Tausende Kinder wurden in Irland missbraucht. Die Gläubigen sind verunsichert, die Priester und Ordensleute sind bemüht, wieder Vertrauen zu gewinnen. Steyler Missionare wie Pater Vincent Twomey helfen, die Vergangenheit aufzuarbeiten.
Fotos: privat, Stephen Wilson/WPN/agentur-focus
Es ist einer jener Vormittage in Irland, an denen man sich in dieses Land einfach verlieben muss. Auf dem saftigen Grün der Wiesen glitzert noch der Morgentau, in den Pubs werden die Zapfhähne poliert und im Supermarkt von Mr. Quarters im Zentrum von Kildare gibt es frisches irisches Roastbeef im Sonderangebot. "Ich kenne kein besseres Fleisch", wirbt Quarters, "es ist ein kulinarischer Genuss", und erwähnt gleich im nächsten Satz nicht ohne Stolz, dass sein Laden bereits seit 1840 im Besitz der Familie sei. "Ohne Unterbrechung, immer nur die Quarters, immer mit bester Qualität." In Kildare legen sie großen Wert auf Traditionen.
Und so kam es, dass in dem kleinen Städtchen 40 Kilometer östlich von Dublin nicht nur seit Ewigkeiten die schnellsten Pferde der Grünen Insel gezüchtet werden, sondern dass man auch mit großem Enthusiasmus über die Nachbardörfer schimpft, vor allem über Newbridge, und sich am Sonntag zum Kirchgang trifft. Der aktuelle Kirchenanzeiger der katholischen Pfarrgemeinde hängt selbstverständlich gleich neben den neues ten Lotterie-Quoten an der Kasse von Mr. Quarters´ Supermarkt. "So muss das sein", sagt der Geschäftsmann, "so gehört sich das. Willkommen in Kildare, willkommen in Irland. Mein Beef gibt´s heute zum Sonderpreis."
Gleich hinter dem Laden, neben der Kathedrale St. Brigida´s, einem Bauwerk aus dem 13. Jahrhundert, steht der Round Tower, der runde Turm. Der ist rund 40 Meter hoch und wurde im 12. Jahrhundert errichtet. Die Experten streiten sich noch, wozu er diente, vermutlich läuteten Mönche mit ihren Glocken von dort oben. Wer dem heutigen Turmwächter Bill Murphy vier Euro bezahlt und sich vor einigen steilen Leitern im Inneren des Gebäudes nicht fürchtet, hat von dort oben einen grandiosen Blick auf die sanft-hügelige Gegend, die Dächer der Stadt, die Pferderennbahn, die Kathedrale. "Es ist eine Idylle", sagt Bill, "aber nicht immer ist die Welt so, wie sie erscheint. Gerade in Irland. Gerade in Kildare." Was er damit meint? Bill Murphy zuckt mit den Schultern und fragt zurück, ob man keine Zeitung lese. Einige Enten fliegen in Formation über den Friedhof hinweg Richtung Newbridge.
Willkommen in Irland, willkommen in Kildare. Die kleine beschauliche Stadt mit dem mysteriösen Turm und der langen Geschichte spielt eine bedeutende Rolle in einem Skandal, der die katholische Kirche Irlands seit Monaten erschüttert und natürlich auch die Steyler Missionare auf der Grünen Insel bewegt, wenngleich sie unmittelbar gar nicht betroffen sind. Eine Untersuchungskommission kommt in einem Bericht zu dem Schluss, dass physische und emotionale Misshandlungen in katholischen Institutionen des Landes über Jahre an der Tagesordnung waren.
