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Ewigkeit

Ja, hört das denn nie auf? Die Frage stellt sich, wenn man hört, dass sich das Universum immer weiter ausdehnt. Aber was kommt dahinter? Die Ewigkeit? Wir haben uns mit Astrofotograf Sebastian Voltmer auf die Suche gemacht

Sebastian Voltmer
Vorsichtig wiegt er das rote Metallgehäuse in den Händen. Es ist kaum größer als ein Buch, völlig unscheinbar. Doch es zaubert ein Lächeln auf Sebastian Voltmers Gesicht. "Der neue Prototyp einer Kamera", schwärmt der 29-Jährige. Sie enthält einen hochauflösenden Chip, der besonders rauscharme Bilder vom dunklen Weltraum ermöglicht. Der Hersteller stellt ihm die 15 000 Euro teure Kamera kostenlos zum Testen zur Verfügung. Kein Wunder: Der Saarländer fotografiert den Sternenhimmel, seit er zwölf ist. Er gilt als einer der Besten seines Fachs. Eines hat er aber bis heute noch nicht fotografieren können: die Ewigkeit. Nicht zu verwechseln übrigens mit der Unendlichkeit des Universums.

"Die ist eine raumzeitliche Vorstellung, die mathematisch und philosophisch besser beschrieben ist", sagt Voltmer. Die Ewigkeit entziehe sich unserer Welt, sei nicht messbar, konnte nie definiert werden. "Unter Ewigkeit versteht man etwas, das weder einen zeitlichen Anfang noch ein zeitliches Ende besitzt beziehungsweise unabhängig von dem Phänomen Zeit existiert. Sie ist außerdem das, was meiner Meinung nach jenseits unseres Kosmos liegt." Wissenschaftler haben festgestellt, dass unser Universum immer größer wird und beschleunigt anwächst. Inzwischen ist es unvorstellbare 13,7 Milliarden Lichtjahre groß. Zum Vergleich: Die Sonne ist gerade mal acht Lichtminuten von uns entfernt.

"Da stellt sich vielen Menschen die Frage, wo hinein das Universum expandiert", so Voltmer. Weil der Raum selbst sich ausdehnt, könne aber von einem "Dahinter" keine Rede sein. Niemals würde man an eine Wand kommen. "Dieses mysteriöse Drumherum ist für mich Ewigkeit." Die Ewigkeit stellt er sich als eine zeit- und raumlose Welt der Möglichkeiten vor, woraus aber Raumzeit und chaotische Abläufe entstehen könnten. Im Chaos wäre noch alles offen. "Dort könnten zum Beispiel neue Naturprinzipien und Paralleluniversen entstehen."

Manche Wissenschaftler meinen, dass aus dem Nichts alles entstanden sei. "Klar, da wird es schwarz sein, denkt der Laie. Doch wenn man von dem Nichts spricht, dann müsste damit eigentlich wirklich absolut nichts gemeint sein." Dem aber sei nicht so, meint Voltmer. Das Nichts lasse sich nur über das Ausschlussprinzip erläutern: Es sei nicht dies und nicht jenes … Es stelle ein Problem dar, dass wir vom Nichts sprächen, als würde es etwas sein, und uns damit "ein Bild" von ihm machten. Tatsächlich könne man ihm weder Ort noch Zeit zusprechen. Das Nichts beinhalte weder Materie noch Licht, nicht ein winziges Teilchen. Wo es keinen Raum gebe, sei auch keine Zeit. Ewigkeit sei zeitlos, habe weder Anfang noch Ende, obgleich wir mit dem Begriff der Ewigkeit so etwas wie Zeitlichkeit verknüpften, etwa mit Anfang ohne Ende.

"Doch Ewigkeit verneint eine Zeitgebundenheit." So einfach ist das - zumindest für Sebastian Voltmer, der darüber redet, als spreche er über das kleine Einmaleins. Allerdings - so glaubt er - gibt es auch in unserem Universum "Stellen", wo Ewigkeit auftaucht. "Vielleicht ist nur da Raum, wo sich Materie befindet - und dazwischen: die Ewigkeit. Unser Kosmos ist vermutlich mit Ewigkeit durchflutet", so Voltmer weiter. "Dieses Bild liegt mir eigentlich näher als die Vorstellung eines abgeschlossenen Kosmos von Raumzeitlichkeit und dahinter die Ewigkeit. Das wäre auch unlogisch; denn von einem ,Dahinter' kann nicht gesprochen werden. Sonst könnte man auch fragen: Wie weit dahinter? Aber da dort kein Raum ist, erübrigt sich diese Frage.

Das Universum expandiert, während der riesige Kosmos noch unvorstellbar größer wird. In anderen Dimensionen würde es vielleicht zu Fluktuationen kommen, die zur Entstehung neuer Universen führen könnten." Dass Voltmer darüber nachdenkt, wo sich "Ewigkeit" zeigen könnte, macht deutlich, dass er kein nüchterner Physiker ist, der alles berechnen und in Gesetze pressen will. Er zieht den kreativen Weg vor, hat 2009 einen "mit Auszeichnung" bestandenen Abschluss an der Kunsthochschule Kassel in "Visueller Kommunikation" abgelegt und mit einem Stipendium an der Kingston University in London im Fachbereich "Fine Art" studiert. "Ewigkeit entzieht sich den Fragestellungen der Physik, die nach Modellen und mathematisch eleganten Formeln sucht, um unsere Welt besser beschreiben zu können.

Was darüber hinaus geht, sind philosophische, kosmologische und vor allem religiöse Fragen. Wenn wir alles nur konservativ betrachten, verbauen wir uns den Weg für andere Erklärungen." Voltmer glaubt, dass es noch etwas jenseits von Gesetzmäßigkeiten und Wahrscheinlichkeiten geben muss. Man könne Ewigkeit nicht unter physikalischen Gesichtspunkten betrachten. Für ihn stellt die Ewigkeit auch das Göttliche dar - ebenso wie Chaos und Zufall. Aus diesen drei Komponenten könne etwas entstehen - etwas wie unser Universum, ohne dass es eines Anstoßes bedürfe. "Selbst produzierend im Unterschied zur Selbstorganisation", nennt er diese Eigenschaft. "Wenn einfach etwas aus sich heraus entstehen kann, ohne Anstoß, dann mutet dieses ,aus sich' für mich göttlich an."

Das sei ein riesiges Wunder und nicht zu erklären. Viele Physiker und Astronomen bezeichneten das, woraus das Universum entstanden sei, als "Nichts" (Ursuppe). "Für gläubige Menschen ist das die Welt der Möglichkeiten oder eben die des Ewigen - und zu denen gehöre ich", betont der Astrofotograf. "Ich weiß, dass ich nicht zu einer wirklichen Erkenntnis über die Ewigkeit gelangen werde. Jedenfalls nicht intellektuell", sagt Sebastian Voltmer. Eines aber hofft er auf jeden Fall: "Wenn ich eines Tages nicht mehr da bin, dann hätte ich doch gern Anteil an der großen Erkenntnis für das Ganze."

Wolfgang Hardt

April 2011

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