Afghanistan-Einsatz, Patientenverfügung, Stammzellenforschung – Bischöfe mischen sich immer wieder in die Politik ein. Falsch, sagt der CSU-Politiker und langjährige Bundestagsabgeordnete Dr. Martin Mayer. stadtgottes-Chefredakteur Albert Herchenbach sprach mit ihm
Gerhard Blank
stadtgottes: Herr Dr. Mayer, prominente katholische CDUPolitiker haben in einem offenen Brief an die Bischöfe den Zölibat infrage gestellt und gefordert, Viri Probati, verheiratete "erprobte Männer", zum Priesteramt zuzulassen. Begründung: die Not vieler priesterloser Gemeinden, in denen es sonntags keine Messe mehr gebe. Unterzeichner der Erklärung sind neben Bundestagspräsident Norbert Lammert und Bundesbildungsministerin Annette Schavan auch die früheren Ministerpräsidenten Bernhard Vogel, Erwin Teufel und Dieter Althaus. Hätten Sie den Appell mitunterzeichnet?
Dr. Mayer: Nein. Ich halte es für falsch, wenn sich hohe staatliche Mandatsträger wie der Bundestagspräsident oder eine Bundesministerin in das kirchliche Geschehen einmischen.
Auch Politiker sind Katholiken.
Sicher. Aber ein staatlicher Amtsträger kann nicht als einfacher Katholik sprechen, er wird immer als Vertreter des Staates wahrgenommen. Er ist gewählt worden, um Politik zu gestalten und nicht, um sich öffentlich in innerkirchliche Belange einzumischen.
Aber ist es nicht auch ein Anliegen der Politik, dass Kirche ihre Aufgabe erfüllen kann?
Daran hat der Staat sicher großes Interesse. Er darf sich aber dennoch nicht in die inneren Angelegenheiten der Kirchen einmischen, ebenso wenig, wie er es bei den Gewerkschaften darf.
Konsequenterweise sollte sich dann auch die Kirche nicht in die Politik einmischen?
Das ist meine Ausgangsposition. Ich glaube, dass manches an der Kirchenkrise damit zu tun hat, dass Kirche sich in die Tagespolitik einmischt. Ich bin zu dieser Einsicht gekommen über die Diskussion um die Forschung an embryonalen Stammzellen und noch mehr über die zur Patientenverfügung. Da wollten mir die Kirchen mein Selbstbestimmungsrecht nehmen: Wenn ich keine Magensonde durch die Bauchdecke haben möchte, dann muss das gelten. Die Kirchen dagegen meinten, es müsse, wenn ich mich nicht mehr äußern kann, ein Richter darüber entscheiden. So ist es zum Glück nicht gekommen. Meines Erachtens ist in diesem Fall die richtige Sicht, die Selbstbestimmung des Einzelnen zu stärken und nicht die Bevormundung durch ein Gericht oder einen Arzt.
Ist es nicht Pflicht der Kirche, die Interessen ihrer Gläubigen in die Politik einzubringen? So wie das ganz selbstverständlich die Gewerkschaften tun oder der ADAC macht?
In eigenen Angelegenheiten müssen die Kirchen natürlich ihre Interessen vertreten, wenn es etwa um die Kirchensteuer geht oder die Sozialgesetzgebung, die auch die Caritas und die Innere Mission betrifft. Aber sie haben kein Mandat, sich zum Beispiel zum Bundeswehreinsatz in Afghanistan zu äußern, wie das ein evangelischer Bischof getan hat. Da überschreitet er seine Grenzen. Ähnlich ist es bei der PID, der Präimplantationsdiagnostik (eine Untersuchung von im Reagenzglas gezeugten Embryonen auf Erbkrankheiten, um zu entscheiden, ob sie in die Gebärmutter eingepflanzt werden, d. Red.). Mehrere katholische deutsche Bischöfe haben in Predigten an Weihnachten ein staatliches Verbot gefordert. Zur religiösen Frage, ob die Frau, die so einen schweren Eingriff vornehmen lässt, um ein gesundes Kind zu bekommen, oder ob der beteiligte Arzt eine Sünde begeht, schweigen die Bischöfe. Warum?
Kirche sollte also Politik nicht mitgestalten?
Dazu hat sie vom Evangelium her keinen Auftrag. Im Gegenteil. Das Evangelium bezieht sich auf den einzelnen Menschen und nicht auf die staatliche Organisation. Es ist eine Anleitung für ein erfülltes Leben des Einzelnen und kein Rezept für die politische Gestaltung. Man kann aus dem Gebot der Nächstenliebe eine allgemeine Aufforderung verstehen, den Staat so zu gestalten, dass alle Menschen in Frieden und Gerechtigkeit miteinander leben können. Aber das ist eben nur eine allgemeine Aufforderung. Wenn die Kirche grobe Missstände in totalitären Staaten geißelt, ist das etwas grundlegend anderes als die Einmischung in einem demokratischen Rechtsstaat. Die Kirchen haben von ihren Gläubigen kein Mandat zu politischen Stellungnahmen. So einfach ist es eben nicht: Gegen die PID zu sein ist christlich, dafür zu sein antichristlich.
Juni 2011
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