Steyler-Welt

Antarktis – Mission im ewigen Eis

Die Antarktis ist der wichtigste, trockenste und mit minus 55 Gard Durchschnittstemperatur der kälteste Ort der Erde. Dennoch leben und arbeiten hier Menschen, um den Südpol zu erforschen. Der Steyler Missionar Pater Philip Gibbs SVD hat sie einen Monat lang betreut

Gleißende Sonne. Schweigend stehe ich mit vier Männern vor einem Schneefeld des Mount Erebus. Ich gehöre zu einer kleinen Delegation, die der 237 Touristen und 20 Besatzungsmitglieder gedenkt, die am 28. November 1979 bei einem Rundflug mit einer DC-10 der Air-New-Zealand über diesem antarktischen Vulkan abgestürzt waren. In die Stille hinein spreche ich ein Gebet: "Gott unser Schöpfer, du wachst über alle Völker. Wir erinnern uns hier an Menschen von allen Himmelsrichtungen unserer Erde, die auf diesem Berg vor über 30 Jahren gestorben sind ..."

Es war nicht leicht, in der Nähe des Kreuzes an der Nordseite des Berges zu landen, wo wir Botschaften von Verwandten und Freunden der Toten in einer koru-förmigen Aluminiumskulptur hinterlegten. "Koru", das ist ein schneckenförmiges Symbol der Maori, der Ureinwohner Neuseelands. Bisher hatte ich den Berg als Feind empfunden, kalt und unfreundlich. Aber an diesem Sonnentag war es anders: ich fühlte mich sicher und angenommen am Fuß der eisigen Hänge unter dem Krater, wo sich Wolken von weißem Rauch und Dampf erhoben.




Pater Philip Gibbs SVD

Das Gebet setze ich in Te Reo, der Maori-Sprache, fort: "Kua mauria ka wai e matou mai i te Mauka Aoraki ... - Wir haben Wasser vom Aoraki (Mount Cook, der höchste Berg Neuseelands) gebracht, als Zeichen der Erinnerung und Liebe ..." Die natürlichen Symbole Erde, Feuer und Wasser spielen für viele Völker eine wichtige Rolle: Hier am Mount Erebus sind sie alle drei vorhanden. "Lass dein Licht über alle leuchten, die hier gestorben sind, und schau auch auf uns, die wir um sie trauern." Ich besprenge Kreuz und Koru mit dem Wasser.

"Das Weihwasser vom Aoraki möge eure Seelen erfrischen. Möge euch die Ruhe der Antarktis zuteilwerden, die Gnade und Schönheit und Weite eure Träume erleuchten und euren Geist für die Ewigkeit öffnen, bis die Engel des Lichts euch erwecken."
Diese Feier war für mich der Höhepunkt meines Einsatzes in der Antarktis. Als gebürtiger Neuseeländer hatte ich einen Monat lang die Möglichkeit, das internationale Forscherteam seelsorgerisch vor Ort zu betreuen.

Der Antarktis-Vertrag von 1959 schreibt fest, dass dieser unbewohnte Kontinent, der größer als Europa ist, der internationalen Völkergemeinschaft ausschließlich für eine friedliche Nutzung und Forschung vorbehalten bleibt. Das Programm dafür wird von der Nationalen Forschungsstiftung (NSF) Neuseelands verwalte. Die Projekte beschäftigen sich mit Astrophysik, Biologie, Medizin, Geologie, Geophysik, Gletscherkunde, Ozeansystemen und Klimawandel. Während des antarktischen Sommers von November bis Februar halten sich über 1000 Forscher und Arbeiter in der McMurdo-Station auf, weitere 250 Menschen leben über 1000 Kilometer entfernt in der Scott-Amundsen-Station. Für sie stehen ein katholischer und ein protestantischer Geistlicher zur Verfügung.

Die Aufgabe war für mich eine Herausforderung: Die meisten Menschen hier stammen aus den Vereinigten Staaten und sind gewohnt, am Sonntag den Gottesdienst zu besuchen. Aber in der Antarktis, einer Wildnis, brechen Gewohnheiten und Gebräuche ein. Tatsächlich gingen mehr Leute zu den Yoga-Kurse als zur Messe, zu der mein Kollege und ich in unsere "Schneekapelle" eingeladen hatten. Einmal wurde ich gerufen, weil jemand aus Gesundheitsgründen ausgeflogen werden musste. "Wenn der Mann stirbt, rufen wir dich", sagte mir ein Krankenpfleger. Offenbar glaubt man auch in der Antarktis noch, dass man den Priester erst dann ruft, wenn jemand stirbt oder schon fast tot ist.

Ein seltenes Ereignis: In der Zeit, in der ich hier meinen Dienst verrichtete, waren die Steyler Missionare nicht nur auf sechs Kontinenten (wir zählen Nord- und Südamerika als verschiedene Erdteile) vertreten, sondern auf allen sieben -ich bin ein wenig stolz auf diesen "Missionsbeitrag". In der Antarktis haben mir einfachste Dinge wie Teetrinken zur Meditation verholfen: Das Teewasser kam aus dem Eis in fast 200 Meter Tiefe. Die Berechnungen seines Alters versetzten mich in eine mystische Stimmung: Schneefall, Gefrieren und Druck haben 2000 Jahre gebraucht, um die Schicht darüber aufzubauen. Das war also Wasser aus der Zeit Jesu, mit dem ich meinen Tee aufgoss!

Pater Philip Gibbs SVD

November 2011

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