Weiter wie bisher? Nach der wohl größten Krise der katholischen Kirche vermissen viele Gläubige den neuen Aufbruch. Was jetzt passieren muss, darüber sprach stadtgottes-Chefredakteur Albert Herchenbach mit Alois Glück, Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken
Sarah Rubensdörfer
stadtgottes: Herr Glück, Sie sind vor über einem Jahr zum Präsidenten des Zentralkomitees der deutschen Katholiken gewählt worden. Wann haben Sie zum ersten Mal das Gefühl gehabt, gegen Windmühlen anzukämpfen?
Alois Glück: Bislang überhaupt nicht. Ich erlebe sehr viel Unterstützung. Auf Veranstaltungen werde ich oft angesprochen von Menschen, die sich ermutigt fühlen, weil ich Dinge benenne, die sie auch selbst spüren.
Alois Glück: Das Zentralkomitee, sagen Kritiker, kommt seit Jahrzehnten immer mit denselben Themen um die Ecke: mehr Mitsprache für Frauen, Apostolat der Laien, weltoffene Sexualmoral, Akzeptanz wiederverheiratet Geschiedener.
Glauben Sie, dass sich in Ihrer Amtszeit etwas bewegt?
Das sind natürlich Themen, die seit Jahrzehnten auf der Tagesordnung stehen, aber letztlich tabuisiert und weggedrückt wurden. Durch den Missbrauchsskandal hat sich in der Kirche etwas Zentrales verändert: Die Menschen stehen im Mittelpunkt und nicht mehr der falsch verstandene Schutz der Institution Kirche. Daraus erkenne ich eine fortführende Linie. Etwa wenn der Erfurter Bischof Wanke als Leitbild für die Zukunft eine dem Menschen dienende Kirche vorschlägt. Aber wir werden uns im Zentralkomitee nicht beschränken auf die innerkirchlichen Fragen. Auf der letzten Vollversammlung haben wir brennende Themen aufgegriffen: Viele Menschen hungern, weil sich ein Teil der Spekulation von den Finanz- auf die Nahrungsmittelmärkte verlagert hat mit der Folge, dass sich viele Menschen in den ärmeren Ländern Lebensmittel nicht mehr leisten können.
Haben Sie bei Ihrer Arbeit die Mehrheit der Laien hinter sich?
Die Mehrheit wünscht sich in der Kirche wieder eine Gesprächskultur, wie wir sie nach dem Konzil hatten: dass alles, was die Menschen bewegt, offen und angstfrei diskutiert werden kann. Auf einer Konferenz mit Vertretern der Bischofskonferenz wurde gemeinsam festgestellt, dass zu Fragen der Sexualethik kein Moraltheologe mehr etwas veröffentlicht hat, aus Angst, er könnte sofort abgestraft oder ausgegrenzt werden, wenn er nicht die offizielle kirchliche Position vertritt. Wir müssen gesprächsfähiger werden.
Wir, damit meinen Sie ...
Wir, das ist die Kirche als Ganzes. Es gibt aus meiner Sicht zwei Bezugspunkte für die Aufgaben, die vor uns liegen. Der eine ist die Kernaufgabe der Kirche: Wie können wir die Botschaft des Evangeliums, die ja eine Botschaft der Liebe Gottes zu den Menschen ist, den Menschen in ihrer heutigen Lebenswelt wieder zugänglich machen? Der zweite Punkt: vom Menschen her denken. Was benötigt er heute? Dem hat sich alles unterzuordnen. Strukturen und Ämter sind kein Selbstzweck.
Wie geht das ZdK denn mit dieser weitverbreiteten Resignation der Gläubigen um: "Wir können ja doch nichts ändern!"?
Früher habe ich mich mit innerkirchlichen Befindlichkeiten nicht so sehr beschäftigt. Gerade in der letzten Zeit stelle ich mit Erschrecken fest, wie viele Menschen, Laien und Priester, durch die Erfahrungen der letzten Jahrzehnte verletzt und entmutigt sind und gar nicht mehr zu hoffen wagen, dass sich noch etwas ändern könnte. Schon deshalb nicht, weil sie befürchten, dann möglicherweise die nächste noch größere Enttäuschung erleben zu müssen. In dieser Verfassung ist die Delegation des ZdK zu der Studientagung mit den Bischöfen gefahren und sehr zufrieden zurückgekehrt: Alles konnte angesprochen werden, ohne jegliche Aggression.
Mitunter hat man aber den Eindruck, dass nicht alle Bischöfe am gleichen Strang ziehen.
