Titelthema

Geliebter Feind

Juden und Palästinenser leben friedlich zusammen Tür an Tür. Was klingt wie ein Märchen, funktioniert – im Dorf „Oase des Friedens“ zwischen Tel Aviv und Jerusalem. Hier lernen schon die Kleinsten, einander zu achten – Grundvoraussetzung für ein Leben ohne Hass

Palästinensische und jüdische Kinder im Friedensdorf© Laif/AndreaKünzig

Eine Moschee, Synagoge oder Kirche sucht man vergebens im Dorf. Dafür gibt es einen Gebetsort, ganz ohne religiöse Symbole. Das „Haus der Stille“ nennen ihn die Einwohner. Es steht am Rande des Dorfes. Wer beten will, darf das hier tun – und bei Bedarf die eigenen Symbole mitbringen. „So haben wir hier nichts und doch zugleich alles“, sagt Abdessalam Najjar, der mit seiner Familie zu den Ersten gehörte, die sich im 1972 gegründeten Friedensdorf „Neve Schalom/Wahat al-Salam“ – hebräisch und arabisch für „Oase des Friedens“ – niederließen.

Heute leben 56 Familien auf dem Hügel an der Schnellstraße auf halber Strecke zwischen Tel Aviv und Jerusalem, je zur Hälfte arabisch und jüdisch. „In dieser Hinsicht sind wir stur“, schmunzelt Abdessalam Najjar. Anfragen von außen gibt es genügend, und gerade erst sind durch das zuständige Komitee weitere 34 Familien neu in die Dorfgemeinschaft aufgenommen worden. 140 Familien sollen es irgendwann werden – der Dorfcharakter soll erhalten bleiben.

Das Zusammenleben in Neve Schalom beruht auf den Prinzipien von Toleranz, Gleichberechtigung und gegenseitiger Achtung. Die Belange der Gemeinschaft werden demokratisch verwaltet, Araber und Juden paritätisch beteiligt. Ein wesentlicher Pfeiler des Zusammenlebens ist dabei das Erziehungssystem.

Muslimische, jüdische und christliche Kinder werden in der Kinderkrippe, im Kindergarten und in der Grundschule gemeinsam in zwei Sprachen unterrichtet. Kein Problem. „Das Schwierigste hier ist die Hitze“, sagt der zwölfjährige Araber Rani. „Das ist das einzige Problem, das wir haben“, ergänzt sein jüdischer Freund Uri, der neben ihm sitzt. Beide lachen aus vollem Herzen. Zwar trennen sich bald ihre schulischen Wege. Rani wird auf eine weiterführende arabische Schule wechseln, Uri auf eine jüdische. Doch was die beiden hier verinnerlicht haben, wird sie ihr Leben lang begleiten.

Von klein auf sollen die Kinder sich mit ihrer jeweiligen Identität und ihrer Kultur auseinandersetzen und gleichzeitig lernen, einander zu achten. „Es ist wichtig, dass wir Kinder nicht die schwierige Wahl treffen müssen, ob wir in eine arabische oder jüdische Schule gehen sollen“, erzählt eine der Schülerinnen. Dass der Alltag „draußen“ oft anders aussieht, merken viele der Kinder, wenn sie auf weiterführende Schulen wechseln.

Auf einmal war sie als Araberin eine Außenseiterin, erinnert sich Natalia an das erste Jahr auf einer öffentlichen jüdischen Schule. Und auch nach dem Wechsel auf eine arabische Schule gefiel es der Jugendlichen nicht besser: „Es fehlten die jüdischen Schüler und Lehrer.“ Ihre jüdischen Freunde hat Natalia behalten – dank der Treffpunkte innerhalb der „Oase des Friedens“, wie Schwimmbad und Jugendclub. „Araber und Juden, die in Frieden zusammenleben, das ist eben etwas Besonderes, nicht ganz von dieser Welt.“

Hände mit den Symbolen der drei Weltreligionen© SébastianDésarmaux/Godong/StudioX

Ein „ökumenisches Dorf“ hatte der 1996 verstorbene Gründer Bruno Hussar anfänglich im Kopf. Als Sohn jüdischer Eltern in Ägypten geboren, konvertierte er später zum Christentum und schloss sich dem Dominikanerorden an. Seine Überzeugung: „Ich spüre in mir vier verschiedene Identitäten: Ich bin wirklich Christ und Priester, ich bin wirklich Jude, ich bin wirklich Israeli, und wenn ich mich auch nicht als Ägypter fühle, so stehe ich doch den Arabern, die ich kenne und liebe, sehr nahe.“

Die Umsetzung seiner Idee kostet Zeit und Energie. Einen Ort für seinen Traum vom Friedensdorf zu finden, war nicht einfach. Der größte Teil des Landes ist Staatsbesitz, und die friedliche Koexistenz von Juden und Arabern steht kurz nach dem Sechs-Tage-Krieg nicht auf der politischen Agenda. Abhilfe schafft das Trappistenkloster Latrun, das dem Dominikaner ein kriegsverwüstetes Grundstück verpachtet.

Dessen Lage – teils auf israelischer, teils auf palästinensischer Seite der „grüne Linie“ genannten Waffenstillstandslinie von 1967 – konnte passender nicht sein, findet Evi Guggenheim Shbeta. Noch dazu, weil der Ort seit byzantinischer Zeit nicht mehr besiedelt war: „Wir hätten das Dorf niemals auf einem Stück Land aufbauen können, das zuvor jemandem weggenommen wurde!“

Selbst mit einem Palästinenser verheiratet, ist Evi Guggenheim Shbeta so etwas wie der lebende Beweis dafür, wie gut das Zusammenleben im Alltag funktionieren kann.
Bei allem Erfolg bleibt man in Neve Schalom/Wahat al-Salam realistisch. „Wir sind ganz normale Menschen, und darum gibt es auch Spannungen“, sagt Evi. Vielleicht sogar „mehr als außerhalb“, ergänzt Abdessalam, „weil es einfacher ist, über die große Politik zu streiten, als mit dem anderen als Nachbarn auszukommen.“

Aber die Dorfbewohner sind sich einig: Das Experiment „Oase des Friedens“ ist geglückt, weil „keiner versucht, den anderen aus dem Weg zu schaffen“. Weil der Ort ein Zuhause ist „für beide Völker, denen dieses Land gehört“. Das, so Evi, ist „die beste Realität im Nahen Osten“.

Andrea Krogmann

Dezember 2011

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