Schnäppchenjagd – aber wir machen uns kaum Gedanken, dass wir oft Kosten der Ärmsten ein paar Euros sparen. Über mangelnde Solidarität sprach stadtgottes-Chefredakteur Albert Herchenbach mit Pater Bernd Werle, dem wiedergewählten Provinzial der Steyler Missionare.
Achim Hehn/akim-photo
stadtgottes: Sie sind für weitere drei Jahre zum Provinzial der Steyler Missionare in Deutschland gewählt worden. Eher Last oder eher Lust?
Pater Bernd Werle: Wenn es nur eine Last wäre, hätte ich mich für die Aufgabe nicht mehr zur Verfügung gestellt. Ich besuche immer noch gern unsere Niederlassungen und gehe gern zu meinen Mitbrüdern. Auch bin ich trotz all dem Schweren, das das Amt mit sich bringt, noch nicht frustriert. Zudem macht es mir Freude, etwas gestalten zu können. Ausschlaggebende kleine Argumente, noch einmal zur Verfügung zu stehen.
Ein Missionsorden ist auf die Solidarität der Mitmenschen angewiesen. Wie ist es darum bestellt?
Ich möchte auf zwei Aspekte hinweisen. Zum einen, wie sieht das solidarische Engagement für die Eine Welt in unserer Ordensgemeinschaft selbst aus? Da sehe ich noch Bedarf, uns stärker zu profilieren. Zum anderen stellt sich die Frage, wie man missionarisches Bewusstsein bildet und Menschen gewinnt, die sich solidarisch für Projekte in Ländern der sogenannten Dritten Welt engagieren.
Machen die Menschen einen Unterschied zwischen dem Elend vor ihrer Haustür und dem in den Entwicklungsländern?
Das Hemd ist einem immer näher als der Rock. Eine Katastrophe vor der Haustür ist leichter zu vermitteln als eine Not in Afrika und Asien. Die Spendenbereitschaft ist hoch, wenn es um Katastrophen geht, die uns von den Medien zeitecht vor Augen geführt werden. Sobald das mediale Feuer vorbei ist, verschwinden aus den Köpfen auch die Opfer. Für eine Aus-den-Augen-aus-dem- Sinn-Solidarität stehen wir Steyler nicht! Wir stehen dafür, dass wir das Faktum, dass es Menschen auf der südlichen Halbkugel gibt, die nicht an den Reichtümern dieser Erde teilhaben, in unseren Lebensentwurf als Konstante einbauen. Unsere Missionare - egal, ob es Europäer, Afrikaner oder Asiaten sind - arbeiten vor Ort mit diesen Menschen zusammen und benötigen unsere Solidarität, um weiterhelfen zu können. Und zwar so, dass die Menschen fähig werden, sich selbst helfen zu können.
Wie definieren Sie denn Solidarität? Reicht es, wenn ich im Jahr 500 Euro spende?
Solidarität hat erst einmal nichts damit zu tun, dass ich das, was ich in meinem Geldbeutel habe, drittele oder viertele. Solidarität hat wesentlich mit einem Bewusstseinswandel zu tun: Ich muss mir klar werden, dass ich in einer privilegierten Situation lebe, die ich mir nicht vollständig selbst verdanke. Und dass andere Menschen in einer sehr viel schlechteren Situation leben, die sie nicht notwendig selbst verschuldet haben. Was uns eint, ist unser Menschsein und, dass wir aufeinander angewiesen sind. Solidarität bekommt den anderen als Menschen wie ich in den Blick und sorgt für ein wohltuendes und Leben förderndes Miteinander. Damit verknüpfen sich dann auch eine ökologische und eine ökonomische Komponente.
Nennen Sie doch mal ein konkretes Beispiel.
Wir studieren ja montags und donnerstags die Zeitungsanzeigen der großen Discounter. Da ist mir einmal ein günstiges Angebot von Aldi für Langlaufkleidung aufgefallen. Ich habe im Internet recherchiert und festgestellt, dass diese Kleidung, die Aldi so günstig anbietet, in China produziert wird. Und zwar in Fabriken, wo die Besitzer nicht darauf achten, dass die rechtlichen Minimalstandards eingehalten werden: angemessene Löhne, Gesundheitsvorschriften, Verbot der Kinderarbeit. Damit geraten solche Angebote ins Zwielicht. Meine ethische Verantwortung ist gefragt. Wer also heute unbedacht und uninformiert bei uns auf Schnäppchenjagd ist, kann dazu beitragen, dass anderswo Menschen ausgebeutet werden.
