und jungen Leuten helfen, sich gesund und mit Verständnis für ihre eigene Sexualität zu entwickeln. Wir wollen es ihnen ermöglichen, zu reifen und zu verantwortungsvollen Menschen heranzuwachsen. Die katholische Kirche wirbt zunehmend um Aufmerksamkeit und Respekt für die Würde des Menschen.

Haben sich nach Ihrer Auffassung die Polizei und die Regierung nach dem Vorfall angemessen verhalten?
Ja. Die Polizei und Beamte der Regierung haben den Vorfall genau untersucht. Wir sind guter Hoffnung, dass dem Opfer und allen, die an der Tat beteiligt waren, Gerechtigkeit widerverfahren wird.

"Frauen zählen in Indien nicht" - Lesen Sie ein weiteres Interview zu diesem Thema mit derSteyler Missionsschwester Julie George

Markus Frädrich

Facebook Like aktivieren
 

Artikel kommentieren

13 - 4 =
 
 

0 Kommentare

 
 

Weitere aktuelle Beiträge

  • "Dialog ist religiöse Pflicht"

    Immer mehr Menschen engagieren sich in Deutschland für den Christlich-Islamischen Dialog. Ein gewachsenes und wachsendes Kontaktgerüst, das nicht nur für das religiöse Leben, sondern auch für die Gesellschaft wichtig ist. Gerade in Zeiten wie dieser, wo im Irak und Syrien Christen und schiitische Minderheiten verfolgt und ermordet werden, kann friedvolles Miteinander bei uns ein Zeichen setzen

     
  • "Urlauber wünschen sich spirituelle Angebote"

    Unter dem Motto "Berge erleben. Gott nah sein" bieten katholische und evangelische Kirchen in Deutschland und Österreich spirituelle Bergwanderungen an. Und damit gehen sie voll auf die veränderten Bedürfnisse der Urlauber ein: Laut einer Touristik-Umfrage wünschen sich 64 Prozent "Seelenpflege" im Urlaub und jeder Fünfte "möchte Gott und den Glauben neu erleben"

     
  •  
  • Einsiedeln: "Hier pflücke ich Glück"

    Der Wallfahrtsort Einsiedeln in der Schweiz war für unseren Redakteur Xaver Schorno schon immer ein Ort fürs Seelenheil. Hier schreibt er, warum er als Kind sein Taschengeld im Kloster verjubelte, ihn der Gesang der Mönche noch heute magisch anzieht und die schwarze Madonna ihm neue Energie gibt

     
  • Irak: Gnadenlose Jagd auf Christen

    Die Flucht der letzten Christen aus Mossul markiert eine neue Eskalationsstufe im Kampf des radikalen Islam gegen die alten christlichen Kirchen im Irak. Viele Christen sind bereits aus ihrer Heimat geflohen. Selbst Mönche mussten jetzt ohne Hab und Gut zu Fuß ihr Kloster verlassen. Der Vatikan fordert ein „mutiges Eintreten aller Kirche für verfolgte Christen“

     
  •