Soziales

Erntehelfer: betrogen und ausgebeutet

„Die Würde des Menschen ist unantastbar“ – so steht es im Deutschen Grundgesetz. Dennoch müssen überall in der Bundesrepublik Menschen unter unwürdigen Bedingungen arbeiten. Als Wanderarbeiter haben sie sich aus anderen europäischen Ländern auf den Weg gemacht, weil sie sich eine gute Beschäftigung und gerechten Lohn versprochen haben. Die Realität sieht oft anders aus

Die Fotos zeigen eine winzige Hütte, in der sechs Arbeiter beengt wohnen müssen. Schimmel an den Wänden. In einer provisorischen Küche steht ein Trinkwassertank für die Männer – voller Algen und Schmutz. Die Bilder, die Mihai Balan zeigt, sind nicht etwa in einem Slum entstanden, sondern auf den Feldern eines Gemüsebauern nahe Ludwigshafen. Sie bekämen zwar einen festen Stundenlohn, haben die Männer Balan bei seinem Besuch erzählt. Der beträgt aber nur sechs Euro, und weil der Bauer vorsichtshalber mehr Arbeiter bestellt hatte, als er eigentlich braucht, sitzen einige fast den ganzen Tag in der Hütte – ohne Beschäftigung. Dann gibt es auch schon mal nur sechs Euro pro Tag, weil nur eine Arbeitsstunde anfällt.

Mihai Balan kennt solche Fälle nur zu gut. Der Soziologe ist Mitarbeiter des Europäischen Vereins für Wanderarbeiterfragen e.V. (EVW) in Mainz, berät dort seit 2007 Wanderarbeiter zu ihren Rechten in Deutschland. Regelmäßig ist er in Betrieben unterwegs, prüft dort die Arbeitsbedingungen und bietet Hilfe an. In sein Büro kommen Menschen, die um ihren Lohn betrogen wurden, keinen ordentlichen Arbeitsvertrag bekommen haben oder sogar von ihrem Arbeitgeber bedroht werden.

Faire Bedingungen sind möglich
Dass es auch anders geht, zeigt das Beispiel des Obsthofs Schmitt in Mainz-Laubenheim. Dominik Ganski (28) aus Polen kommt seit sechs Jahren regelmäßig zu Bauer Manfred Schmitt, um bei der Kirsch- oder Apfelernte zu helfen. Oft bringt er auch seine Frau oder seinen Vater mit. „Es ist eine gute Arbeit hier, ich komme immer gern“, sagt Dominik. Eigentlich ist er Informatiker. Doch in Polen findet er in diesem Beruf nicht genug Arbeit. Wie so viele Fachkräfte in seiner Heimat ist er darum zusätzlich als Wanderarbeiter im Einsatz.

Nicht immer hat er gute Erfahrungen gemacht wie in Laubenheim. „Ich war schon auf dem Bau tätig, da bekommt man aber selten den vereinbarten Lohn.“ Im vergangenen Jahr halfen er und seine Frau in Büttelborn bei der Spargelernte – ebenfalls ein Reinfall: „Man versprach uns 6,50 Euro pro Stunde, doch dann hat der Bauer uns pro Tag elf Euro für die Unterkunft abgezogen, was er vorher nicht gesagt hat. Das lohnt sich doch nicht. Nach einer Woche sind wir wieder heimgefahren.“

Bei Obstbauer Manfred Schmitt (re.) und Seniorchef Josef (li.) fühlen sich Dominik Ganski (2. v.l.) und sein Vater wohl© Elisabeth Friedgen
Bei Obstbauer Manfred Schmitt (re.) und Seniorchef Josef (li.) fühlen sich Dominik Ganski (2. v.l.) und sein Vater wohl

Mit solchen Erfahrungen ist er nicht allein. Nach aktuellen Schätzungen des Projekts „UNSICHTBAR – Bündnis gegen Menschenhandel zur Arbeitsausbeutung“ der Diakonie Wuppertal sind in der deutschen Landwirtschaft jährlich 300.000 Wanderarbeiter beschäftigt, vor allem aus Polen, Bulgarien und Rumänien. Zwar glaube er, „dass die meisten Arbeitsverhältnisse in Ordnung sind“, sagt André Thielmann vom Projekt. Doch in allen Branchen gebe es auch schwarze Schafe.

