Im Kommunionunterricht haben wir den katholischen Beichtspiegel gelernt und beigebracht bekommen, was man beichten muss. Nur wenige haben allerdings begriffen, worauf es wirklich ankommt und wie wir uns tatsächlich gegen Gottes Gebote versündigen. Der Minoriten-Pater Gabriel ist seit 36 Jahren Beichtvater an der Kölner Kirche St. Kolumba. Er weiß, was Menschen auf der Seele lastet – und wie leicht es heute geworden ist, sie zu verführen.
Achim Hehn
Nur schwach, wie ein Rauschen, dringt der Verkehrslärm in den dämmrigen Raum. Viele Dutzend Opferlichter flackern vor einer Statue an der Wand über dem Altar: Maria hält das Jesuskind im Arm, in sich gekehrt schaut sie mit halb geschlossenen Augenlidern auf den Betrachter hinunter. "Madonna in den Trümmern" haben die Kölner diese fast 600 Jahre alte spätgotische Figur getauft, nachdem sie wie durch ein Wunder einen Bombenangriff überstand: Die Kirche über ihr wurde am 2. März 1945 fast vollständig zerstört.
Ein Sinnbild der Hoffnung. Vielleicht auch deshalb ist St. Kolumba neben dem Dom und St. Andreas die beliebteste Beichtkirche in Köln. Die Gemeinde, die noch während des Krieges 5000 Seelen zählte, ist auf 200 geschrumpft und aufgegangen in einen Verbund von fünf Innenstadt-Pfarreien. Büros haben den Wohnraum verdrängt: Die kleine Kirche duckt sich im Schatten der gewaltigen Büro-Komplexe des WDR, vorn tobt der Verkehr über die Nord-Süd-Fahrt, mit 240 000 Fahrzeugen pro Tag die wohl lauteste Straße Kölns.
Zehntausende Menschen kommen täglich an dem kleinen Gotteshaus vorbei, Angestellte mit Aktenkoffern, Passanten mit Tüten bepackt aus den umliegenden Einkaufsmeilen. Mitunter zieht einer von ihnen die Tür zur Kirche auf: Um inmitten der Großstadt-Hektik für ein paar Minuten Ruhe zu finden, in sich zu gehen, über sein Leben nachzudenken, sein Verhältnis zu den Mitmenschen, seine Beziehung zu sich selbst - und zu Gott.
Der Minoriten-Pater Gabriel Weiler, 73, oder einer seiner beiden Mitbrüder wartet auf ihn. Von montags bis samstags von neun bis halb zwölf und nachmittags von halb fünf bis sechs. Pater Gabriel muss nicht erst, wie das meist in anderen Kirchen üblich ist, über eine Klingel herbeigerufen werden. Er sitzt im Beichtstuhl und wartet. Wartet auf Menschen, die spüren, dass sie mit sich, mit anderen und mit Gott nicht im Reinen sind. Die bedrückt sind, sich ihren Kummer von der Seele reden und sich Gottes Versöhnung zusprechen lassen wollen. An die 450 Menschen nehmen dieses Angebot jeden Monat an.
Ist das viel? In den 50er-Jahren waren in den Kirchen am Samstagnachmittag regelmäßig zwei, drei Bänke besetzt mit Gläubigen, die auf die Beichte warteten. An die Zeit kann sich auch Pater Gabriel noch erinnern: "Meine Großmutter ist jeden Samstag zum Beichten gegangen. ,Großmutter', haben wir Kinder sie gefragt, ,du begehst doch keine Sünde?!' ,Oh, habt ihr eine Ahnung', hat sie dann lachend geantwortet." "Beichten", sagt Pater Gabriel, "hieß damals, den Beichtspiegel einfach vorzulesen." Alle nur denkbaren Sünden sind im Gebetbuch aufgeführt; die Texte sollen zum In-sich-kehren, zur "Gewissenserforschung" einladen, tatsächlich aber haben die meisten älteren Gläubigen sie im Kommunionunterricht gleichsam als Liste zum Abhaken beigebracht bekommen. Viele erinnern sich an ihre Kindheit, als sie nach der Absolution den Beichtstuhl verließen und ihnen plötzlich eine Verfehlung einfiel, die sie vergessen hatten, dem Priester zu beichten. Eine Gewissensqual: Galt sie jetzt, die Absolution? Oder würde Gott diese Unachtsamkeit gar als Betrug, wenn auch als minderschweren Fall, auslegen? Wundert es da, wenn - wie Seelsorger es immer wieder erleben - 60-Jährige beichten, "genascht" zu haben oder "ungehorsam" ihren alten Eltern gegenüber gewesen zu sein?
