Titelthema

Stille, wo bist du?

Sehnsucht nach Ruhe: Gibt es ihn, den Ort ohne Geräusche, ohne äußere Ablenkung, einen Platz, wo wir den absoluten Frieden finden können? stadtgottes-Autorin Judith Bornemann hat sich auf die Suche gemacht


Fraunhofer IBP
Warten auf den Zug. Um mich herum Lärm. Der verbindet sich mit der Unruhe eines Großstadtbahnhofs. Ich fühle mich bedrängt von Geräuschen: laute Wortfetzen, unterschwellig dröhnende Bässe aus einem MP3-Player. Handysklingeln, Zugbremsen quietschen, Lautsprecherdurchsagen hallen. Lachen, Schimpfen, Kindergequengel. Menschen mit verkniffenen, gehetzten, ernsten Gesichtern marschieren mit Handtasche und Aktenkoffer vorbei, schieben genervt Kinderwagen und Gepäckstücke durch den Strom der Hastenden.

Ein Potpourri aus Geräuschen, das wie ein Kübel gefüllt mit kaltem Wasser über mir ausgeschüttet wird. Stille wäre schön! Allein schon bei dem Gedanken daran kann ich wieder tiefer durchatmen. Aber wo finde ich die Stille? Ich mache mich auf die Suche.

Die führt mich zuerst nach Stuttgart. Vielleicht bekomme ich eine Antwort im Schalllabor für technische Versuche am Fraunhofer-Institut für Bauphysik. Dort, wo normalerweise akustische Eigenschaften von Baustoffen und Materialien getestet werden, soll man angeblich die absolute Stille finden können.

Zwei meterdicke Türen führen in den Raum. Es fühlt sich an, als habe mir jemand eine dicke Daunendecke über die Ohren gelegt. Ich stehe auf einer durchsichtigen Kunststoffplatte, darüber liegt ein Gitter. Der hohe, quadratische Raum ist leer. Das fahlgelbe Licht bestrahlt dicke Polsterwände. Trotz der Größe des Raumes fühle ich mich eingeengt. Schalldicht verpackt. Die Wände schlucken jeden Laut, jedes Wort, jeden Atemzug. Kein Hall, kein Echo, nichts. Mehr Stille als in diesem Raum kann ich wohl nirgends finden.

Aber Stille habe ich mir anders vorgestellt. Am Münchner Flughafen treffe ich Michael Krause. Er wird eine Menge zu erzählen haben, denke ich - immerhin hatte er eine interessante Geschäftsidee zum Thema Stille auf dem Flughafen: zwei große karton-ähnliche Kabinen inmitten des Passagiertrubels, die dem Reisenden Ruhe und eine Rückzugsmöglichkeit versprechen. In diesen sogenannten Napcabs können Passagiere auf der Durchreise für einige Zeit Privatsphäre buchen, für 15 Euro die Stunde. Ausgewiesen ist diese Kabine für eine Person.

Ich sehe mich um: Hell und stylish ist dieses Napcab mit einem Bett, einer kleinen Tischplatte, einem Bildschirm an der Wand, mit dem man Musik auswählen kann; die Decke umsäumt ein angenehmes farbiges Licht, wahlweise rot oder blau. Nur gedämpft höre ich Stimmen und Schritte weniger Reisender, die sich gerade am Gate aufhalten.

"Wenn hier zig Passagiere auf ihren Weiterflug warten, wird es draußen schon lauter", erklärt Michael Krause. "Dann ziehen sich immer wieder Leute hierher zurück, einfach um ein kleines bisschen für sich zu sein und mal nicht auf ihr Gepäck aufpassen zu müssen. Oder sie arbeiten am Laptop -oder sie wollen einfach nur mal schlafen." Hier ist es ruhig, ein kurzer Stopp im Alltag, ein kurzes, auch durchaus geistiges "Ausstrecken". Aber das ist nicht die Stille, nach der ich suche.

Die technisierte Stille ist nichts für mich. Fast intuitiv suche ich sie nun in der Natur. Im Wald, da müsste sie doch zu finden sein! Morgens um fünf, hatte mir der Jäger Franz Helmschrott gesagt, soll ich zum vereinbarten Treffpunkt im Zusamtal bei Augsburg kommen. Noch rumpeln keine Traktoren über die Feldwege. Wir stapfen durch nasses, kniehohes Gras. Nebelschwaden ziehen über die Felder. Ich atme tief durch. Obwohl Geräusche um mich herum sind, ist es eigenartig still. Das fühlt sich gut an.

Judith Bornemann

November 2011

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