Von Volksvertretern erwarten die Bürger ein untadeliges, vorbildliches Verhalten. Wer patzt, fliegt. Was hinter unserem Verlangen nach rollenden Köpfen steckt, darüber sprach stadtgottes-Chefredakteur Albert Herchenbach mit dem Politikwissenschaftler Professor Gerd Langguth
Meike Böschemeyer
stadtgottes: Herr Professor, gebrochene Versprechen, Korruption, Steuerhinterziehung, falsche Doktortitel -
müssen Politiker nicht Vorbilder sein?
Professor Langguth: Ja. Aber sie müssen mehr als andere, wenn sie keine Vorbilder sind, darunter leiden: Sie müssen ihre Ämter aufgeben. Aber die Fragen zu Anstand und Vorbildfunktion werden zu Recht gestellt. Als Politiker darf man nicht bestechlich sein. Man muss wissen, dass alles herauskommt. Und man muss wissen, dass man an ethischen Maßstäben gemessen wird. Nur ein sauberes Gewissen ermöglicht einem ein konsequentes Auftreten auch in den fundamentalen Fragen der Menschheit. Und man muss in der Lage sein, genügend innere Autorität aufzubauen, um auch Unpopuläres in der eigenen Partei umzusetzen. Aber eine Vorbildfunktion hat in unserer offenen Gesellschaft eigentlich jeder von uns wahrzunehmen, gerade wegen der jungen Generation. Junge Menschen brauchen in der Übergangsphase vom Elternhaus ins Berufsleben Vorbilder, an denen sie sich orientieren können. Eine Vorbildfunktion nur von der Politik zu verlangen, ist falsch. Das ist eine Aufgabe für jeden von uns!
Das Parlament soll den Bevölkerungsdurchschnitt widerspiegeln. Gilt das auch in charakterlicher Hinsicht?
Wir haben gewiss keine Heiligen in der Politik. Viele aber erwarten von Politikern Dinge, die sie selbst gar nicht wahrzunehmen bereit und auch nicht in der Lage dazu sind.
Woran liegt denn das? Warum erwarten Wähler von ihren Abgeordneten ein vorbildlicheres Verhalten als von sich selbst?
Weil wir selbst nicht bereit sind, Konsequenzen zu ziehen. Das erwarten wir nur von den anderen. Der wesentlichste Politiker heißt St. Florian: Man will die Umgehungsstraße - aber den Lärm soll der Nachbar haben. Der Mensch ist relativ egoistisch. Und nicht jeder in der Politik ist klug genug, einer solchen Unzufriedenheit zu entgehen.
Vielleicht brauchen wir ja bloß Sündenböcke?
Man braucht jemanden, dem man die Fehlerhaftigkeit unterstellen kann. Immerhin haben wir ihn gewählt, und dafür gut bezahlt wird er auch! Wäre die Politik ein Ehrenamt, dann wären die Forderungen nach Glaubwürdigkeit sehr viel geringer. Aber Politik ist zu einem ganz normalen Beruf geworden.
Wenn Politiker den Wählern die nackte Wahrheit sagen, werden sie nicht gewählt, wie die Vergangenheit gezeigt hat. Geht das als Entschuldigung fürs Lügen durch?
Politiker wollen wiedergewählt werden. Wer seine Wähler enttäuscht, bekommt Probleme. Aber ich sehe eher das Problem, dass die Parteien sich sehr schwertun, die Ideen zu vertreten, hinter denen sie stehen. Das heißt: Was ist eigentlich der Markenkern der Christlich-Demokratischen Union? Was ist der Markenkern der Sozialdemokratie? Oder der Liberalen? Wir leben in einer Zeit der Entideologisierung und der Individualisierung. Das bedeutet, dass Kirchen und Großorganisationen an Bedeutung verlieren und der Einzelne immer mehr seines Glückes Schmied ist. Aber das ist er eigentlich sehr ungern, weil er nicht daran gewöhnt ist, für sich Verantwortung zu übernehmen.
Politikverdrossenheit, Politikerverdrossenheit oder Parteienverdrossenheit - was haben die Leute am meisten satt?
Am meisten haben sie die politischen Parteien satt. Das bestätigen alle Meinungsumfragen. Ich halte das für falsch. Die Parteien sind auch ein Ausdruck unserer Gesellschaft. Sie verlieren seit Jahren rapide Mitglieder. Jedes Parteimitglied ist ja zugleich Botschafter einer bestimmten politischen Grundüberzeugung. Eine solche aber haben immer weniger Menschen.
Warum schreien die Wähler gleich nach Rücktritt, wenn ein Politiker gefehlt hat?
Weil es die Seele von der eigentlich eigenen Unfehlbarkeit entlastet.
