Soziales

Hoffnung für Demenzkranke

1,2 Millionen Demenzkranke leben in Deutschland, bis 2050 wird sich ihre Zahl mehr als verdoppeln. Aber inzwischen gibt es Möglichkeiten, die Krankheit erträglicher zu machen. Wir haben den neuesten Stand der Forschung zusammengetragen geben Hinweise, wie Angehörige am besten mit Demenzkranken umgehen.

laif/Yorck Dertinger
Fast täglich kommt die alte Frau zur Bushaltestelle. Ganz ruhig bleibt sie einige Zeit sitzen. Dann geht sie wieder. Sie weiss nicht, dass hier kein Bus kommen wird. Sie weiß auch nicht, dass die Haltestelle im geschlossenen Gartenbereich eines Pflegeheims steht. Die alte Frau leidet an Demenz im fortgeschrittenen Stadium. Überhaupt weiß sie nicht mehr viel. Aber sie ist, wie viele ihrer Leidensgenossen, sehr unruhig, will immer weg. Der Aufenthalt an der Bushaltestelle beruhigt sie. Solche Haltestellen haben mehrere Pflegeheime für Demenzkranke in deutschen Städten eingerichtet. Sie können den Kranken Türen zur Erinnerung öffnen. Sie wirken eindeutig beruhigend. Das ist nachgewiesen.

Die Argumentation mancher Kritiker, das wäre ethisch verwerflich, weil man den Kranken ein X für ein U vormacht, greift da nicht. Die Krankheit beginnt schleichend Demenz, also der langsame Verlust von Erinnerung, sozialem Verhalten, Alltagsfähigkeiten und letztlich körperlichem Kontrollvermögen gehört zu den größten Herausforderungen unserer Zeit. "Es ist ein soziales Problem", sagt Sonja Schneider-Koch, Referentin für ambulante pflegerische Dienste beim Diakonischen Werk in Hamburg. Es betrifft alle:

Den Kranken, der oft über Jahre mitbekommt, dass etwas mit ihm nicht stimmt. Das macht ihn häufig dickköpfig, eigensinnig, widerspenstig, depressiv, aber auch aggressiv. Sehr vielen fehlt die Einsicht in ihre Krankheit. Sie wehren sich, wollen nicht zum Arzt.

Die Angehörigen, die mit Angst oder Ablehnung reagieren, wenn sich ein Familienmitglied so seltsam verändert. Sie sind hilflos, schämen sich womöglich für denjenigen oder glauben gar, dass er boshaft ist, um sie zu ärgern. "Da werden oft alte emotionale Strukturen wieder aufgebrochen", erklärt Sonja Schneider-Koch. "Das ist nicht einfach für alle Beteiligten."

Die Medizin, die zwar mittlerweile verschiedene Formen der Demenz kennt und diagnostizieren kann, die aber keine wirksame Gegenstrategie hat. Es ist immer noch nicht bekannt, was die genauen Ursachen sind, und es gibt keine Methode, eine Demenz zu heilen. Allerdings - und das ist sehr wichtig - gibt es heute durchaus Möglichkeiten, die Symptome zu lindern und den Verfall deutlich hinauszuzögern. Je früher eine Demenz diagnostiziert wird, umso besser sind die Chancen für den Kranken, noch lange Zeit würdevoll und weitgehend selbstbestimmt leben zu können. Deshalb sollten Anzeichen für eine Demenz nicht schamhaft verschwiegen, sondern ein Arzt zurate gezogen werden.

Die Allgemeinheit ist ebenfalls betroffen. Jeder Demenzkranke braucht eine besondere Betreuung, irgendwann auch Rundumpflege. Das können Angehörige oft nicht ohne fremde Hilfe leisten. Und: Viele alte Menschen leben allein, haben keine Angehörigen oder diese leben weit weg. Wenn sie dement werden, ist niemand da, der ihnen hilft. Insbesondere in Großstädten ist das ein Problem, da lebt rund die Hälfte der Betroffenen allein, weiß Sonja Schneider-Koch. "Wir brauchen demenzfreundliche Kommunen", sagt sie. "Das heißt, mehr Mitmenschlichkeit und Aufmerksamkeit, informierte Hausärzte, Gemeindeschwestern, ein waches Quartier." Je besser alte Menschen in ihr soziales Umfeld eingebunden sind, umso schneller kann eine beginnende Demenz erkannt, umso besser kann ihnen geholfen werden. Damit eine Demenz im Frühstadium tatsächlich erkannt wird und man mit dem Kranken sinnvoll und richtig umgeht, werden Schulungen angeboten  für Angehörige, Helfer, Polizisten, Verkäufer.

Demenz, in den meisten Fällen die Alzheimerkrankheit, fängt in der Regel ganz langsam, eher unauffällig an. Man wird vergesslich, verlegt Dinge, vergisst Namen, hat manchmal Wortfindungsprobleme, leidet ab und zu unter schlechter Stimmung. Eigentlich ganz normal, wenn man älter ist und einsam oder sehr viel beschäftigt. Verdacht auf eine beginnende Demenz sollte aufkommen, wenn die Vergesslichkeit ständig zunimmt, der Betroffene auch nach intensivem Nachdenken sich nicht mehr erinnert, Notizzettel nichts helfen oder er auf Bitten nicht oder verwirrt reagiert.

