Steyler-Welt

Was ihr von uns lernen könnt

Indianer werden mit unserer Kultur glücklicher. Falsch! Das haben auch Steyler Missionare eingesehen. Heute wissen sie: Wir müssen von den Naturvölkern abschauen, wie ein Zusammenleben zwischen Mensch und Natur besser funktioniert

Ernst Zerche
Die erste Mission der Steyler in Paraguay, vor 100 Jahren, scheiterte. Es ging den Missionaren darum, die Guaraní-Indianer zu "zivilisieren", ihnen "Kultur" beizubringen. Der Staat, der diese Absicht wohlwollend unterstützte, meinte wohl auch, dass diese rückständigen Menschen aus den Urwäldern in die paraguayische Gesellschaft integriert werden sollten. Dabei würden sie als eigenes Volk, mit ihrer eigenen Sprache, Kultur und Religion, verschwinden - aus damaliger Sicht ein Fortschritt. In einer Auseinandersetzung mit einem Guaraní- Schamanen über den neuen Glauben musste Pater Lichius hören: "Ich will nichts von dir. Von deiner Art zu leben will ich gar nichts wissen. Das mag für dich gut sein, aber wir leben nach unserer Art. Gott hat dich weiß gemacht, uns dunkelhäutig für das Leben im Wald. Ich brauche deine Schulbildung nicht, deine Medizin nicht, deinen Gott nicht und auch deine Taufe nicht!"

1925 wurde die Mission geschlossen. Die Mission bei den Guaraní heute In einer neuen Sichtweise von Kultur und Religion wurde die Mission bei den Indianern in Paraguay in den 1960er-Jahren wieder aufgenommen. Der Steyler Missionar Pater Enrique Gaska ist ein Anthropologe, der in einer Gemeinschaft mit Awa-Guaraní-Indianern lebt. "In 20 Jahren habe ich niemanden getauft, denn es geht bei unserer Mission nicht in erster Linie um Sakramente oder um die Zahl der Getauften", erzählt er. "Uns geht es vielmehr um das Begleiten der Gemeinschaft auf verschiedenen Ebenen: Fragen von Gesundheit, von Erziehung und Schulbildung, von ihrer Landwirtschaft und ihrem Überleben als Guaraní, mit ihrer Kultur und ihren Lebensbedingungen."

Als Anthropologe ist er überzeugt davon, dass sich die Kirche auf die Seite der Indianervölker stellen muss. Sie darf nicht mehr kolonialen Interessen dienen, indem sie etwa den Indianern die europäische Kultur aufdrängt. "Es geht darum, die Selbstbestimmung der Indianer zu fördern", erklärt Pater Gaska das Projekt. "Daher eröffnet jetzt die Kirche den Indianern mehr Raum, damit sie ihr eigenes Geschick selbst in die Hand nehmen. Der erste Schritt war, dass sie Eigentümer ihres eigenen Landes wurden. Heute haben sie ihre eigene Stimme und können für sich selbst reden - die Kirche oder der Missionar braucht nicht mehr ihre Stimme zu sein. Wir sind bei ihnen, begleiten sie in diesem Prozess."

Am Sonntag ist die Messfeier für 9 Uhr angesetzt. Wir kommen eine Stunde später hin, zusammen mit Pater Juan. Okay, das ist also Südamerika, da laufen die Uhren anders. Die Kapelle: eine halbrunde Mauer auf einer Seite eines Unterstandes, mit einem strohgedeckten Dach aus Palmenblättern auf vier Holzsäulen. "Für die Guaraní ist schon diese eine Mauer recht viel", erklärt Schwester Elisa. "Der Versammlungsort der Gemeinschaft muss ein offenes Haus sein, da müssen alle Kinder Gottes von allen Seiten Zugang haben, niemand darf mit Wänden ausgeschlossen werden."

Die Predigt ist ein Gespräch, an dem die Gemeinde teilnimmt, alle haben Gelegenheit mitzureden. Das Wort hat eine zentrale Bedeutung in der Religion der Guaraní: Die Theologin Margot Bremer, die seit 20 Jahren in Paraguay mit den Guaraní arbeitet, erklärt das so: Das Wort wurde als Erstes geschaffen: "Der Vater- Gott Ñamandú schuf in seiner großen Einsamkeit das Wort als seinen Widerschein, um damit in Dialog zu treten. So entstand die ganze Welt, die er in einem Prozess langsam geschaffen hat. Nachher überlegte Gott, wem er das Wort geben könnte. Dazu schuf er Halbgötter und Vermittler, die den Menschen helfen sollten, das Wort gut zu verwenden. Das Wort ist etwas Heiliges, denn es ist von Gott."

