Gleiche Rechte für Schwarze: Vor einem halben Jahrhundert wurde in den USA die Rassentrennung aufgehoben, inzwischen ist ein Afroamerikaner Präsident. Endlich Gleichberechtigung? Wir haben eine Steyler Gemeinde in Texas besucht
Opal Lee lässt den Blick über den Platz schweifen. Dann nickt die alte Dame, gleichzeitig trotzig und stolz. „Orte wie dieser entstehen immer mehr in den USA.“ Die Pflasterziegel und polierten Steinplatten sind noch sauber. Erst vor wenigen Monaten hat die Stadtverwaltung von Fort Worth den „Boulevard of Black History“ bauen lassen.
Opal Lee hat sich maßgeblich dafür eingesetzt. Stolz zeigt sie auf die Inschriften, weiß zu jedem der Eingetragenen eine Geschichte zu erzählen: zu dem ersten afroamerikanischen Banker der Stadt, dem ersten Zeitungsverleger, dem ersten Arzt oder dem einzigen Fotografen der Black Community. Von ihm stammen auch die meisten Fotos der Geehrten. „Weiße Fotografen haben früher keine Afroamerikaner abgelichtet.“ Mit ihren langen, schlanken Fingern zeigt Opal Lee auf eine Tafel, auf der ihrer ehemaligen Nachbarin gedacht wird, die eine mobile Bibliothek betrieb. „Wir durften damals nicht einmal in die städtische Bibliothek.“
Seit drei Jahren haben die USA mit Barack Obama einen afroamerikanischen Präsidenten. Ein Meilenstein in der Geschichte des Landes. Aber hat das die Situation und das Selbstverständnis der Afroamerikaner geändert? Bedeutet die Präsidentschaft einen Aufbruch für sie? Wegen Barack Obama sind viele Afroamerikaner erstmals in ihrem Leben zur Wahl gegangen. Man kann sich die Bedeutung für die Generation Opal Lees kaum groß genug vorstellen. Menschen wie sie haben lebhafte Erinnerungen an die dunklen Jahre vor und noch lange nach der Bürgerrechtsbewegung in den 60er-Jahren.
Die 85-jährige pensionierte Lehrerin zog als elfjährige mit ihren Eltern nach Fort Worth. Die Mutter arbeitete als Köchin in fremden Haushalten. Der Vater fand Arbeit in den großen Schlachthöfen und Auktionshallen des einstigen Viehhandelszentrums. Nach zwei Jahren kaufte der Vater ein Haus in einer weißen Nachbarschaft.
Es dauert nur wenige Tage, bis ein Mob vor dem Haus zusammenlief. Brandbomben flogen. „Wir flüchteten durch die Hintertür und brachten uns bei Freunden in Sicherheit.“ Opal Lees Blick geht ins Leere. Die Augen hinter ihrer großen Brille bekommen einen traurigen Glanz. „Als Vater mit seinem Gewehr kam, sagten die mittlerweile eingetroffenen Polizisten: Wenn du einen Schuss abfeuerst, lassen wir den Mob auf dich los.“
Opal Lee schluckt. „Er musste tatenlos zusehen, wie unser Haus niedergebrannt wurde.“ Fort Worth hat heute 700 000 Einwohner, in den 40er-Jahren waren es nicht einmal 200 000. Den unbehelligten Tätern begegnete die Familie Lee immer wieder. „Wir mussten neben ihnen im Supermarkt einkaufen.“
Opal Lee schreitet über den Platz. Vor dem ehemaligen Kirchengebäude der katholischen Our-Mother-of-Mercy-Church bleibt sie stehen. Eine Tafel ist vor dem Eingang eingelassen, die an den Pfarrer aus Opal Lees Kindheitszeit erinnert. Narcisse Denis ist der einzige Weiße, der auf dem „Boulevard of Black History“ geehrt wird.
Dafür, dass er zu seiner afroamerikanischen Gemeinde hielt, wurde er mehrfach vom Ku-Klux-Klan bedroht, der in Fort Worth sehr stark und gewalttätig war. Mehrfach brannten die Kreuze des Klans vor der Kirche. Narcisse Denis hatte ein rotes Neonlicht am Kirchturm angebracht. Mehrfach schossen die Männer mit den Kapuzen es aus. „Er hat es einfach so lange immer wieder angebracht, bis sie dessen müde wurden.“
Pfarrer Jerome LeDoux schmunzelt. Der Steyler steht heute der Our-Mother-of-Mercy-Church vor, die seit den 50er-Jahren in einem größeren Gotteshaus zwölf Blocks entfernt beheimatet ist. Auch der 81-jährige LeDoux erinnert die dunklen Jahre lebhaft. Nur in dem Missionszentrum der Steyler in der Bay St. Louis konnte der junge Afroamerikaner in den 30er-Jahren das Priesterseminar besuchen. „Das waren harte Zeiten für einen jungen Afroamerikaner, der Priester werden wollte“, erinnert er sich. „Schwarze Priester wurden von den Weißen in den Gemeinden lange nicht akzeptiert.“
Für ihn besteht kein Zweifel, dass Kirche auf der Seite der Schwachen in der Gesellschaft stehen muss. „Die Kirche war in der Bürgerechtsbewegung ungemein wichtig für uns“, sagt Opal Lee. „Sie war unser Forum, wo alles zusammenlief.“ Nur langsam konnte die Bürgerrechtsbewegung Terror und offenen Rassimus im Süden der USA zurückdrängen. Nicht aber die offene Diskriminierung. „Über uns gibt es einen Deckel aus Glas, für meine Generation war der Beruf des Arztes oder des Lehrers die Obergrenze.“
Doch wie denken Afroamerikaner der jüngeren Generationen darüber? „Viel wichtiger für deine Chancen als die ethnische Zugehörigkeit ist heute die soziale Schicht, aus der du kommst“, findet Donald Walker Junior. Der 38-jährige spielt Saxofon in der Kirchenband der Our-Mother-of-Mercy-Church. „Selbstverständlich war die Wahl Barack Obamas ein historischer Moment – und zwar für alle Bürger der USA –, aber für meine Generation, die die Rassentrennung nicht mehr erlebt hat, weniger bedeutsam als für die Älteren.“
Was zählt, sind die Ergebnisse. Barack Obama hat ein schweres Erbe angetreten. „Jobs und eine bessere Sozialpolitik hat er für uns nicht geschaffen so wie Kennedy oder Johnson“, sagt die 58-jährige Betty Gant-Fretwell. Von der hohen Arbeitslosigkeit und der steigenden Armut in den USA sind Afroamerikaner überproportional betroffen. Das zeigt eine Fahrt durch das Gewerbegebiet der Southside von Fort Worth, wo sich die Obdachlosenheime der Stadt befinden. Nicht weit davon entfernt betreibt Opal Lee ehrenamtlich eine Essenstafel. „Es kommen immer mehr Bedürftige zu uns.“
„Aber: Wir sind doch Überlebenskünstler, aus der Not und Unterdrückung heraus haben wir so vieles entwickelt.“
Klaus Sigg
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