Die Hauptstadt ist Diaspora: Von 3,4 Millionen Berlinern gehen sonntags gerade mal 17 000 zum katholischen Gottesdienst. Der Stadtteil Charlottenburg ist anders: Da blüht eine lebendige Steyler Gemeinde
Snapshot/Tobias Seeliger
"Nein", sagt der Taxifahrer, "Sozialhilfe-Empfänger wohnen hier nicht." Wir rollen durch Charlottenburg, Berlins Nobelviertel: breite Alleen, elegante Villen, gepflegte Vorgärten, schwere Limousinen in den Garagenauffahrten. "Obwohl ...", dreht sich der Fahrer zu mir um, "man schaut ja nicht hinter die Fassaden. Ich bin ja auch nicht immer Taxi gefahren. Bis vor drei Jahren habe ich als Architekt gearbeitet. Dann hat unser Büro zugemacht. Vorbei. Mit 54 habe ich in meinem Beruf keine Chance mehr."
"Stimmt", sagt der Steyler Missionar Rüdiger Brunner, 68, Pfarrer von "Heilig Geist", "hier gibt es durchaus Armut. Von 80 Familien innerhalb unserer Pfarreigrenzen wissen wir, dass sie auf Hilfe angewiesen sind. Die Dunkelziffer wird weit höher sein. Wer gibt denn in diesem Umfeld schon zu, dass er finanziell nicht mehr mithalten kann? Das ist ein Stachel, der in unserer Gemeinde sitzt." Einen warmen Mittagstisch für Bedürftige planen sie gerade. Und vielleicht eine Altkleider- Ausgabe. Schwierig. Secondhand-Kleidung wird schon jetzt gesammelt. Aber die fahren sie in einen ärmeren Stadtteil. Da geniert sich niemand, bei der Caritas nach einer getragenen Hose zu fragen. "Hier in Charlottenburg schämen sich die Leute."
Seit fast 90 Jahren sind die Steyler in Berlin und versuchen, Gegensätze zu integrieren. Sicher ein Zufall, aber dafür steht auch ihre Adresse: Bayernallee Ecke Preußenallee! Das Areal mutet in der hektischen Hauptstadt wie eine Oase an. Eine Enklave im atheistischen Umfeld: In der Stadt Berlin leben 3,4 Millionen Menschen, zehn Prozent sind katholisch, davon fünf Prozent Kirchgänger. Normaler Durchschnitt für eine Großstadt. Das bedeutet: 17 000 Gläubige, gerade mal jeder 200. Berliner, besuchen sonntags regelmäßig die Gottesdienste. Die deutsche Hauptstadt - Missionsland.
In der Pfarrei Heilig Geist mit 4000 Katholiken sind es doppelt so viele: Jeder Zehnte beteiligt sich mehr oder weniger aktiv am Gemeindeleben. "Und das, obwohl es in Berlin schwieriger ist, sich zu seinem Glauben zu bekennen als etwa im katholischen Paderborn oder in Köln", weiß Pater Brunner. "Hier kann zwar jeder machen, was er will, aber am Arbeitsplatz oder bei der Freizeit muss man sich doch Fragen aussetzen, wenn man etwa wegen der Gemeindearbeit verhindert ist. ,Was', heißt es dann, ,Gemeinde? Etwa Kirche? Du bist doch sonst so vernünftig!' Wer hier zur Kirche geht, kommt, weil er überzeugt ist."
Was die Menschen suchen? "Das, was sie überall suchen: Gott!" Pater Brunner ist dabei behilflich, seit fast fünf Jahrzehnten. Aufgewachsen in einfachen Verhältnissen, reifte in ihm mit 14, 15 Jahren ein Entschluss: "Den Armen zu helfen, das Fernweh, in fremde Länder zu gehen als Missionar, sozial aktiv zu sein - das war mein Traum." Der Impuls wurde konkreter: Als 22-Jähriger trat Brunner dem Steyler Orden bei, studierte Theologie und Philosophie, legte 1967 die ersten Gelübde ab und wurde 1972 zum Priester geweiht, um in den argentinischen Urwald nach Misiones zu gehen. Ein Traum war wahr geworden. Der Steyler erinnert sich an Situationen, als sein Auto im Dreck stecken blieb: "Ich war bis über die Ohren voller Schlamm, aber ich musste lachen. ,Du wolltest es ja', sagte ich mir."
Aber der Orden brauchte ihn anderswo. Nach 17 Jahren und dem "inneren Gefühl, hier eigentlich immer bleiben und sterben zu können", beriefen ihn seine Oberen nach Wien und später nach Berlin, wo er den Ordensnachwuchs ausbildete. Seit 2005 leitet er jetzt die Pfarrei - und macht die überraschende Erfahrung, dass es Parallelen mit seinem ehemaligen Einsatzland gibt
Albert Herchenbach
Mai 2011
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Als Cornelia Bloss die Nachfolge des beliebten Steyler Missionars Michael Streckel SVD antrat, schienen die
Fußstapfen Übergröße zu haben: Er verteilte nicht nur die Steyler Zeitschriften, für „seine“ Luxemburger war er Freund und Seelsorger. Doch die 48-Jährige füllt die Lücke mit ganz viel Lebensfreude