Allen ist klar, dass sich die Kirche erneuern muss. Unterschiedliche Auffassungen gibt es über die Wege. Aber das halte ich für normal. Diese Wirklichkeit gab es schon auf dem Apostelkonzil (in den Jahren 44 bis 49 in Jerusalem, d. Red.). Es gibt Christen, die sehr zufrieden und konsequent in dem Gehorsamsglauben leben, den sie in ihrer Kindheit gelernt haben. Andere dagegen würden ihren Glauben abstreifen, wenn sie darin nicht eine Weiterentwicklung erfahren könnten. Wir alle müssen lernen, die Vielfalt in unserer Kirche positiv zu bejahen. Papst Benedikt hat als Kardinal einmal formuliert: "Es gibt so viele Wege zu Gott, wie es Menschen gibt." Probleme entstehen nur dort, wo ein Kirchenverständnis, eine Frömmigkeitsform einen Absolutheitsanspruch erhebt.
Sind Sie denn optimistisch, was die Entwicklung der Kirche betrifft?
Ich bin verhalten optimistisch. Ich weiß, dass ein schwieriger Weg vor uns liegt. Es wird Kontroversen geben, vielleicht auch mehr Spannungen in der Kirche. Man spürt schon innerhalb der Bischofskonferenz, dass es ganz unterschiedliche Positionen und Schlussfolgerungen aus der Krise gibt. Aber ich denke, die Kirche wird vitaler werden und sich wieder verstärkt den Menschen zuwenden. Auch Kirche ist kein Selbstzweck.
In Ihre Amtszeit fällt die wohl größte Krise der katholischen Kirche in den letzten 100 Jahren. Die Kirche, haben Sie auf der Vollversammlung des ZdK gesagt, habe einen bislang beispiellosen Vertrauensverlust erlitten. Wie kann sie wieder Vertrauen gewinnen?
Das ist ein langer Weg! Die Menschen müssen erleben, dass sich die Kirche und ihre Repräsentanten vertrauenswürdig verhalten. Das bedeutet: Offenheit, Übereinstimmung zwischen Reden und Handeln. Die größte Gefahr für die Kirche sehe ich nicht von außen kommend, sondern innerkirchlich: Unwahrhaftigkeit, Selbstgenügsamkeit, nur mit sich selbst beschäftigt. Die Kirche muss als dem Menschen dienend und nicht als ihn beherrschend erfahren werden. Und sie darf nicht den Eindruck erwecken, dass es im Kreis der Amtsträger nur perfekte Menschen gibt.
Glauben Sie denn tatsächlich, dass die Bischöfe sich selbst als ratlos und in manchen Fragen überfordert sehen?
In der Öffentlichkeit sehen sich Bischöfe, wie Politiker übrigens auch, unter dem Zwang, sich als perfekt darstellen zu müssen. Ich glaube, das ist ein großer Irrtum! Wenn ein Priester oder Bischof erklären würde, dass auch er immer wieder darum ringt, seinem Glauben entsprechend zu leben, dann ist das glaubwürdig. Es war wohl für jeden überraschend, von Mutter Teresa zu lesen, dass sie über viele Jahre auch dunkle Zeiten der Gottesferne erlebt hat. Aber sie ist treu geblieben als Suchende.
Bei der Finanzkrise hat man erlebt: Es gab kurz danach ein Aufbäumen, aber jetzt, so hat man den Eindruck, geht alles so weiter wie bisher. Wie groß ist die Gefahr, dass auch die Kirche keine dauerhaften Konsequenzen aus der Krise zieht?
Die größte Gefahr ist meines Erachtens vorbei dank einer sehr mutigen und eindrucksvollen Initiative von Erzbischof Zollitsch, der sich bei der Bischofskonferenz in Fulda für einen strukturierten, ergebnisoffenen Dialog aussprach. Die nächsten Monate sind entscheidend: Machen wir uns auf den Weg? Wagen wir den Aufbruch? Oder ziehen wir uns zurück? Aber dann würde die nächste große Welle der Enttäuschung heranrollen mit der Konsequenz einer massenhaften inneren Emigration und noch mehr Kirchenaustritten, als wir sie derzeit erleben.
April 2011
Umjubelt, verraten, gedemütigt: Wie kaum ein anderer Politiker hat die ehemalige schleswig-holsteinische Ministerpräsidentin Heide Simonis Höhen und Tiefen erlebt. Über ihre Erfahrungen und die Launenhaftigkeit der Wähler sprach sie mit stadtgottes-Chefredakteur Albert Herchenbach.
Lange haben sie gezögert, aber nach den Ereignissen in Oslo, wo ein Rechtsradikaler 92 Menschen tötete, wollen die Innenminister der Länder nun doch über ein NPD-Verbot beraten. Schon vor diesen grausamen Ereignissen hatte sich der CDU-Innenminister von Sachsen-Anhalt Holger Stahlknecht für ein Verbot stark gemacht. „Wir finanzieren über das Parteiengesetz mit unseren Steuergeldern eine Partei, die offensichtlich verfassungsfeindlich ist“, sagte er im stadtgottes-Interview.