Gesellschaft

Thema Frieden aktuell wie nie

Zum Auftakt des 101. Deutschen Katholikentags in Münster hat der gastgebende Bischof Felix Genn das ausgewählte Leitwort "Suche Frieden" als "brandaktuell" bezeichnet und rief dazu auf, den Katholikentag nicht als harmonisches Friedensfest misszuverstehen

In Münster wird unter dem Motto "Suche Frieden" der 101. Katholikentag gefeiert© Katholikentag
In Münster wird unter dem Motto "Suche Frieden" der 101. Katholikentag gefeiert

"Wir hätten kein besseres finden können", sagte Bischof Genn am Mittwoch bei der Auftaktpressekonferenz des Katholikentreffens. Er verwies auf die historischen Daten des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) sowie auf das Ende des Ersten Weltkriegs 1918 und das turbulente Umbruchsjahr 1968, die 2018 im Blickpunkt stünden. Doch auch die gegenwärtige Welt, die Gesellschaft, die Familien und "leider auch unsere Kirche" befänden sich in einem Zustand des Unfriedens.

Die Welt scheint nach den Worten von Genn aus den Fugen geraten zu sein. Die Nachrichten führten einem die Friedlosigkeit jeden Tag schmerzhaft vor Augen. Die Katholiken rief er auf, das Treffen in Münster zu nutzen, um den politisch Verantwortlichen zu signalisieren: "Wir haben genug von Krieg und Gewalt. Setzen Sie sich mit allen friedlichen Mitteln, die Ihnen zur Verfügung stehen, dafür ein, dass die Kriege in Syrien und an den anderen Brandherden dieser Welt beendet werden! Mit Waffenlieferungen in Kriegsgebiete geht das nicht!"

Zugleich ging der Bischof auf den Ausstieg der USA aus dem Atomabkommen mit dem Iran ein, das US-Präsident Donald Trump verkündet hatte. Bei allen Fragen, die man über die Vereinbarung stellen könne, sei dies ein "verheerendes Signal" Dabei werde gerade von den wichtigen Verantwortlichen Rationalität benötigt. Mit Blick auf die Bundesrepublik verwies Glenn auf eine in den vergangenen Jahren zunehmende Verrohung des gesellschaftlichen Diskurses von rechter Seite. Auch dies habe nichts mit Rationalität zu tun. Denn: "Dumpfe rechtspopulistische Parolen haben weder mit dem Christentum noch mit dem Abendland, geschweige denn mit der Suche nach Frieden zu tun." Christen könnten dagegen am Katholikentag ihre Stimme erheben. Rassismus, Fremdenfeindlichkeit oder Hetze gegen Menschen mit Behinderungen müssten auch als das benannt werden, was seien, nämlich menschenfeindlich und "zutiefst unchristlich".

Der Bischof rief dazu auf, den Katholikentag nicht als harmonisches Friedenstreffen misszuverstehen. Vielmehr müssten diese "Propagandisten und Lautsprecher" in ihre Grenzen verwiesen werden. Zugleich verteidigte er die Einladung des kirchenpolitischen Sprechers der AfD, Volker Münz. "Meine Damen und Herren, die sind in unseren Gemeinden und die schreiben mir." Genn riet dazu, hinzuhören und mit den Leuten zu sprechen: "Es ist da. Leider."

Bischof Felix Genn© Katholikentag
Bischof Felix Genn
Besorgniserregende Tendenzen sieht Genn auch im Blick auf das Miteinander der Religionen. Sie machten die Suche nach Frieden dringlicher denn je. Antisemitismus sei überall, aber gerade in Deutschland unerträglich. Dazu komme eine "völlig überflüssige Schein-Debatte" über die Frage, ob der Islam zu Deutschland gehöre. Diese sei insofern nicht förderlich für den Frieden, da sie dazu beitrage, irrationale Vorurteile und Ängste zu bestärken. Die muslimischen Menschen in Deutschland gehörten natürlich hierher, viele von ihnen seien längst Bürger dieses Landes.

Auch das Miteinander unter den deutschen Bischöfen sei zuletzt nicht nur friedvoll gewesen, räumte der Bischof ein. Das Motto des Katholikentags gelte deshalb auch für sie. Zum jüngsten Treffen von deutschen Bischöfen mit Vertretern der Kurie in Rom über die Zulassung protestantischer Ehepartner zur Kommunion, an dem Genn teilnahm, sagt er, es gelte jetzt für alle Bischöfe das Wort seiner Mutter. Diese habe ihm und seinen Geschwistern nach einem Streit stets geraten: "Vertragt Euch!"

Weiter brach der Bischof eine Lanze für die Meinungs- und Pressefreiheit. "Frieden erreichen wir nur mit einer freien, kritischen, unabhängigen und wahrheitsgemäßen Berichterstattung." Diejenigen, die weniger den Frieden suchten als vielmehr Hass, Unfrieden und Gewalt, hätten längst die Bedeutung der Medien, gerade auch die Macht der Bilder, erkannt und schränkten die freie Berichterstattung ein. Auch die Kirche sei in den vergangenen Jahren immer wieder im Mittelpunkt einer kritischen Berichterstattung gestanden. "Das passt uns nicht immer, aber ohne einen kritischen Journalismus hätten wir uns vielleicht in vielen Feldern nicht soweit bewegt, wie wir das haben", gab Genn zu.

Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Thomas Sternberg, nannte den Katholikentag in Münster nach 88 Jahren Abstinenz "überfällig". Auch die Zahlen mit mehr als 50.000 Menschen, die eine Dauerkarte erworben hätten, und rund 20.000 Tagesteilnehmern sprächen für einen "sehr großen Zuspruch". Seit dem historischen Katholikentag 1990 in Berlin, kurz nach dem Mauerfall, hätten nicht mehr so viele Menschen den Weg zum Katholikentag gefunden. Auch wenn die Zahlen nicht der Grundmesser für den Erfolg eines solchen Treffens seien, so freuten sie einen natürlich, sagte Sternberg.

Der Katholikentag, dessen Veranstalter das ZdK ist, solle deutlich machen, dass Gerechtigkeit und Frieden untrennbar miteinander verbunden seien, so Sternberg. Christen seien überzeugt, dass alle Menschen in gleicher Weise Kinder Gottes seien und jedem die gleiche Würde zustehe. Das Treffen werde eine klare Manifestation gegen Populismus und Fremdenfeindlichkeit in Deutschland sein sowie für die Bereitschaft der Christen zu Solidarität, Toleranz und Verantwortungsbereitschaft. Weiter kündigte der ZdK-Präsident an, dass auch über die Fragen der Ökumene, der Gemeindefusionen, den Priestermange und die Rolle der Frau in der Kirche diskutiert werde.

Die aktuelle Diskussion um Kreuze in den öffentlichen Räumen hat laut Sternberg erneut gezeigt, wie rasch die Frage nach dem Verhältnis von Religion in Staat und Gesellschaft in den Mittelpunkt gerate. Nur gegenseitiges Verstehen ermöglicht seiner Ansicht nach ein friedliches Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Religionen und Konfessionen in einer Gesellschaft.

Katholikentag

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