Das Gespräch

Rote Karte für Spekulanten

Der Kapitalismus wird daran zugrunde gehen, dass er Arbeit wie Ware behandelt. Der das sagt, ist kein Linker, sondern der ehemalige CDU-Arbeitsminister Dr. Norbert Blüm. Seine Forderung: Zurück zu ehrlicher Arbeit! stadtgottes-Chefredakteur Albert Herchenbach sprach mit ihm.

Meike Böschemeyer

stadtgottes: Herr Dr. Blüm, am 2. Oktober ist Erntedank. Wenn jemand seit zehn Jahren keine Arbeit findet, aber mehr schlecht als recht von Sozialleistungen lebt, muss der dankbar sein?

Dr. Blüm: Ohne Dank kann man gar nicht leben. Aber zehn Jahre keine Arbeit - das ist auch Anlass zum Bitten, vielleicht auch in einer etwas härteren Form, nämlich zum Fordern.

Forderung an wen?
An Gewerkschaften, Arbeitgeber, Kirchen, auch an die Politik: Lohnverhältnisse nicht hinzunehmen, von denen man nicht leben kann. Wenn jeder neunte Leiharbeiter auf staatliche Unterstützung angewiesen ist, beginnt das System überzuschnappen. Weil die Logik ist: Warum noch arbeiten? Geh doch gleich zur Sozialhilfe! Familiengerechter, leistungsgerechter Lohn ist eine uralte christlich-soziale Forderung. Es wird doch niemand behaupten wollen, dass dafür kein Geld da ist, wenn beispielsweise ein Herr Nonnenmacher, der als Vorstandsvorsitzender die HSH Nordbank ins Schleudern gebracht hat, eine Abfindung von vier Millionen Euro bekommt. Die Gesellschaft fällt auseinander: Das untere Einkommensviertel hat in acht Jahren 14 Prozent an Lohn verloren ...

Während zur gleichen Zeit die Vorstandsbezüge etwa bei der Allianz, der Deutschen Post oder bei RWE um rund 400 Prozent gestiegen sind ...
Der große Bischof Ketteler (1811-1877, Gründer der Katholischen Arbeitnehmerbewegung KAB, d. Red.) hat gesagt: Diebstahl ist nicht nur, wenn du etwas nimmst, das dir nicht gehört, sondern auch, wenn du jemandem nicht gibst, was ihm zusteht. So, wie der Wohlstand in der Welt verteilt ist, ist das ein globaler Diebstahl.

Warum wird in der Politik so wenig über das Recht auf Arbeit, wohl aber über das Anrecht auf soziale Leistungen geredet?
Das ist eine Fehlentwicklung, weil wir ums Goldene Kalb des Kapitals und der Rendite tanzen. Das schlechte Gewissen der Gesellschaft wird beruhigt durch Almosen für die Bedürftigen. Aber hier geht es nicht um Barmherzigkeit, sondern um Gerechtigkeit. Und die haben wir weltweit vernachlässigt. Die 358 reichsten Familien dieser Erde besitzen die Hälfte des Weltvermögens. Und das nicht, weil sie ein paar Überstunden gemacht haben.

Ihr Vater starb als glücklicher Mensch, weil er sein ganzes Leben gerackert hat. Heute haben sich die Perspektiven verschoben: Derjenige gilt als glücklich, der ohne Arbeit viel Geld verdient. Verkehrte Welt?
Ja, du kannst mehr Geld mit Geld verdienen als mit Arbeit. Das führt zu der perversen Formulierung: Geld arbeitet. Bitte, wo "arbeitet" Geld? Porsche hat drei Milliarden Euro mehr Gewinn gemacht als Umsatz. Wie das geht? Weil sie mehr verdient haben durch Finanzgeschäfte als durch Produktion. Da muss die christliche Soziallehre aufstehen! Denn die Arbeit hat einen hohen Stellenwert. Der erste Arbeitgeber war der Schöpfer, der uns aufgetragen hat: Macht euch die Erde untertan. Jesus ist in einer Arbeiterfamilie geboren worden. Und die Ersten, die ihm huldigten, waren Arbeiter, die von der Nachtschicht kamen. Die zwölf, mit denen die Kirche gegründet wurde, waren Zöllner oder Fischer. Und selbst Paulus, der später hinzugekommene Intellektuelle, hat sich gerühmt, dass er "wegen seiner Hände Arbeit" niemandem zur Last fällt. Die Arbeit ist Teilhabe an der Schöpfung Gottes. Mein Vater hat nicht deshalb ein erfülltes Leben gehabt, weil er malocht hat, sondern weil er gefragt und seine Arbeit anerkannt war.