Das Problem: "Demenzbeschwerden können sehr lange verschleiert werden", erklärt Sonja Schneider- Koch. "Selbst bei schwerer Demenz ist es manchen Patienten durchaus möglich, klar zu sprechen. Außerdem hat die Krankheit sehr viele Facetten, kann sich sehr unterschiedlich zeigen." Das macht es für Angehörige, noch mehr für Fremde, nicht einfach, die Krankheit zu erkennen und zu akzeptieren. Was also bei einem Verdacht tun? "Ganz wichtig sind Behutsamkeit und Vertrauen", sagt die Expertin. Ob es wirklich eine Demenz ist, kann nur der Arzt feststellen.

Erster Ansprechpartner ist der Hausarzt, der den Betroffenen ja oft seit langer Zeit kennt. Ergeben sich zusätzliche Fragen, wird er an einen Facharzt für Neurologie und Psychiatrie überweisen - einen Gehirnspezialisten also. Mittlerweile gibt es auch in fast allen größeren Städten Gedächtnis-Sprechstunden (auch Gedächtnis- Ambulanz oder Memory-Klinik genannt), die sich speziell mit Demenzerkrankungen beschäftigen. Da sich eine Demenz weder an Laborwerten noch auf Röntgenbildern zeigt, müssen Fachärzte die Diagnose durch Ausschluss stellen. Das heißt, nach einem ausführlichen Gespräch über die persönliche Krankheitsgeschichte werden durch Blutuntersuchungen, EKG (Herz), EEG (Gehirnströme) andere Erkrankungen wie Diabetes, Schilddrüsenunterfunktion, Durchblutungsstörungen, Parkinsonkrankheit, Sauerstoffmangel durch eine Herz- oder Lungenkrankheit ausgeschlossen.

Denn alle diese Erkrankungen können zu demenzartigen Beschwerden führen. Steht die Verdachtsdiagnose Demenz, wird durch psychologische Testverfahren die Gehirnfunktion systematisch getestet. Man muss etwa eine Uhr mit einer bestimmten Zeit zeichnen (abstraktes Denken), Wortlisten lernen, Zahlenreihen vorwärts und rückwärts aufsagen (Gedächtnis), Orientierungsübungen machen. Mit einer Computertomografie können schließlich krankhafte Veränderungen des Gehirns festgestellt werden - allerdings nicht die Demenz.

Erst wenn die Diagnose Demenz sicher ist, wird der Arzt einen individuellen Behandlungsplan aufstellen, um den Krankheitsverlauf zu verzögern, die Beschwerden zu lindern. Dafür gibt es Medikamente wie Antidementiva und/oder Psychopharmaka. Besonders wichtig ist aber die nicht medikamentöse Behandlung. Dafür sind die Angehörigen als Betreuer und Unterstützer gefordert. Ziel ist es, die vorhandenen Fähigkeiten zu aktivieren und zu pflegen, solange es möglich ist. Der Kranke darf also weder unter- noch überfordert werden. Er kann etwa einfache Aufgaben im Haushalt übernehmen wie Tisch decken, Spül- und Waschmaschine einräumen, Ordnung schaffen, beim Kochen helfen. Er kann sich selbst an- und ausziehen, solange es geht. Musik hören, malen, basteln, vorgelesen bekommen, Gespräche (bitte langsam und einfach) regen das Gehirn an. Kreuzworträtsel, Gehirnjoggingaufgaben oder sonstige Übungen sollten auf keinen Fall aufgezwungen werden.

Sozialer Austausch dagegen ist von elementarer Bedeutung für die Gehirnleistung. Auch körperliche Bewegung wie zum Beispiel spazieren gehen "bewegt" das Gehirn. Am besten sucht man sich eine Selbsthilfegruppe zum Erfahrungsaustausch und eine Tagesbetreuung für den Betroffenen - das bringt viel und entlastet enorm. Je mehr Hilfe und Unterstützung sich betreuende und pflegende Angehörige holen, umso länger wird ein würdevolles Leben zusammen mit dem Demenzkranken möglich sein. Und umso später muss er allein an einer ausrangierten Bushaltestelle sitzen.

Wichtige Adressen:
Wohlfahrtsverbände, kirchliche Einrichtungen und Selbsthilfeorganisationen unterhalten in allen Städten und in den meisten Gemeinden Niederlassungen mit Hilfsangeboten für Demenzkranke und ihre Angehörigen.
Hier die Bundesverbände:

Diakonisches Werk der EKD e. V.
Reichensteiner Weg, 14195 Berlin
www.diakonie.de
www.mitmenschlichkeit.de

Deutscher Caritas-Verband
Karlstraße 40, 79104 Freiburg
www.caritas.de

Deutsche Seniorenliga e. V.
Heilsbachstraße 32, 53123 Bonn
www.deutsche-seniorenliga.de
www.dsl-alzheimer.de

Deutsche Alzheimer Gesellschaft e. V.
Friedrichstraße 236, 10969 Berlin
www.deutsche-alzheimer.de

Aktion Demenz
Karl-Glöckler-Straße 21 e, 35394 Gießen
www.aktion-demenz.de

Kompetenznetz Demenzen
www.kompetenznetz-demenzen.de

Bundesministerium
für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
www.bmfsfj.de

September 2011

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