Über den Traum kommt das Wort zu den Menschen. Daher haben Träume auch eine wichtige Funktion im Leben der Menschen: für die Namensgebung etwa oder bei wichtigen Entscheidungen in der Gemeinschaft. Ein anderes wichtiges Element der Religion ist die Suche nach Ausgleich und Gleichgewicht, die sich endgültig erst im "Land ohne Übel" finden lassen werden. Schwester Elisa ist tief beeindruckt von diesem Ausgleich, der sich auch in der Ergänzung von Mann und Frau zeigt:

"Ich habe einmal erlebt, dass ein Ehepaar in einer Gemeinschaft zerstritten war. Die Gemeinschaft hat sich versammelt, etwa 50 Familien. Die Männer haben sich mit dem Mann getroffen und mit ihm gesprochen. Die Frauen redeten mit der Frau. Nachher versammelten sich alle, Männer und Frauen, und hörten den Alten zu. Danach schickten sie das Paar gemeinsam an den Fluss. Wenn sie sich versöhnen und wiederkommen, müssen sie sich an den Händen halten. Dann nimmt sie die Gemeinschaft wieder auf und es beginnt ein Tanz und ein Fest. Wenn sie nicht versöhnt kommen, muss man weiter mit ihnen reden, die Männer mit dem Mann, die Frauen mit der Frau und dann die Alten. Es wird getanzt, es werden Reinigungsriten gemacht, damit sich das Übel entfernt. Die Gemeinschaft kommt nicht zur Ruhe, bis sich dieses Paar versöhnt hat."

Diese Suche nach Frieden beeindruckt Schwester Elisa sehr: "Manchmal frage ich mich: Wann wird meine Kirche eine Gemeinschaft sein, die so inständig nach Frieden und Versöhnung sucht?" Ein Rat für Indianerpastoral Diese Züge der ursprünglichen Kultur und Religion der Guaraní faszinieren auch die Kirche in Paraguay. Sie hat einen "Pastoralrat für die Indianer" eingerichtet, der sich um die Religion und Kultur kümmert und die Evangelisierung als Dialog mit den Indiovölkern versteht. Die Aufgabe des Rats besteht darin, die Indianer in ihrer Suche nach Selbstständigkeit und Bestärkung ihrer Kultur (und damit auch Religion) zu unterstützen. Pater Gaska arbeitet in diesem Rat mit. Er ist zuversichtlich: "Ich sehe, dass die Indianer zahlenmäßig zunehmen: 1982 wurden 40 000 gezählt, zuletzt 89 000. Die Indio-Bevölkerung wächst also, und sie organisiert sich immer besser!"

Die Theologin Margot Bremer vom Indianerpastoralrat geht noch weiter: "Die abendländische Zivilisation ist am Ende, sie zerstört sich selbst und die Welt um sie herum. Daher muss eine Alternative für die Gesellschaft, für das Zusammenleben gefunden werden", heißt es auf Treffen mit Indiovölkern. Mission wird dabei zu einer Möglichkeit, von den Indianern zu lernen, sagt Bremer: "Nach 500 Jahren Verachtung, Unterdrückung und Diskriminierung bieten die Indiovölker ihre jahrtausende alte Utopie an: Das gute Leben für alle Menschen, in Harmonie mit den anderen und der Natur." Aber die Indianer sagen auch: "Wir wissen nicht, ob ihr Europäer dazu bereit seid."


Christian Tauchner SVD

Juli 2011

Facebook Like aktivieren
 

Artikel kommentieren

13 - 8 =
 
 

Leser-Kommentare

 
 

Weitere Themen

Bisherige Beiträge / Steyler-Welt

  • Antarktis – Mission im ewigen Eis

    Die Antarktis ist der wichtigste, trockenste und mit minus 55 Gard Durchschnittstemperatur der kälteste Ort der Erde. Dennoch leben und arbeiten hier Menschen, um den Südpol zu erforschen. Der Steyler Missionar Pater Philip Gibbs SVD hat sie einen Monat lang betreut

     
  • Du gehst zur Kirche?

    Die Hauptstadt ist Diaspora: Von 3,4 Millionen Berlinern gehen sonntags gerade mal 17 000 zum katholischen Gottesdienst. Der Stadtteil Charlottenburg ist anders: Da blüht eine lebendige Steyler Gemeinde

     
  •