Glauben

Die fromme Managerin

Ist eine gute, fromme Frau auch eine mögliche Heilige? Wie wird aus einer Volksschullehrerin aus dem 19. Jahrhundert ein Vorbild für Christen heute? Um das zu klären, hat der Bischof von Roermond eine Kommission eingesetzt. Ein Team von Theologen und Historikern soll untersuchen, ob Adolfine Tönnies, die als Mutter Maria Michaele die Steyler Anbetungsschwestern aufbaute, selig gesprochen werden kann. Jetzt begann in Steyl mit der Einsetzung des Kirchengerichts der offizielle Seligsprechungsprozess<br />

Mit einem feierlichen Gottesdienst in Steyl begann der Seligsprechungsprozess© Heinz Helf SVD
Mit einem feierlichen Gottesdienst in Steyl begann der Seligsprechungsprozess

Es war eine Stimmung, die ihr wohl gefallen hätte. Wichtig und würdig, aber mit immer wieder hervorbrechendem Humor begann der erste Akt auf dem langen Weg zu einer offiziellen kirchlichen Anerkennung des Selig-Seins. Der Postulator Pater Manfred Krause SVD stellte dem Bischof von Roermond und dem Bischöflichen Delegaten Stefaan van Calster, der das Verfahren führen wird, Mutter Maria Michaele Tönnies vor: „Sie war eine außerordentliche Frau. Aus der Kontemplation schöpfte sie Kraft für ihre Mission. Gebet und Mission, das gehörte für sie zusammen.“ 

Auf die rituelle Frage nach dem Grund für den Prozessantrag antwortet Pater Krause mit einem Lächeln: „Erst war Arnold Janssen als Stifter der Steyler Ordensfamilie dran, dann hat man sich auf die Mitgründerinnen der Steyler Missionsschwestern konzentriert. In aller Bescheidenheit haben sich die Anbetungsschwestern zurückgehalten, aber jetzt sind wir dran!“

Der Postulator P. Manfred Krause SVD (stehend) präsentiert Bischof Frans Wiertz (links)  die neue Selige© Heinz Helf SVD
Der Postulator P. Manfred Krause SVD (stehend) präsentiert Bischof Frans Wiertz (links) die neue Selige

Eine Schwester zum Verlieben

Die Anbetungsschwestern, die sich in dem kleinen Raum mit den Erinnerungsstücken an Arnold Janssen und Mutter Maria Michaele drängen, lachen leise, die Freude über die Ehrung für ihre Gründerin war ihnen anzusehen. „Wir sind wirklich stolz und glücklich, dass eine Frau, die so von Gott gesegnet war, zu uns gehört,“ sagt Generaloberin Mutter Maria Elizabeth.
Mitfeiern und mitbeten wollten auch viele Steyler Patres aus der ersten Gründung von Arnold Janssen und Vertreterinnen der Steyler Missionsschwestern, denn auch dort hatte Mutter Maria Michaele gelebt, bis sie in den kontemplativen Zweig überwechselte. 

Eine von ihnen, Schwester Mechthilde Berger, ist als Historikerin beim Kirchengericht dabei: „Ich habe mich in Mutter Maria Michaele verliebt,“ gesteht sie. „Das war wirklich eine Frau von Fleisch und Blut. Sie wirkt auf den Bildern wie ein monolithischer Block, aber innerlich war sie eine Frau wie ein Vulkan.“

Das Ja-Wort kam aus Rom

Wie alle anderen Mitglieder des Kirchengerichts schwor sie auf die Bibel, „nach besten Wissen und Gewissen und gemäß den Richtlinien der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungen“ beim Kirchengericht mitzuarbeiten und nahm aus der Hand von Bischof Frans Wiertz ihre Ernennungsurkunde entgegen. Unterschreiben, Siegeln, Papiere zu den Akten geben – ein Seligsprechungsverfahren ist mit viel Papierkram verbunden. Aber für Bischof Wiertz ist auch die spirituelle Dimension wichtig: „Ordensleute sind Wegweiser zum Brunnen. Wir können nicht ohne Wegweiser sein, und wir danken den Schwestern, die ihr Leben dafür eingesetzt haben, solche Wegweiser zu sein.“ 

Er forderte die Schwestern auf, für die Seligsprechung ihrer Gründerin zu beten „und für uns alle, die wir Ihr Gebet brauchen“. Freudestrahlend konnte der Bischöfliche Delegat verkünden, dass das Nihil obstat („Nichts steht entgegen“) des Vatikans bereits erteilt worden war. Ohne das Okay aus Rom kann kein Verfahren zum Abschluss kommen.

