Reportage

Wenn Jesus wieder lebendig wird

Um die Ostertage ist in dem kleinen bolivianischen Städtchen San Miguel alles auf den Beinen, um das traditionelle Fest vorzubereiten.

Traditionelle Musiker aus San Miguel© Severin Parzinger
Traditionelle Musiker aus San Miguel

Es ist schon eine besondere Art und Weise, wie die Menschen hier in den ehemaligen Jesuitenreduktionen der Chiquitania ihren Glauben feiern, besonders in diesen vergangenen Tagen der Heiligen Woche. Das ganze Städtchen San Miguel ist auf den Beinen, unzählige Menschen helfen bei den Vorbereitungen der Prozessionsstatuen, schmücken Kirche und Wegaltäre oder sind selbst als traditionelle Musiker, Tänzer, Träger oder Schauspieler aktiv. Und ob Vorbereitung oder Prozession, Schauspiel oder begleitende Musik: alles ist „heiliges Geschehen“ und wird mit tiefer, innerer Devotion begangen. Angefangen vom Palmsonntag mit dem pompösen Einzug der Jesusstatue von der Kapelle namens „Betanien“ in die Pfarrkirche „Jerusalem“, gefolgt von den großen traditionellen Leidensprozessionen Mittwoch Abend, Gründonnerstag Abend und Karfreitag Abend bis hin zur Osternacht mit dem anschließenden freudigen Wettlauf nach „Galiläa“, wo sich Maria und ihr auferstandener Sohn wieder treffen und dazu Engelchen mit Lied und Tanz die Botschaft der Auferstehung verkünden: „Seborikotiato naki ubai Jesucristo, ¡aleluya! – Er lebt wieder, unser Herr Jesus Christus, halleluja!“ – es sind jahrhundertealte Riten, die dieses Volk zusammenschweißen, dessen kulturelle Identität begründen und lebendige Ausdrucksmöglichkeiten für Glaube, Leiden, Freude und Hoffnung bieten. Der ideale Zeitpunkt, um einen kleinen Einblick dieser Menschen und ihrer Kultur einzufangen, dachte sich auch das Filmteam von Steyl Medien, das uns die vergangene Woche hier begleitete.

Bruder Severin und die Musiker von San Miguel

Wenn ich mich mit den Menschen hier über ihre Kultur, über traditionelle Musik, Engelchentanz und all die Prozessionen unterhalte oder Aufnahmen für meine Arbeit mache, ist es jedes Mal wieder wie ein Eintreten in einen fremden, heiligen Kosmos, der ganz eigenen Regeln folgt. Oft ist es mühsam, braucht viel Geduld, geschicktes Nachfragen und großes Vertrauen, bis sie mich hinter die äußere Fassade des für alle Sichtbaren blicken lassen und mir die Tür öffnen zur geheimnisvollen Welt ihrer individuellen oder über viele Generationen überlieferten Deutungen und kreativen Interpretationen – zu der Welt, die dem ganzen Geschehen erst seinen tieferen Sinn gibt. Eine Welt, in der die biblischen Texte und Überlieferungen der christlichen Tradition ganz selbstverständlich in Raum und Zeit der greifbaren Gegenwart lebendig sind und verschmolzen werden mit den eigenen Lebenserfahrungen des Volkes; eine wirkmächtige Gedankenwelt, in der die Freude um den Auferstandenen genauso real ist wie das Schutzbedürfnis vor Dämonen oder das Bemühen um das Wohlwollen der „Naturgeister“; eine Welt, in der man letztlich die demütige aber auch erzwungene Unterwerfung der ursprünglichen indigenen Religionen unter „unseren Herrn Jesus Christus“ noch erahnen kann. Diese ganze geheimnisvolle Welt der Deutung der geerbten religiösen Traditionen war vor einigen wenigen Generationen noch mehr oder weniger allen Beteiligten und im Dorf Lebenden bekannt – eingeweiht wurde man durch die aktive Teilnahme und durch die traditionellen Ansprachen der Dorfautoritäten –, heute ist diese Deutungswelt den meisten Menschen hier unbekannt und verschlossen. Vielleicht auch ein Grund dafür, warum die aktive Beteiligung an den Prozessionen und Riten abnimmt. Gab es früher wohl nur „Akteure“ und kaum „Zuschauer“, so wird es heute zunehmend schwieriger, „Akteure“ zu finden, während die „Zuschauer“ immer mehr werden. Eine Welt und eine Kultur im Umbruch.