Besonders Jungen wurden dabei missbraucht, geschlagen, erniedrigt. Und das seit den 30er-Jahren. In den geschlossenen Einrichtungen lebten bis zu 40 000 Kinder. 40 000 Kinder, von denen viele nur eine Nummer hatten. John Kelly, selbst Opfer, der die grausamen Geschichten öffentlich machte, hieß 253. Wie konnte das passieren? Irland ist tief katholisch, in kaum einem anderen Land der Welt sind die Netze zwischen Staat, Kirche und Gesellschaft so eng wie dort. Deshalb schauten alle weg, verschwiegen, drohten, schüchterten ein. Politiker, Behörden, Polizei, Bischöfe, alle.
Auch James Moriarty, der Bischof von Kildare, der Stadt mit dem Turm. Ein 2000-Seiten-Bericht einer Richterin dokumentiert, dass sich mehr als 300 Kinder zwischen 1974 und 2004 in der Erzdiözese Dublin darüber beschwerten, von Priestern missbraucht worden zu sein. Moriarty war damals Weihbischof, wusste davon, schwieg, kehrte unter den Teppich. Es konnte nicht sein, was nicht sein durfte, nicht in der heiligen Mutter Kirche, nicht in Irland. 2002 wurde er Bischof in Kildare, im Dezember letzten Jahres reichte er seinen Rücktritt ein, den der Papst vier Monate später annahm. Insgesamt mussten vier Bischöfe ihr Amt aufgeben.
Seither ist in Irland nichts mehr so, wie es war. Auch nicht in Kildare. Zwar wurden alle betroffenen Einrichtungen, Heime und Internate geschlossen, nachdem das Martyrium der Jungen ans Licht der Öffentlichkeit kam, aber die Gläubigen sind tief verunsichert. Wer in Irland zur Welt kommt, wird mit einer Wahrscheinlichkeit von fast 80 Prozent katholisch. "Da stellt man sich plötzlich die eigentlich undenkbare Frage, ob es gut ist, dieser Religionsgemeinschaft anzugehören, die so viel Schuld auf sich geladen hat", sagt Mr. Quarters. Ja, er habe eine Wut auf die Täter und die Vertuscher, eine unbändige Wut sogar, einen Zorn, der ihn an vielen Tagen zu zerreißen drohe. "Priestern und Ordensleuten habe ich mein ganzes Leben lang blind vertraut - und jetzt das." Er sortiert sein Fleisch in der Theke, holt eine Palette Cornflakes aus dem Lager, wechselt das Etikettenband an der Gemüsewaage. "Es ist nicht zu fassen."
Einer von Mr. Quarters Stammkunden ist Adrian Carbery, der Priester von Kildare. Er wird in seiner Gemeinde unterstützt vom Steyler Missionar Gaspar Habara, einem Slovaken, der sich in besonderer Weise um die Migranten in Kildare kümmert. Meistens kommt Carbery am frühen Nachmittag kurz zu Quarters, parkt sein Auto vor der Statue der heiligen Birgit, kauft etwas Obst und Mandelkekse. Der Supermarktbesitzer und er haben an vielen Tagen über den Skandal diskutiert und sind einer Meinung: Jede einzelne Geschichte muss aufgearbeitet werden, so etwas darf nie wieder passieren. Pfarrer Adrian ist seit zehn Jahren in der Stadt und war davor Seelsorger in Brasilien.
Jetzt sitzt er in seinem kleinen Pfarrhäuschen in einem Wohngebiet am Esstisch und sagt, dass er sich als Priester nicht mehr frei fühle. Gaspar Habara SVD auch nicht. "Die Leute schauen einen an, als wäre man ein Verbrecher. Einige Kollegen trauen sich nicht mehr, als Geistliche erkennbar auf die Straße zu gehen, wir stehen unter Generalverdacht." Auch wenn ihm viele aus der Gemeinde beteuern, dass sie zu ihm halten, weil sie wüssten, dass er sich nie etwas zuschulden hat kommen lassen, weiß er, dass genau dies die Masche vieler Priester und Brüder war: sich das Vertrauen erschleichen, Abhängigkeiten schaffen, missbrauchen.
