Neun Jahre hat sie nachgedacht, in sich hineingehört, Krisen durchlebt und doch wieder Mut gefasst. Jetzt legt Schwester Michaela Leifgen, 29, die Ewigen Gelübde ab: Sie verspricht, ein Leben lang mit den Steyler Missionarinnen Gott zu dienen. Was gibt ihr die Zuversicht, diese Zusage auch einzuhalten?
AKIM/Achim Hehn
Und dann gibt es kein Zurück mehr. Die Frage nach "ganz" oder "gar nicht" hat ausgedient, es gilt nur noch: "ganz". In meinem Fall: Ordensleben - ganz und gar, ein Leben lang. Eine Entscheidung, die zuerst in meinem Herzen und Kopf fiel. Doch das Ja will nicht für sich behalten werden, sondern sich in einem konkreten Zeichen ausdrücken. Wir Steyler Missionarinnen tun dies mit der Ablegung der "Ewigen Gelübde". Das ist der Moment, in dem wir vor Gott, Mitschwestern, Familie und Freunden öffentlich bekennen: "Ich gehöre dir, Gott, und will das für immer bezeugen in einem Leben als Steyler Missionsschwester!"
Wie bei einer Ehe, so trifft man auch die Entscheidung zu den Ewigen Gelübden nicht von jetzt auf gleich. Um sich für ein Leben zu binden, braucht es eine Basis; einen Boden, der trägt. Bei Eheleuten mag das die Beziehung zueinander sein, im Ordensleben ist es die Beziehung zu Gott. In den neun Jahren Ordensausbildung, die meiner Entscheidung zu den Ewigen Gelübden vorausgehen, ging es eigentlich um nichts anderes, als immer enger in diese Verbindung mit Gott hineinzuwachsen.
Höhen und Tiefen einer Freundschaft blieben da nicht aus. Wer kennt das nicht? Mal versteht man sich ohne Worte, ein anderes Mal gebraucht man der Worte viele und begreift einander trotzdem nicht. Es gibt Zeiten, in denen man glaubt, sich näher nicht sein zu können, und doch entstehen auch wieder Situationen, in denen es scheint, als sei der andere unendlich fern. Die Momente, in denen es einfach nur gut läuft, sind zweifelsohne schön, aber sie alleine machen eine gute Freundschaft nicht aus. Eine Beziehung wächst und vertieft sich vor allem durch die Krisen, die man gemeinsam durchlebt und überwindet. Das geschieht zwischen Menschen und das gilt nicht weniger für die Beziehung mit Gott.
So ist mein bisheriger Weg im Orden nicht von Krisen verschont geblieben. Konflikte mit Mitschwestern, die man sich nicht ausgesucht hat, Schwierigkeiten mit dem Jungsein unter vielen älteren Menschen oder die Begegnung mit einem Mann, der die Frage nach der Ehe neu aufwarf - das gehörte dazu. Das Ordensleben ist eben eine Lebensform, die in vielerlei Hinsicht alles andere als normal ist. Zugleich gilt, dass wir, die wir sie leben, doch ganz normale Menschen sind. Kein Wunder also, dass wir immer wieder an unsere Grenzen stoßen. Angefangen bei den Gelübden.
Wir möchten in Solidarität die Armut leben - und entdecken, dass wir neben einem Hartz-IV-Empfänger ganz schön reich aussehen. Wir entscheiden uns für ein Leben in gottgeweihter Ehelosigkeit - und bleiben doch Menschen, denen die Sehnsucht nach einem Partner nicht fremd ist. Wir geloben Gehorsam gegenüber Gott und der Ordensleitung - und meinen doch oft, es selbst besser zu wissen. Auch das Leben in einer internationalen Gemeinschaft hält beides bereit: einerseits den Reiz der Vielfalt, andererseits die Reizbarkeit der Gemüter. Diese Spannung zwischen Ideal und Wirklichkeit lässt sich weder lösen noch "wegbeten", sie bleibt immer eine Herausforderung, die uns in Bewegung hält. Und das ist auch gut so.
Manchmal fragen mich Menschen, wie ich das aushalte, nur unter Frauen zu leben. Ist das nicht anstrengend? Ob es mir nichts ausmacht, mein Gehalt in eine gemeinsame Kasse fließen zu lassen. Was, wenn ich mir etwas kaufen möchte? Oder ob ich tatsächlich bereit bin, mich in jedes Land dieser Erde senden zu lassen. Wie kann ich meine Familie und Freunde zurücklassen? Fragen, die mehr als berechtigt sind. Es ist ja auch nicht so, dass ich über all diesen Dingen stünde. Allerdings ist es aber so, dass etwas - oder besser: jemand - für mich darüber steht: Jesus Christus. Sein Evangelium gibt den Ausschlag. Seine Verheißung eines "Lebens aus dem Vollen" lockt mich.
Ich habe bisher sicher nicht immer alles richtig gemacht im Kloster. Habe vielmehr auch mal über die Stränge geschlagen, Fehler begangen, kurz vor dem Aufgeben gestanden, meinen Kurs korrigiert. Doch durch diese "Wachstumsschmerzen" konnte ich mehr und tiefer in das Ordensleben hineinwachsen. Und dieser Prozess ist noch nicht abgeschlossen. Dass ich in Zukunft alles richtig mache, kann ich darum nicht garantieren. Die Ewigen Gelübde sind kein Übergang in ein Leben ohne Fehl und Tadel.
Doch mit ihnen drücke ich meine Entschiedenheit aus und verspreche, mich aufrichtig und ehrlich zu bemühen, mein Leben radikal nach dem Evangelium auszurichten. Sie sind die Konsequenz einer Liebe und Ausdruck dessen, was für mich stimmig ist. Zugegeben, würde ich dabei nur auf mein eigenes Vermögen bauen, so müsste ich wohl an meinem Unvermögen scheitern. Doch die Gelübde sind ein Bund, zu dem zwei Partner gehören: Gott und ich. Gott ist es, von dem die Initiative dazu ausgeht; ich bin es, die darauf in aller Freiheit antwortet.
Mai 2011
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