Wenn ich dieses Rad weiterdrehe, bedeutet das in der Konsequenz, dass ich auch keinen Kaffee mehr von Tchibo, Dallmayr oder Jacobs kaufen kann, weil der von Großgrundbesitzern stammt, die ihren Kaffee zu Lasten der Kleinbauern produzieren. Ich dürfte also nur noch Fair-trade-Kaffee kaufen.
Ja. Das wäre die Konsequenz.
Solidarität bedeutet also auch, dass ich hinter den Produkten die Menschen sehe, die sie herstellen ...
... und mit meinem Kaufverhalten nach Möglichkeit jene unterstütze, die sich um mehr Gerechtigkeit bemühen. Dabei ist zu beachten, dass christliche Sozialprinzipien nicht nur danach fragen, ob etwas "gerecht" ist. Sondern: Geht es derart rechtens zu, dass gerade der Ärmste und der Schwächste nicht weiter ausgebeutet wird?
Kann es sein, dass Wohlstand Solidarität zerstört?
Nicht notwendigerweise. Ob jemand solidarisch ist, hat nichts damit zu tun, ob jemand viel oder wenig Geld in der Tasche hat. Es hat damit zu tun, ob ein Mensch den Egoismus, der uns angeboren zu sein scheint, bekämpft und überwunden hat.
Egoismus ist angeboren?
Ja. Wir wollen erst einmal alles nur für uns selbst haben. Teilen bringt man uns in der Regel in der Familie bei. Wie oft habe ich gesehen, dass ein Kind eine Tafel Schokolade geschenkt bekommt und ihm die Mutter sagt: "Teil sie mit deinen Geschwistern." Viel anspruchsvoller jedoch ist es zu lernen, dass Teilen auch schön sein kann.
Liebe, heißt es so schön, ist das Einzige, was sich vermehrt, wenn man es teilt. Warum tun wir uns so schwer mit der Solidarität? Ist es Angst?
Es ist schon die Angst im Spiel, etwas zu geben, ohne dass man etwas dafür zurückbekommt. Entsprechend der alten Regel Ich gebe, damit du gibst' findet eine gefährliche Ökonomisierung unseres Lebens statt. Alles hat seinen Preis und für jeden Preis muss es eine entsprechende, kontrollierbare Leistung geben. Wir merken dies auch im Verhalten von Spendern. Früher sagten die Leute: "Pater, hier haben Sie 50 Mark für die Mission." Heute unterstützen die Leute am liebsten ganz klar umrissene Projekte. Dahinter steckt auch ein wenig ökonomisches Denken: Ich bekomme für das, was ich investiere, auch etwas raus, ein verwirklichtes Projekt, wo ich sehen kann, dass auch was Fassbares aus meiner Spende geworden ist.
Ist das denn verwerflich?
Nein, ich finde das okay. Dennoch sollte man sich bewusst bleiben, dass Solidarität mehr ist als ein Aufrechnen von Leistung und Gegenleistung.
Wenn man die Politik unserer Regierung verfolgt, hat man nicht den Eindruck, dass Solidarität einen großen Stellenwert genießt.
Wenn eine liberale Partei eine Politik der Kosten-Nutzen- Solidarität propagiert, kann ich das vor dem Hintergrund ihrer neoliberalen Wirtschaftsideologie gut verstehen. Wenn aber eine christlich-demokratische Partei eine Politik macht, in der Solidarität gerade mit den Schwachen politisches Handeln immer weniger bestimmt, kann ich das nicht verstehen. Ich frage mich dann, wie weit eine solche Partei noch im christlichen Menschenbild, und zwar nicht nur in einem ganz vagen, verankert ist und inwieweit für sie die Prinzipien christlicher Sozialethik noch ein Maßstab für die Politik sind. Da sehe ich leider schwarz
Mai 2010
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