Deshalb gibt es in seiner Kirche und in seinem Gemeindezentrum neuerdings strenge Regeln. Ministranten müssen in einem Buch genau dokumentieren, wann sie gekommen sind, wer alles da war, wann sie nach Hause gingen. Gruppenräume dürfen niemals von einem einzelnen Erwachsenen betreten werden, wenn sich ansonsten nur Kinder darin befinden. In einer Anweisung der katholischen Kirche von Irland steht sogar, dass Kinder und Jugendliche, die sich etwa bei einem Ausflug verletzt haben, nicht körperlich von Erwachsenen getröstet werden dürfen. Pfarrer Carbery: "Früher war es ganz normal, dass ich ein weinendes Kind auf den Schoß genommen habe, so, wie das jeder andere Mensch auch machen würde. Das geht jetzt nicht mehr, das ist jetzt verboten."
Für Margie Sheraden, seine Pfarrsekretärin, hat sich die Arbeit seither fast verdoppelt, weil sie über jede Veranstaltung in der Gemeinde, an der Kinder beteiligt sind, einen Bericht verfassen muss. "Vielleicht übertreiben wir jetzt in Irland", sagt sie, "aber das ist die einzige Möglichkeit, wieder Vertrauen aufzubauen." Adrian Carbery, der Pfarrer, ist davon überzeugt, dass künftig bereits in den Priesterseminaren darauf geachtet werden muss, gute Kandidaten zu finden und diese dann besser darauf vorzubereiten, was es heißt, Priester oder Ordensmann zu sein.
Pater Vincent ist Steyler Missionar, lebt mit sieben weiteren Patres im Ordenshaus in Maynooth und war bis vor drei Jahren Moraltheologe an diesem Priesterseminar. Bereits vor zehn Jahren, beteuert er, wurden die Auswahlverfahren für die Kandidaten verschärft und vermehrt auch Frauen als Professorinnen oder Lehrer engagiert. Eine gute Sache. Andererseits sei er überzeugt davon, dass nicht die Kirche sich ändern müsse, denn die Kirche sei keine menschliche, sondern eine göttliche Institution.
"Der Mensch muss sich fragen, was er innerhalb der Strukturen falsch gemacht hat", ist sich der ehemalige Schüler von Joseph Ratzinger sicher. Dass jedenfalls Priester, die sich an Kindern vergangen haben, von den eigenen Leuten und der eigenen Institution geschützt werden, sei mit der Moraltheologie nicht vereinbar. "Es muss jedem klar sein, dass das eine Sünde ist." Er wünscht sich, dass die Pfarrer in Irland irgendwann wieder das sein können, für das die allermeisten von ihnen so geschätzt wurden: Ansprechpartner und echte Seelsorger, die keine Sprechstunden haben, wie etwa in Deutschland, sondern zu denen jederzeit jeder kommen darf. Die aktiv den Glauben vermitteln und nicht darauf hoffen, dass der bisherige Automatismus "Der Ire ist sowieso Katholik" weiterhin funktioniert. "Wenn wir das nicht schaffen, dann suchen sich die Gläubigen in unserem Land ganz schnell Alternativen", ist er überzeugt. "Das zu verhindern ist auch eine zentrale Aufgabe unseres Ordens in der Zukunft. Wir sind glücklicherweise unbelastet und können selbstbewusst die Frohe Botschaft in unseren Einrichtungen und in den von uns betreuten Gemeinden verkünden."
Oktober 2010
25. April, Welt-Malaria-Tag: Alle 30 Sekunden stirbt ein Kind an dieser Krankheit. Ein vermeidbares Leiden, denn es trifft vor allem Menschen, die im Elend leben. Eine Steyler Schwester versucht, die Plage einzudämmen.
Brauchen Bolivianer Beethoven? Sie meinen nein? Severin Parzinger, ein leidenschaftlicher Geigenspieler, hat als „Missionar auf Zeit“ Kindern Musikunterricht gegeben – und erlebt, wie sie ihr Herz für Gott öffneten