Theologischer Experte

Bußandacht – auch Sündenvergebung?

Bei uns wird die Bußandacht von einem Diakon gehalten. Aber die Beichte abnehmen kann doch nur ein Priester. Sind bei diesen Bußandachten die Sünden auch vergeben?

Ja, die Bußandacht hat sündenvergebende Kraft, auch wenn sie, so die Deutsche Bischofskonferenz, zu den „nichtsakramentalen Formen der Sündenvergebung“ gehört. Die Sündenvergebung ist nie nur auf die Beichte eingegrenzt worden. Das Bekenntnis der Sünden ist schon immer Bestandteil der Bußpraxis der Kirche gewesen. Die Verpflichtung zur persönlichen Beichte besteht „nur“ im Fall von schweren Sünden. Klassisch waren immer die drei Fälle, die ohne persönliche Beichte nicht vergeben werden konnten: Glaubensabfall, Mord und Ehebruch.

Heute würde weiter unter schwere Sünde alles fallen, was gegen Gerechtigkeit und Menschenwürde verstößt: vorenthaltener Lohn, menschenunwürdige Arbeitsbedingungen, alles, was gegen das Leben am Beginn und am Ende gerichtet ist, Menschenhandel, Drogenhandel, Völkermord, religiös motivierter Hass, um nur einige Beispiele zu nennen. Die entscheidende Voraussetzung, dass Gottes Vergebung bei den Menschen ankommt, ist aber nicht, dass ein Priester diese Lossprechung spricht, sondern die Reue.

Diese Reue aus Liebe zu Gott hat, auch wenn kein Priester erreichbar ist oder wenn die Gelegenheit zur Beichte nicht gegeben ist, sündenvergebende Kraft. Der besondere Akzent der Bußandacht liegt auf der gemeinschaftlichen Dimension der Sünde: Jede noch so geheime Sünde hat Auswirkung auf das Ganze – und sie bringt deren Aufarbeitung in Bekehrung und Buße in der Gemeinschaft der Kirche deutlicher zum Ausdruck und feiert sie in der Gemeinschaft als Gottes Geschenk. Auch der Bußakt zu Beginn der heiligen Messe hat sündentilgende Kraft, vor allem die Messe als Ganzes: „Zur Vergebung der Sünden“ – dies wird immer in der Mitte der Feier gesagt.

Das persönliche Gebet um die Vergebung der Sünden, das Lesen der Heiligen Schrift, gute Werke der Nächstenliebe, das geduldige Annehmen eines schweren Lebenskreuzes, all das hat sündenvergebende Kraft. Nicht zuletzt auch, wenn wir anderen deren Sünden gegen uns verzeihen, wie wir es im Vaterunser beten. Sowohl Bußandacht als auch Beichte wollen deutlich machen, dass das ganze christliche Leben eine Buße ist, das heißt, eine ständige Abkehr vom Bösen und Hinwendung zu Gott, gefeiert in der Kirche im Vertrauen auf Gottes Vergebung unter uns Menschen.

November 2011

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    Magister der Theologie, war 25 Jahre als Missionar in Chile im Einsatz. Jetzt tätig als Pfarrer und seelsorglicher Begleiter. Mitarbeiter der ,,Gesprächsinsel“ Wien

     

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