Noch ist das Grab nur für die Rosa Schwestern zugänglich© Heinz Helf SVD
Noch ist das Grab nur für die Rosa Schwestern zugänglich

Viele Beteiligte, ein Ziel

Vor der Kommission liegt nun noch eine Menge Arbeit. Sie müssen historische Dokumente sichten, persönliche Briefe lesen, Augenzeugen in anderen Ländern hören. „Es gibt niemanden mehr, der sie persönlich gekannt hat,“ erklärt Stefaan van Calster. „Wir befragen Menschen, die von ihr gehört haben oder Zeitzeugen kannten.“ In diversen Kirchen wird eine Bekanntmachung aushängen, sodass sich auch Zeugen melden können, die sich gegen die Seligsprechung aussprechen wollen. Auch die Niederländische Bischofskonferenz muss ihr Votum abgeben.

Während geschworen, unterschrieben und gesiegelt wird, sitzt die Hauptperson zwischen ihren Schwestern und schweigt: Adolfine Tönnies, fotografiert im Gewand der Rosa Schwestern, gelassen wie ein Fels in der Brandung, den Blick in weite Ferne gerichtet. Was hätte sie gedacht angesichts des Wirbels um ihre Person? „Sie hätte sich gefreut,“ ist Mutter Maria Elizabeth, ihre Nachfolgerin überzeugt. „Nicht, weil sie im Mittelpunkt steht, sondern weil sie überzeugt wäre, dass für uns etwas Gutes daraus entsteht. Unsere Gesellschaft ist so individualisiert, jeder sucht sein persönliches Glück und ein bisschen Wellness - und spürt immer, dass etwas fehlt. Sie zeigt uns: Vollkommen glücklich wird man nur, wenn Gott diese Lücke füllt.“

Zum Kirchengericht gehört auch die Anbetungsschwester Maria Magdalena Kruse© Heinz Helf SVD
Zum Kirchengericht gehört auch die Anbetungsschwester Maria Magdalena Kruse

Ein Vorbild, auch für künftige Generationen

Als der Bischof mit einem Dankgebet den juristischen Teil abschließt, laden die Schwestern ihre Gäste ein, mit ihnen am Grab von Mutter Michaele zu beten. Das ist für Fremde normalerweise nicht zugänglich. Noch gehört Mutter Maria Michaele nur ihren Mitschwestern in der strengen Klausur. Doch Mutter Maria Elizabeth weiß um die Sehnsucht der Gläubigen, einer Seligen ganz nahe zu kommen. „Wir planen schon, wie wir das Grab verlegen können, damit Menschen an ihrem Sarg beten können.“ 

Schwester Maria Magdalena Kruse, die seit 34 Jahren hinter den Gittern des Anbetungsklosters lebt und ebenfalls in der Kommission nach ihrer Gründerin forschen wird, freut sich, dass nun eine starke Frau sichtbar wird, die Menschen von heute was zu sagen hat: „Wir suchen heute immer sofort nach Lösungen, in der Flüchtlingsfrage zum Beispiel, und das ist ja auch richtig. Aber manchmal gibt es keine schnellen Lösungen. Mutter Maria Michaele wusste das. Sie ist mit ihren Problemen – und sie hatte viele! – ins Gebet, zu Gott gegangen. Sie hat sich nicht hängenlassen, sie hat ihre Sorgen und Nöte an Gott abgegeben und wusste sie dort gut aufgehoben. Darin ist sie mir wirklich ein Vorbild geworden.“

Christina Brunner

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Leser-Kommentare

  • Karin Porath
    05.09.2015 22:36 Uhr

    Ein informativer und wunderbarer Artikel über die Seligsprechung von Mutter Maria Michaele.

 
 

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Mutter Maria Michaele

Mutter Maria Michaele© SSpSAP

Am 7. Januar 1862 wurde Adolfine Tönnis in Gelsenkirchen-Horst geboren und war nach ihrem Studium in Münster zehn Jahre lang als Lehrerin im norddeutschen Rendsburg tätig. Im Jahre 1891 trat sie in die 1889 von dem deutschen Priester Arnold Janssen gegründete Gemeinschaft der Steyler Missionsschwestern ein. Als daraus sieben Jahre später der kontemplative Zweig der Steyler Anbetungsschwestern hervorging, gehörte Adolfine Tönnies zu den ersten Schwestern, die wegen der Farbe ihres Ordenskleides im Volksmund auch „Rosa Schwestern“ genannt werden. Sie wurde bald Oberin und später Generaloberin ihrer Gemeinschaft, in der man sie Mutter Maria Michaele nannte. Sie gründete acht neue Anbetungsklöster in Amerika, Europa und Asien. Auch rief sie eine Anbetungsgemeinschaft ins Leben, die heute weltweit mehrere tausend Mitglieder zählt. Sie starb in Steyl am 25. Februar 1934. Heute leben ca. 350 Steyler Anbetungsschwestern in 22 Klöstern weltweit.