Gibt es eine Typologie des Politikers?
Ich unterscheide zwei Typen. Das eine sind die Pragmatiker, die Sie in allen Parteien finden, zum Teil hoch spezialisierte Fachleute. Und auf der anderen Seite Grundsatzdenker, Leute, die eine Grundüberzeugung haben und versuchen, die durch alle Politikfelder zu ziehen. Der erste Typus ist in der Mehrheit. Deshalb sollte man jedem Politiker die Frage stellen: Was ist eigentlich dein Ziel, warum du welche Politik machst? Und die Frage: Was ist das Grundziel der Parteien? Was sind die Gemeinsamkeiten, was die Unterschiede? Davon gibt es eine Fülle, aber die wagt man nicht auszutragen aus Angst, Wähler zu verlieren.
Verändert sich ein Mensch, wenn er in der Politik aktiv ist?
Natürlich. Politik wird, wie gesagt, immer mehr zum Beruf. Wenn ich wiedergewählt werden will, benötige ich andere Menschen, die mich unterstützen, mit denen ich Kompromisse eingehe und denen ich Zusagen mache. Je mehr ich mich als Politiker verstehe und je höher ich angesiedelt bin, umso mehr bin ich davon abhängig, auch von den Annehmlichkeiten: dem roten Teppich etwa, dem Festbankett für ausländische Gäste. Das sind Zeichen dafür, dass ich Macht habe. Meine These: Je länger ich in der Politik bin, umso weniger spielen die politischen Inhalte eine Rolle, sondern mehr die Frage, wie ich in der Politik überleben kann. Ich meine das gar nicht mal böse. Jeder Politiker leistet zum Teil Enormes für unser Land, und dafür sollte man auch einmal Dankbarkeit zeigen.
Sie haben sich intensiv mit Biografien von Politikern beschäftigt. Vor wem haben sie Hochachtung?
Besondere Hochachtung habe ich vor Konrad Adenauer. Aber auch er war nicht von den Verlockungen der Macht befreit. Und wie er seinen Nachfolger Ludwig Erhard behandelt hat, war kein Zeichen dafür, dass er souverän mit dem Verlust seiner Macht umgegangen ist. Trotzdem war er der richtige Mann zur richtigen Zeit, der das Nachkriegsdeutschland in eine friedliche Zeit führte. Er ist für mich von all den Politikern, die wir nach dem Krieg erlebt haben, derjenige, den ich zum Vorbild erklären möchte.
Würden Sie Politikern gern etwas ins Stammbuch schreiben?
Ja. Mehr das zu sagen, was man selbst als Wahrheit empfindet. Ich wünsche mir mehr Politiker, die darlegen, woran sie sich orientieren; etwa an einem christlichen Menschenbild oder eher an einem pragmatisch-tagespolitischen Humanismus. Ich würde gern wissen, wo und wofür ein Politiker steht, der ja häufig einsam Entscheidungen treffen muss.
Gerd Langguth, 65, ist Honorarprofessor für Politische Wissenschaft an der Universität Bonn. Von 1976 bis 1980 war er Bundestagsabgeordneter der CDU. Er war Mitglied des CDU-Bundesvorstandes und zweier Grundsatzprogramm-
kommissionen der Union. Zwischen 1981 und 1985 war Langguth Direktor der Bundeszentrale für politische Bildung in Bonn und 1986 bis 1987 Staatssekretär und Bevollmächtigter des Landes Berlin beim Bund. Zwischen 1993 und 1997 war Gerd Langguth geschaÅNftsführender Vorsitzender der Konrad-Adenauer-Stiftung. Er ist Autor mehrerer Bücher: "Kohl - Schröder - Merkel. Machtmenschen"; "Horst Köhler. Biografie", "Angela Merkel" (alle bei dtv).
Was meinen Sie, liebe stadtgottes-Leser? Schreiben Sie uns! Ihre Zuschrift werden wir gerne veröffentlichen. E-Mail >>
Juli 2011
Seit dem Krieg tanzt jede Regierung um das Goldene Kalb des Wirtschaftswachstums: Denn nur so, sagen Politiker, geht´s uns gut. Damit ist bald Schluss. Warum wir umdenken müssen, darüber sprach stadtgottes-Chefredakteur Albert Herchenbach mit Sozialforscher und Vordenker Prof. Meinhard Miegel
2008: Skrupellose Banker stürzten die Weltwirtschaft fast in den Abgrund. Dennoch werden Millionen-Boni gezahlt, sind Börsencomputer auf Top-Rendite programmiert. Was sich ändern muss, darüber sprach stadtgottes-Chefredakteur Albert Herchenbach mit Norbert Wolf, Geschäftsführer der Steyler Bank