Aber im Schöpfungsmythos wird die Arbeit auch als Fluch dargestellt: "Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen."
Ja, aber der Fluch wandelt sich zum Segen, wenn wir uns - und andere - in der Arbeit erfahren, spüren, uns bewusst werden. Es gibt keine Arbeit "solo". Es ist immer Arbeit mit anderen für andere. Das ist eine elementare soziale Erfahrung.

Würden Sie das auch einem Fließbandarbeiter sagen?
Sicher. Guy de Larigaudi, Vorbild aller Pfadfinder, habe ich immer bewundert für seinen Satz: Um Gottes willen ist es ebenso gut, Kartoffeln zu schälen, wie Dome zu bauen. Dennoch müssen wir natürlich alles tun, Arbeit abzuschaffen, die den Menschen auslaugt und zermürbt.

Aber so werden Arbeitsplätze vernichtet. Früher gab´s auf jeder Lokomotive einen Heizer, der Kohlen in die Lok geschaufelt hat.
Dafür gibt´s neue Berufe, etwa Pflegekräfte, die müssen wir nur anständig bezahlen. Wir als Konsumenten entscheiden, wofür wir unser Geld ausgeben. Fürs Drittauto und für T-Shirts aus Bangladesch, wo Textilarbeiterinnen für einen Euro pro Tag schuften müssen. Nein, da gibt´s keine Ausrede. Und dass Arbeit wegfällt, das stimmt ja nicht. Bei uns werden die Menschen immer älter, da entstehen ganz neue Bedürfnisse. Vielleicht bietet ja die Dienstleistungsgesellschaft eine neue Chance, das Miteinander menschlich zu organisieren. Wenn etwa die Bahn Kosten einspart, Personal entlässt und dafür Automaten aufstellt, sparen wir vielleicht Geld, aber verlieren Menschlichkeit.

Arbeitsplätze gelten in weiten Teilen der Wirtschaft nur noch als Kostenfaktor, den man möglichst niedrig halten sollte.
Der Kapitalismus wird daran zugrunde gehen, dass er die Arbeit wie Ware behandelt. Nein, das ist sie nicht! Der ehemalige Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie Rogowski hat einmal gesagt: Mit den Löhnen ist es wie mit dem Schweinezyklus: Wenn viele Schweine da sind, fällt der Preis, wenn es wenige gibt, steigt er. Der hat nur übersehen, dass die Arbeitnehmer keine Schweine sind. Dieses System wird die nächsten 20 Jahre nicht überleben. Die nächste Blase ist ja kurz vorm Platzen.

Wie sieht die nächste Blase aus? Vor elf Jahren platzte die Internet-Aktien-Blase, wo viele Kleinanleger ihr Vermögen verloren. Vor drei Jahren war es der amerikanische Immobilienmarkt, der die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise auslöste.
Es wird spekuliert mit Nahrungsmitteln und Rohstoffen. Dem Geld steht keine vergleichbare Wertschöpfung gegenüber.

Rudolf Dressler, Sozialpolitiker und ehemaliger SPD-Bundestagsabgeordneter, hat vor zweieinhalb Jahren in einem stadtgottes-Interview gesagt: Das Schlimmste, was uns passieren könnte, sei, wenn wir nur mit ein paar Schrammen aus der Wirtschaftskrise schlittern und nichts daraus gelernt haben.
Das ist wie auf der Autobahn. Wenn ich da einen Unfall sehe, fahre ich die nächsten drei Kilometer ganz langsam. Und dann trete ich wieder aufs Gaspedal. Es wackelt ja schon: Die USA haben 58 Billionen Dollar private und öffentliche Kredite. Dem steht eine reale Wirtschaftsleistung von 16 Billionen Dollar gegenüber. Mit anderen Worten: Die Amerikaner geben mehr aus, als sie anschaffen. Das ist ein ganz dünnes Eis, auf dem wir uns bewegen. Die reichen Länder dieser Erde leben eklatant über ihre Verhältnisse.

Wären viele unserer Probleme nicht gelöst, wenn wir so verfahren würden wie im Evangelium der Gutsherr mit seinen Arbeitern im Weinberg? Jeder bekommt denselben Lohn, egal, wie lange er dafür gearbeitet hat. Götz Werner, der Chef der Drogeriemarkt-Kette DM, zieht diese Geschichte gern heran, um seine Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen zu belegen.
Ich halte nichts von einem Sozialstaat, der huldvoll Geld an die Armen verteilt. In meinem Sozialstaat zahlt der, der arbeitet, einen Beitrag für die anderen. Mit dieser solidarischen Leistung hat er Anspruch auf Gegenleistung. Es macht für das Selbstbewusstsein einen großen Unterschied, ob ich mein Altersgeld aus selbst verdienter Rente beziehe oder als vom Staat finanziertes Bürgergeld. In die gesetzliche Rente ist auch eine große Generationenklugheit eingebaut: Wie du deine Vorgänger behandelt hast, so wirst du von deinen Nachkommen behandelt. Das steht schon in Hebels "Schatzkästlein des Rheinischen Hausfreunds": Der Fürst fragt den Bauern, was er mit seinem Geld mache. Der antwortet: Ein Drittel gebe ich Kredit, mit einem Drittel zahle ich meine
Schulden ab, und ein Drittel ist für mich. Wie das?, fragt der Fürst. Und der Bauer: Den Kredit gebe ich meinen Kindern, und meinen Eltern zahle ich die Schulden ab. Das ist das ganze Geheimnis einer solidarischen Gesellschaft: Geben und Nehmen im Gleichgewicht. Oder: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.