Pater Gabriel ist ein besonnener, fröhlicher Mensch, der gern lacht. Aber bei diesem Thema wird er ernst. "Ich war kleiner Messdiener. Unser alter Pfarrer hatte für uns Kinder einen Beichtspiegel gemacht, den hatte ich eines Tages verloren. Ich war ganz unglücklich: Jetzt konnte ich nicht mehr beichten! - Das muss man sich mal vorstellen!" "Die Leute haben im Lauf der Zeit verlernt, dass das Bußsakrament etwas anderes ist." Kein Tribunal wegen Gesetzesverstößen, sondern die Annahme von Gottes Liebe und Barmherzigkeit. Pater Gabriel: "Man hat es ihnen nicht beigebracht. Viele Dinge, die wir heute beklagen, liegen schlicht und einfach am Klerus. An dessen Nachlässigkeit. Dabei ist die Verwaltung des Bußsakraments DIE priesterliche Aufgabe! Aber ich kenne keinen, der das als echte Aufgabe erkennt, und meine jungen Mitbrüder wollen das auch nicht. Sie scheuen sich davor." Unter all den sieben Sakramenten fristet das Bußsakrament ein ungeliebtes Schattendasein, das viele Pfarrer nur noch vor hohen Feiertagen in Form von allgemeinen Bußgottesdiensten anbieten. Pater Gabriel lehnt sie als "zu unverbindlich" ab. "Die Leute wollen, dass man ihnen persönlich auf diese besondere Art die Versöhnung Gottes zuspricht." Nein, dass Gläubige "gewohnheitsmäßig beichten, das gibt´s nicht mehr", hat der Minoriten-Pater erfahren müssen.
Allerdings nicht an St. Kolumba. Dort ist die Zahl der Beichtenden, die oft von weit her kommen, gleich geblieben. Der Pater kann das beurteilen: Er ist seit 36 Jahren an St. Kolumba und von Anfang an im Beichtstuhl. Die Menschen, die dort ihr Herz ausschütten, tun dies, "weil sie das Gefühl haben, du musst etwas ändern", sagt Pater Gabriel. "Das erlebe ich sehr oft. Etwa einmal pro Woche kommt jemand in den Beichtstuhl und sagt: ,Eigentlich wollte ich gar nicht beichten. Aber dann habe ich gesehen, dass da jemand sitzt. Und da hatte ich den Eindruck, der wartet auf mich.'" Solche Begebenheiten seien früher nicht denkbar gewesen. Natürlich: Pater Gabriel würde niemals erzählen, was die Menschen ihm anvertrauen. Beichtgeheimnis.
So viel aber sagt er doch: "Die Leute breiten ihr Leben aus. Sie sind unzufrieden, weil sie dies oder jenes nicht ändern können. ,Ich bin in Dinge hineingeraten, von denen ich weiß, dass ich da nicht reingehöre.' Sie streben ein besseres und zufriedeneres Leben an. Sie wollen 'was tun, sie wollen frömmer werden. Das ist das, was wir erleben." Was ist heute Sünde? Pater Gabriel: "Was nicht als Sünde angesehen wird, ist eine Grundunzufriedenheit, die etwas mit Neid zu tun hat. Ja, das hat zugenommen. Das Gefühl: Ich hätte eigentlich mehr verdient! Der Neid nimmt seit zehn, 20 Jahren zu. Ich frage dann: ,Jetzt sagen Sie mir doch einmal ganz konkret, was Ihnen praktisch fehlt.' Aber dann kommt kaum etwas. Es ist ein allgemeines Gefühl, das durch Werbung angeheizt wird." Und vier-, fünfmal in der Woche kämen auch Menschen und bäten um ein Gespräch außerhalb des Beichtstuhls. Tatsächlich scheinen viele Beichtende zu ahnen, worauf es im Bußsakrament wirklich ankommt, wenn sie sagen: So kann ich nicht weitermachen, der Herrgott kann so nicht mit mir zufrieden sein.
"Wenn wir wirklich konsequent wären, dürften wir keinen Kaffee mehr trinken. Oder fair gehandelten. Aber diese Haltung ist bei unseren gut katholischen Leuten nur sehr, sehr schwach verbreitet." Und er schimpft: "Die Schuld daran trägt der Klerus, der den Leuten nur die Gebote eingehämmert hat und sonst nichts." Eigentlich also, so sieht es aus, ist eine Gewissenserforschung ganz einfach: Wo habe ich gegen die Liebe verstoßen? "Ja, so ist es auch. Echtes menschliches Verhalten geht über die Gebote hinaus. Auf diese Dinge müssen wir hinarbeiten. Da wird zu wenig getan." Wobei es so einfach ist: Das, sagte einmal der große Theologe Karl Rahner, worauf es wirklich ankommt, passt auf die Rückseite einer Briefmarke!
Albert Herchenbach
September 2011
Bei Rot über die Straße, schwarzfahren, Hotelhandtücher im Koffer verschwinden lassen – Alltagssünden. Oder doch mehr?
Kirche im Niedergang? Von wegen. Viele junge Menschen sind Feuer und Flamme: Sie wollen sich für ihren Glauben engagieren – als Lehrer, Pastoralreferenten oder Priester. Wir haben Theologiestudenten gefragt, was sie antreibt.