„Die Ausbeutung beginnt oft schon, bevor die Menschen überhaupt hier sind. Einige Vermittlungsagenturen nehmen ihnen viel Geld ab für die Papiere, die sie in Deutschland brauchen. Da wird für eine Wohnsitzanmeldung schon mal 100 Euro verlangt – etwas, das eigentlich vor Ort kostenlos geregelt werden könnte“, so Thielmann. Der Betrug sei möglich, ihre Rechte nicht kennen – oder sich nicht trauen, sie einzufordern.

Wichtig: Genaue Dokumentation
Hier sieht auch Mihai Balan ein Hauptproblem: „Viele haben Angst, den Job zu verlieren. Der wird zwar schlecht bezahlt, aber vielleicht immer noch besser als in ihrer Heimat.“ Gegen den Willen der Arbeiter können Balan und Thielmann nichts unternehmen. Wenn sie jedoch genau dokumentieren können, dass sie etwa zu viele Arbeitsstunden leisten müssen oder Beweisfotos von prekären Zuständen ihrer Unterkunft haben, können die Berater den Zoll, das Gewerbeamt oder die Polizei einschalten.

Bei Bauer Schmitt bekommt Dominik Ganski sieben Euro netto pro Stunde. Entsprechend der gesetzlichen Neuregelung wird er bis 2017 schrittweise zum gesetzlichen Mindestlohn aufgestockt. Ganski wohnt kostenlos in einer eigenen Wohnung auf dem Hofgelände. Der Chef schaut oft auf dem Feld vorbei, man arbeitet Hand in Hand. Eine Mittagspause ist selbstverständlich, die Krankenversicherung ebenfalls.Mit rund sechs Hektar sei sein Hof „eher klein für den Obstanbau“, sagt Manfred Schmitt. Doch er ist damit zufrieden: „Es ist überschaubar, ich brauche nicht so viele Helfer und kann sie fair entlohnen. Je größer ein Betrieb ist, desto schwieriger wird das.“ Er selbst verkauft ab Hof und beliefert zwei kleinere Supermärkte, viele Kollegen müssten sich jedoch dem Preisdiktat der Discounter beugen. Druck, der sich nicht selten in der Bezahlung der Erntehelfer niederschlägt.

Mihai Balan will die Wanderarbeiter ermutigen, sich gegenseitig über ihre Rechte zu informieren. Darum lädt er sie zu Schulungen ein, verteilt Broschüren mit Angaben zu Tariflöhnen und Sozialleistungen. Langfristig sieht er jedoch die Politik in der Pflicht: „Man könnte etwa bei Ausschreibungen für Bauprojekte von vornherein nur solche Firmen zulassen, die den Tariflohn einhalten“, ist einer seiner Vorschläge. Ein anderer: Behörden einrichten, die Verträge sämtlicher Betriebe auf ihre Nachhaltigkeit prüfen – damit Ausbeutung gar nicht erst möglich ist.

Elisabeth Friedgen

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Links zum Thema

Um Wanderarbeiter vor Ausbeutung zu schützen und ihnen bei Problemen zu helfen, gibt es in einigen deutschen Städten eigens eingerichtete Beratungsstellen: Den EVW in Mainz, das Projekt „UNSICHTBAR“ in Berlin und Wuppertal. Der DGB hat Beratungsstellen in Berlin, Frankfurt/Main, Hamburg, München, Stuttgart und Dortmund eingerichtet.

Mehr Informationen auch im Internet unter www.emwu.org und www.buendnis-gegen-menschenhandel.de sowie auf der Seite des Deutschen Gewerkschaftsbundes www.faire-mobilitaet.de