30 Jahre hat der Steyler Missionar Pater Vilmos Hirth in Paraguay gearbeitet. Dann berief ihn sein Orden in sein Geburtsland zurück, nach Ungarn. Seine Aufgabe: Menschen in einem postkommunistischen Land für Gott zu begeistern
Eigentlich will Pater Vilmos Hirth seinen Lebensabend in Paraguay verbringen. Bis 1992 in Asunción das Telefon klingelt. Ob er sich nach dem Fall des Eisernen Vorhangs vorstellen könne, nach 30 Jahren in seine Heimat zurückzukehren? Um dem ungarischen Zweig der Steyler Missionare neues Leben einzuhauchen? Vilmos Hirth ist zu diesem Zeitpunkt 60 Jahre alt. Längst hat er in Südamerika eine neue Heimat gefunden. Trotzdem packt er ohne Zögern seine Koffer. Keine Frage: Er will dort sein, wo er gebraucht wird.
Und dann steht er vor einem zerfallenen Gebäude, wenige Kilometer von der österreichischen Grenze entfernt. Die Fensterscheiben sind zerbrochen, Kabel hängen aus den Wänden, der Putz bröckelt von der Fassade, natürlich in Rot, der Farbe der Kommunisten. Jahrelang hatten sie das Missionshaus der Steyler in Köszeg als Billighotel benutzt, es dann schließlich ganz aufgegeben.
Hirth schließt seine Augen und sieht sich als jungen Novizen durch die Gänge des Gebäudes laufen, durch den großen Studiensaal, den Speisesaal und die Kapelle. In den besten Zeiten lebten in Köszeg 130 Steyler unter einem Dach. Die Zeit war unbeschwert, bis um das Jahr 1950 immer häufiger Gerüchte die Runde machten, nach denen in anderen Landesteilen Ordensleute nachts aus dem Schlaf gerissen und in die ungarische Tiefebene deportiert worden seien. Als man von ähnlichen Vorfällen im benachbarten Szombothely hörte, beschlossen die Steyler, das Ordenshaus zu schließen und alle Bewohner nach Hause zu schicken.
Eine kluge Entscheidung: Kurze Zeit später wurden die Steyler Missionare – wie alle Ordensgemeinschaften in Ungarn – ihrer Besitztümer enteignet. Die Mitbrüder wurden zerstreut, einige wurden arbeitsverpflichtet und auf staatliche Einrichtungen verteilt. Andere – wie Vilmos Hirth – flüchteten nach der brutalen Niederschlagung des Volksaufstands von 1956 in den Westen, setzten dort ihr Studium fort und wirkten anschließend als Missionare.
1992: Das einst so stattliche Missionshaus St. Emmerich ist verfallen, die Menschen in Köszeg begegnen Pater Hirth kalt und reserviert. Doch er lässt sich nicht unterkriegen „Ich bin überzeugt, dass wir auch hier in Ungarn gute Missionare sein können, auch wenn die Situation nach 40 Jahren Kommunismus viel schwieriger ist“, sagt er zu den anderen Heimgekehrten. Kurze Zeit später wird Vilmos Hirth zum Provinzial der Steyler Missionare in Ungarn ernannt. Dem ersten Provinzial der postkommunistischen Ära.
20 Jahre später. Pannonhalma liegt im dichten Nebel. Eine Reiseführerin führt über das Gelände des berühmten Benediktinerklosters auf dem Martinsberg, das als Wiege des Christentums in Ungarn gilt. Der erste ungarische König, der heilige Stefan, stattete es 1002 mit umfangreichen Rechten und Privilegien aus. Pannonhalma wurde zum Zentrum der Mission in Transdanubien.
Frantisek Juhos mag diesen Ort. Er war ein Jahr lang Kaplan in einer Nachbarstadt Pannonhalmas, den Klos-terberg hat er in dieser Zeit oft besucht. In letzter Zeit war er seltener da: 2007 ist der Slowake als Nachfolger Vilmos Hirths zum neuen Provinzial der Steyler Missionare in Ungarn gewählt worden. Ein Amt, das ihn anfangs mehr mit Angst als mit Stolz erfüllt hat.
„Ich bin mit meinen 40 Jahren der zweitjüngste Provinzial der Steyler überhaupt“, erklärt er. Juhos lässt seinen Blick in die Ferne schweifen. Welche Schwerpunkte hat sich der Steyler Missionar für seine Amtszeit gesetzt? „Im Grunde gilt es, das weiterzuführen, was unsere älteren Mitbrüder aufgebaut haben: Initiativen zur Reevangelisierung der Menschen“, sagt Juhos. Gleich im Anschluss an die Rückforderung ihrer Häuser in Köszeg und Budapest hatten die Steyler Missionare der ersten Ungarn-Generation nach dem politischen Umbruch damit begonnen, Exerzitien und Bildungskurse anzubieten. „Die Mitbrüder haben sich dabei an ihren Erfahrungen auf anderen Kontinenten orientiert“, sagt Juhos.
Anfangs war es schwierig, eine Bevölkerung anzusprechen, in der es lange Zeit als normal galt, sich vom Glauben fernzuhalten. Viele hatten trotz aller Euphorie über die neu gewonnene Freiheit Hemmungen, sich als bekennende Christen in der Öffentlichkeit zu engagieren. „Doch nach und nach gelang es uns, mit den Cursillos immer mehr Menschen anzusprechen, die ihren Glauben verloren hatten“, sagt der Steyler Provinzial. Rund 15 000 Ungarn haben bis heute an einem Cursillo teilgenommen.
20 Jahre nach der Wende gibt es wieder 150 registrierte Kirchen und etliche Missionsgemeinschaften in Ungarn. „Wir möchten gerne noch stärker mit den Medien zusammenarbeiten, vor allem die Verkündigungsarbeit im Radio liegt uns am Herzen“, so Juhos. „Stärker engagieren wollen wir uns auch für soziale Randgruppen wie Immigranten und Sinti und Roma.“
Juhos ist stolz, dass in der Kommunität im Budapester Stadtteil Budatétény Nachwuchsmissionare aller Kontinente zusammenleben. „Ihre Internationalität hilft den Steylern beim Verständnis anderer Kulturen und bei der Suche nach der Liebe Gottes“, sagt Juhos. „Nicht nur im afrikanischen Dschungel, sondern auch im Großstadt-Dschungel Europas.“
Januar 2012
Tausende Kinder wurden in Irland missbraucht. Die Gläubigen sind verunsichert, die Priester und Ordensleute sind bemüht, wieder Vertrauen zu gewinnen. Steyler Missionare wie Pater Vincent Twomey helfen, die Vergangenheit aufzuarbeiten.
Kommunikation haben sich die Steyler Missionare weltweit zur Aufgabe gemacht – als Möglichkeit, die Herzen der Menschen zu erreichen. Für Pater Alfons Müller, der seit 42 Jahren im Kongo arbeitet, ist der Königsweg die Musik.