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Reue und Sühne

Groll frisst Seelen auf: Verletzt, gekränkt, beleidigt: „Mit dem rede ich nie wieder!“, schwor sich stadtgottes-Redakteur Xaver Schorno, als sein bester Freund ihm untreu wurde. Bis er nach Monaten erkannte, dass er sich mit seiner Wut selbst schadet

F1 Online/Fancy
Mit Thomas verband mich eine innige Freundschaft. Wir waren etwas über 20. Gott und die Welt gehörte uns. Wir schrieben einander fast täglich Briefe, erzählten uns von unseren geheimsten Wünschen, Träumen und Fantasien. Noch nie hatte ich einen Menschen gehabt, dem ich so uneingeschränkt, ohne jegliches Misstrauen mich und mein Leben anvertrauen konnte. Ich hielt den siebten Himmel buchstäblich in den Händen. Gemeinsame Leidenschaften verbanden uns - das Hermann-Hesse-Fieber, der Fußball und die Marotte, uns gegenseitig jeden Samstag einen Kuchen zu backen (aber das ist eine andere Geschichte).

Im Sommer 1972 planten wir eine gemeinsame Ferienreise entlang der Romantischen Strasse. Plötzlich Funkstille. Mein Freund ignorierte mich, beantwortete keine Briefe mehr. Über meinen Bruder erfuhr ich: Thomas hat sich mit einem gemeinsamen Freund von uns zusammengetan und ist mit ihm auf "unsere" Reise gegangen. Eine böse Geschichte. Freundschaftsverrat. Ich war untröstlich, verletzt und gekränkt, über ein Jahr blockiert. Und ich war überzeugt: vergeben, verzeihen - nie und nimmer. Aber dann las ich zufällig in einem Kalender den Spruch: "Wer an seinem Schmerz festhält, bestraft sich letzten Endes selbst." Ich horchte auf, überlegte. "Suhle" ich mich zu sehr in meinem Schmerz? Mache ich ihn zum Alibi für meine schlechten Schulleistungen? Wälze ich die Verantwortung für mich und mein Leben auf die erlittene Verletzung ab? Mehr passierte vorerst nicht. Die depressive Verstimmung blieb.

Der Gedanke aber "ich bestrafe mich letzten Endes selbst" setzte sich im Kopf fest. Und: Ohne Vergebung gibt es keinen Neuanfang. Nach weiteren zwei, drei Monaten schaffte ich die Befreiung. Ich sagte mir: Ich muss den Blick wenden und die Hoffnung auf eine bessere Vergangenheit aufgeben. Die Zukunft ist mein Leben. Das Warten auf Thomas, auf eine Erklärung bringt mich nicht weiter. Ich muss die Initiative ergreifen, ob, wann und wie ich verzeihen will. Solche Einsichten gaben mir letztlich den Mumm, einen Schlussstrich unter die Hassgefühle zu ziehen. Ich ließ radikal los, schrieb einen Brief (mit versöhnlichem Inhalt, ohne Forderungen und Zeigefinger).

Die Antwort blieb aus, aber das war unwichtig. Ich hatte meinen Groll abgelegt, mich mit Thomas versöhnt. Ob man Vergebung, Verzeihung, Versöhnung lernen kann? Ich bin mir nicht sicher. Wichtig scheint mir der "Türöffner" - ein Impuls von außen, der den selbst gewobenen Kokon aufbricht. Zum Beispiel ein Gespräch mit Freunden oder einem Psychologen. In meinem Fall war das Kalender-Zitat der "Türöffner". Es ermöglichte ein Innehalten im sturen Schmerz, die Auseinandersetzung mit meinem "Zustand".

Die Schweizer Psychologin Verena Kast schreibt in ihrem Buch "Wenn wir uns versöhnen": "Zur Versöhnung müssen wir uns entschließen. Wir können sie nicht fordern, aber vielleicht fördern. Sich versöhnen ist mehr als verzeihen, beruht aber auf dem Verzeihen. Um verzeihen zu können, muss man die Verletzung wahrnehmen, den Ärger oder die damit verbundene Scham spüren, aber auch verstehen, warum es zu dieser Situation gekommen ist." Beim Studium für dieses Thema fiel mir auch auf, dass "Bitte um Entschuldigung" und "Vergebung" eng miteinander verknüpft sind.

Ich entschuldige mich, du vergibst mir. Oder umgekehrt. "Es tut mir leid" gehört zu den Zaubersätzen in unserem Alltag. Und er zeigt Wirkung. Verena Kast: "Die Entschuldigung stimmt den Menschen, dem wir etwas angetan haben, milder. Die Entschuldigung hat aber auch eine Wirkung auf den, der sich entschuldigt: Mit der Tat oder mit dem Verhalten haben wir uns auch von uns selbst entfernt. Mit der Bitte um Entschuldigung kommen wir uns selbst wieder nah." Wir tun uns oft schwer mit einer Entschuldigung. Selbst im Kleinen. Schade! Sie könnte auch ein "Türöffner" sein für das Verzeihen. Für Täter und Opfer.

März 2011

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