Das Gespräch

Leben auf Pump – und alle zahlen mit

Autos, Fernseher, Waschmaschinen – teure Anschaffungen werden meist auf Kredit gekauft. Aber wer zahlt, wenn der Schuldner Pleite geht? Darüber sprach stadtgottes-Chefredakteur Albert Herchenbach mit dem Geschäftsführer der Berliner Verbraucherzentrale Dr. Peter Lischke

Snapshot/Tobias Seeliger
stadtgottes: Herr Dr. Lischke, drei Millionen Haushalte sind mit durchschnittlich37 000 Euro überschuldet. Das heißt, sie können ihre Verbindlichkeiten nicht zurückzahlen. Tendenz steigend. Werden Kredite und Ratenzahlungsangebote zu leichtfertig vergeben?
Dr. Lischke: Im Prinzip ja. Die Einschränkung mache ich deshalb, weil jeder letztendlich für sich selbst verantwortlich ist. Aber knallige, plakative Werbung verführt dazu, dass sich mancher zu leichtfertig zu einem Kauf überreden lässt.

Der Handel verleitet in der Tat mit unglaublich günstigen Angeboten, auf Pump zu kaufen. In Werbeprospekten wird der Ratenpreis groß und der Endpreis klein abgedruckt, Autohäuser wollen die erste Ratenzahlung erst nach einem halben Jahr, Möbelgeschäfte den Kaufpreis erst in einem Jahr. Neun von zehn Autos werden auf Kredit gekauft, ebenso viele Fernsehgeräte und Waschmaschinen. Ist das moralisch vertretbar, labile Menschen in die Schuldenfalle zu locken?
Sicherlich nicht. Aber wie gesagt: Jeder ist für sich selbst verantwortlich. Und natürlich ist unser Wohlstand davon abhängig, dass sich die Wirtschaft positiv entwickelt. Das tut sie, wenn Nachfrage da ist, wenn gekauft wird. Insofern ist es schon okay, dass Angebote so gemacht werden, damit sich jeder vieles leisten kann. Das ist auch aus sozialen Gesichtspunkten erwünscht und richtig. Der Handel, die Existenz der Händler, misst sich daran, dass verkauft wird. Aber der schale Beigeschmack bleibt, dass manche in die Schuldenfalle tappen.

Müsste man diese Leute nicht vor sich selbst schützen? Etwa mit gesetzlichen Warnhinweisen ähnlich wie auf Zigarettenschachteln: "Dieser Kredit kann Ihre wirtschaftliche Zukunft zerstören!"?
Das wäre vielleicht nicht schlecht, ist aber unrealistisch. Als das Verbraucherkreditrecht geändert wurde, gab es im Vorfeld sehr ernsthafte Überlegungen, Kriterien für eine verantwortungsvolle Kreditvergabe zu formulieren. Da sollten Kreditinstitute verpflichtet werden, vorher intensiver zu prüfen: Kannst du dir den Kredit überhaupt leisten? Das ist dann in der weiteren Diskussion auf europäischer Ebene fallen gelassen und deshalb auch nicht in nationales Recht umgesetzt worden. Natürlich wären solche Maßnahmen wünschenswert, aber es gibt eine ganz starke Lobby, die das verhindert.

Wer profitiert davon?
Natürlich Banken und Handel.

Aber wer trägt denn schließlich den finanziellen Ausfall, wenn die Kredite nicht zurückgezahlt werden können?
Die Risikokosten sind natürlich eingepreist in den Kaufpreis, in die Verzinsung. Und wenn wirklich große Verwerfungen kommen - damit meine ich jetzt nicht Kleinkredite - dann haftet der Steuerzahler. Stichwort Finanzmarktkrise. Da gilt der alte Spruch: Gewinne werden privatisiert, Verluste sozialisiert.

Das Verbraucherschutzministerium hat offenbar auch kein großes Interesse, die Leute zu schützen.
Das ist eine Gratwanderung. Wir propagieren den mündigen Verbraucher, der auf der Grundlage aussagefähiger und nachvollziehbarer Informationen auch zu den Kosten möglichst alles selber entscheiden soll: die bestmögliche Altersversorgung abschließen, den günstigsten Strom- und Telefonanbieter finden, das energieeffizienteste Auto kaufen. Aber uns sitzt ein hoch spezialisiertes Expertenteam gegenüber, das Ihnen und mir meilenweit überlegen ist. Da gibt es dann den Widerspruch: Der Verbraucher soll richtig entscheiden - aber er kann es nicht. Deshalb hat der Gesetzgeber - auch auf EU-Ebene - "vorvertragliche Informationspflichten" vorgeschrieben.

Das ist dann das Kleingedruckte in den Verträgen ...
Ja, das sind die Angaben, die genau gesetzlich vorgeschrieben sind. Im Kreditrecht ist deutlich formuliert, was der Verbraucher vor Vertragsabschluss wissen muss, damit er seine Risiken abschätzen kann. Und damit er sieht, dass beispielsweise der Fernseher auf Raten ihn letztlich nicht 850, sondern 1030 Euro kostet. Selbstver- ständlich müssen sich diese Vorab-Informationen auch im dann tatsächlich abgeschlossenen Vertrag wiederfinden.


Mai 2011

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