Interview

[Video] „Mir war das Unrecht nicht bewusst“

Sr. Justina Prieß OP lebt seit 1958 in Südafrika. Sie leitete während der Hochphase der Apartheid eine Schule mit getrennten Räumlichkeiten für Kinder unterschiedlicher Herkunft. Erst später wurde ihr die Grausamkeit dieses Unrechtssystems bewusst

Ohne jegliche Englischkenntnisse kam die Dominikanerin Justina Prieß 1959 nach dreiwöchiger Schifffahrt in Südafrika an. Sie war damals Anfang 20, hatte die deutsche Gründlichkeit verinnerlicht und begann ihre Arbeit mit der Überzeugung, alles, was europäisch sei, sei gut. "In fünf bis zehn Jahren sieht es hier so aus wie bei uns", dachte sie damals. Die Fremden sollten so leben wie die Deutschen, damit es ihnen ebenfalls besser ging. Doch schnell merkte sie, dass das nicht funktionieren würde.

Im Laufe ihrer Missionsarbeit wurde sie zur Leiterin einer Schule. Das Apartheidssystem nahm sie bis dahin nicht als Unrechtssystem wahr. Die Menschen, die sie unterrichtete, lebten in so verschiedenen Welten, hatten so unterschiedliche Erfahrungen, dass ihr eine Trennung der unterschiedlichen Ethnien auf unterschiedliche Schulgebäude logisch vorkam, um den unterschiedlichen Bedürfnissen gerecht zu werden. Erst später wurde ihr bewusst, wieviel Unrecht und Unterdrückung mit diesem System einhergingen.

Junge Menschen unterschiedlicher Hautfarbe gehen zusammen aus - in Südafrika eine Errungenschaft der letzten 20 Jahre© Tobias Böcher
Junge Menschen unterschiedlicher Hautfarbe gehen zusammen aus - in Südafrika eine Errungenschaft der letzten 20 Jahre

Als sie einem Mädchen mit kranker Mutter keinen Platz an ihrer Schule anbieten konnte, weil es die falsche Hautfarbe hatte, stellte dies eine Zäsur in Sr. Justinas Leben dar. Sie konnte nicht so weitermachen wie bisher. Sie sah das Bedürfnis der einheimischen Bevölkerung, sich weiter zu entwickeln und setzte sich verstärkt für sie ein. 

Im Jahr 2001 verließ sie den Schuldienst und widmete sich Flüchtlingen, die der englischen Sprache nicht mächtig waren. "Ich selber habe erfahren, dass man nur ein halber Mensch ist, wenn man sich nicht verständigen kann", erinnert sie sich an ihre Ankunft in Südafrika.

Rückblickend auf ihr Leben sagt sie: "Wir haben europäische Samen gesät, es gehen afrikanische Blüten auf, und die Früchte sind international. Aber im Kern hat sich vieles festgesetzt, was wir mitgebracht haben."

Tobias Böcher

Facebook Like aktivieren
 

Artikel kommentieren

 

0 Kommentare

 
 

Weitere aktuelle Beiträge

  • Zwei Bischöfe gehen in „Reha“

    Wer könnte es ihnen verübeln. Liborius und Kilian sind heilig und fast 800 Jahre alt. Außerdem haben sie seit 1815 ihren Platz über den Portaltüren des Paradiesportals am paderborner Dom nicht verlassen. Jetzt wurde es Zeit für eine Restauration

     
  • Angst beim Eierkauf?

    Viele Kunden fragen sich, ob sie bei den bunten Ostereiern auf ein Biosiegel achten, oder zu konventionellen Eiern greifen sollen. Der Geflügelwissenschaftler Prof. Dr. Michael Grashorn von der Universität Hohenheim erklärt, ob wir uns vor der aktuellen Geflügelpest fürchten müssen und vergleicht: Was ist gesünder, was schmeckt besser?

     
  •  
  • [Film] Die stadtgottes und ihre Förderer

    Was wäre eine Zeitschrift ohne die Menschen, die sie verteilen? Unser Film zeigt, wie wichtig die ehrenamtlichen Austräger, die sogenannten „Förderer“ für die Steyler sind. Schon Arnold Janssen konnte sich zu seiner Zeit voll und ganz auf die Förderer verlassen. Wir sagen Danke!

     
  • Wenn Jesus wieder lebendig wird

    Um die Ostertage ist in dem kleinen bolivianischen Städtchen San Miguel alles auf den Beinen, um das traditionelle Fest vorzubereiten.

     
  •