San Miguel wird von der UNESCO als Weltkulturerbe eingestuft© Severin Parzinger
San Miguel wird von der UNESCO als Weltkulturerbe eingestuft

Bei einem Besuch dieser Tage erklärt mir Don Asencio, einer der „Akteure“ und Musiker, was es mit den von ihm angeleiteten Männern mit den traditionellen Masken während der Auferstehungsfeierlichkeiten auf sich hat: „Die vier Männer mit diesen Masken sind diejenigen, die Jesus verraten und getötet haben. Früher, als ich Kind war, gab es noch viel mehr Maskenträger zu Ostern, acht von diesen hier und an die zwölf Männer mit doppelt so großen Masken. Also die vier haben jeder ein kleines Schild in Form einer Sonne mit Strahlen in der Hand, ganz rot und schwarz angemalt. Das symbolisiert die Sonne, die sich ja verdunkelt hat, als der Jesus gestorben ist. Die Sonne ist traurig, weil Jesus tot ist. Und in der anderen Hand haben die Maskenmänner ein blutrotes Messer, weil sie sagen: jetzt bringen wir Jesus um! Jetzt töten wir ihn!“ Auf meine unterbrechende Frage hin, warum das am Ostersonntag und nicht an Karfreitag präsentiert wird, wenn Jesus tatsächlich stirbt und Don Asencio selbst auf der Bambusflöte die Trauermelodie dazu spielt, stellt er klar: „Naja, deswegen haben die doch die Masken! Die haben Jesus getötet und bekommen dann mit, dass er wieder lebt. Der Engel mit seinem Halleluja verkündet ihnen ja, dass er auferstanden ist. Und dann schämen sie sich und wollen sich vor dem Auferstandenen verstecken, sie wollen von ihm nicht erkannt werden und ziehen sich Masken über.“

Nachgespieler Kreuzweg© Severin Parzinger
Nachgespieler Kreuzweg

Dass der traditionelle Engeltanz, der die Auferstehung verkündet, dieses Jahr wohl zum ersten Mal in der Geschichte des Dorfes nicht stattgefunden hat, kommentiert Don Asencio wie auch alle übrigen hier traurig und kritisch: „Das darf auf keinen Fall verloren gehen! Das ist doch das Wichtigste an Ostern, dass wir von der Auferstehung erfahren!“ Und da er von meinen Aufnahmen und meiner dokumentarischen Arbeit weiß, fügt er ganz motiviert und mit der für ihn schelmisch guten Laune hinzu: „Du hast das doch schon alles aufgenommen. Du kennst doch den Tanz und die Musik dazu. Besorg mir eine Geige, damit ich es auch lernen kann! Und dann zeigen wir es anderen, wie es geht, damit die weitermachen. Wir können doch nicht einfach so zuschauen, wie die Traditionen, die heilig sind und Gott uns gegeben hat, verloren gehen.“ Da kann ich doch nur zustimmen und ihm meine Unterstützung versichern. Es sind Menschen wie Don Asencio, die mir immer wieder neuen Mut machen und zum Weiterarbeiten inspirieren; es sind Menschen wie Don Asencio, in denen die Lebensfreude und Zuversicht der Auferstehung lebendig werden; es sind Menschen wie Don Asencio, die mir mit ihrem einfachen, selbstverständlichen Leben von der Gegenwart Gottes erzählen – von einem Gott, der trotz Leiden und Tod „wieder lebt“.

Severin Parzinger

Lesen Sie auch: Jesus stirbt in Togo

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