Was ist denn das für eine Solidarität, wenn 1,3 Millionen Menschen ihre Niedriglöhne mit Hartz IV aufbessern müssen und so die Steuerzahler Unternehmen finanzieren, die Gehälter zahlen, von denen man nicht leben kann?
Oder noch anders formuliert: Die Arbeitnehmer zahlen mit ihrer Lohnsteuer die ausgefallenen Löhne, um die ihre Kollegen betrogen worden sind.

Dafür aber sinken die Arbeitslosenzahlen.
Das führt doch in die Sackgasse! Schon jetzt ist jede dritte Neueinstellung in einem atypischen Arbeitsverhältnis. 54 Prozent aller unter 25-Jährigen haben keinen regulären Arbeitsvertrag, sie sind entweder Leiharbeiter, befristet eingestellt oder Praktikant. Die leben von der Hand in den Mund. Jede achte Ehe ist eine Fernbeziehung, weil der Mann woanders arbeitet als die Frau. Diese Arbeitswelt ist der elementare Angriff auf Ehe und Familie. Wenn sich da nichts ändert, nutzt auch keine Verdreifachung des Kindergeldes. Diese Gesellschaft verzichtet auf Freundschaft, Nachbarschaft, Ehe. Das wäre vielleicht mal eine Anfrage an die Bischöfe und an ihr nächstes Hirtenwort zur Familie. Da sollten sie auch bedenken, dass zur Familie auch ein geregeltes Einkommen gehört. Wir steuern auf eine Gesellschaft der Tagelöhner zu! Schon in der Bibel hatten es die Sklaven besser als die Tagelöhner. Denn beim Sklaven hatte der Arbeitgeber ein Interesse daran, dass dessen Gesundheit erhalten blieb.

Aber ökonomisch ist das doch kontraproduktiv: Wenn ich einen befristeten Arbeitsvertrag habe, überlege ich es mir dreimal, ob ich eine Familie gründe und dann ein Haus, ein größeres Auto und eine Wohnungseinrichtung kaufe.
Wir fördern eine Gesellschaft von flexiblen Einzelgängern. Diese Flexibilität wird ja noch global weitergetrieben: Wir holen uns die Informatiker aus Bangalore. Wohlgemerkt: die ausgebildeten! Die ungelernten dürfen in Indien bleiben. Wir lassen ausbilden in Mali und Vietnam, von dort holen wir die Krankenschwestern. Früher haben wir in diesen Ländern die Rohstoffe ausgebeutet, jetzt die Qualifikation der Menschen. Oder ums drastisch zu sagen: Früher musste man auf den Sklavenmärkten sein Gebiss zeigen. Wenn die Zähne gut waren, wurdest du gekauft. Heute langt ein Diplom. In Mali gibt´s keine Krankenschwestern mehr - die sind in England.

Eine neue Form des Kolonialismus?
Ja, das ist Neokolonialismus. Wir beuten Menschen aus. Ausbildung ist teuer, das lassen wir dann lieber in Billiglohn- Ländern machen.

Fühlen Sie sich in Ihrer Partei, der CDU, noch wohl?
Ach - ich habe nicht vor zu wechseln. Es gibt keine idealen Parteien. Ich halte das C im Parteinamen noch immer für das Fundament der Argumentation. Und da muss die Partei in Beweislast gebracht werden - von den Christen.



 
 
 

Oktober 2011

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Anwalt für ehrliche Arbeit

Dr. Norbert Blüm, 76, gelernter Werkzeugmacher, ist der wohl bekannteste Sozialpolitiker Deutschlands. Er ist der einzige Bundesminister, der 16 Jahre lang während der gesamten Kanzlerschaft von Helmut Kohl dem Kabinett angehörte. Über die Entwicklungen in unserer Gesellschaft hat er ein Buch geschrieben: "Ehrliche Arbeit: Ein Angriff auf den Finanzkapitalismus und seine Raffgier", Gütersloher Verlagshaus, 19,99 Euro