Früher war ich sehr lebenslustig. Die positiven Seiten des Lebens habe ich sehr geliebt trotz aller Enttäuschungen und Schicksalsschläge. Ich habe mich immer darum bemüht, mich und andere aufzuheitern. Aber jetzt lassen meine körperlichen und seelischen Kräfte nach. Ich bin oft deprimiert, werde misstrauisch und missgünstig. Ich sehe fast nur das Negative und verbittere zusehends. Ich dachte, mit zunehmendem Alter in eine größere Lebensreife hineinzuwachsen. Davon spüre ich aber nichts. Ich bin von mir selbst enttäuscht. Mein ganzes Streben und meine Arbeit an mir haben offensichtlich nicht viel gebracht.
Verstehen kann ich das Gefühl der Vergeblichkeit Ihres Strebens und Bemühens, sich selbst zu verändern, sehr gut. Dieses Gefühl artikuliert durchaus etwas Richtiges und Wahres. Wir Menschen bleiben immer hinter unseren Idealen zurück und das, was uns als erstrebenswertes und bereicherndes Selbstbild vorschwebt, werden wir, zumindest in diesem Leben, nicht erreichen.
Zu einem Leben, das in seine reifere Form hineinwachsen möchte, gehört auch, das akzeptieren zu lernen und die Realität unserer jeweiligen Befindlichkeit anzunehmen. Das heißt dann auch immer, sich der enttäuschenden Erfahrung auszusetzen, von bestimmten uns vorschwebenden Idealen und uns faszinierenden Selbstbildern Abschied zu nehmen. Die Frage ist übrigens auch, ob das Idealbild, das wir von uns entwerfen und auch realisieren möchten, unseren Möglichkeiten entspricht – religiös gewendet, ob dieses ideale Selbstbild dem Bild, das Gott von uns hat, entspricht.
Ich finde, dass Ihr Streben und Ihre Arbeit an sich selbst doch eine ganze Menge gebracht haben. Ihre nüchterne Bilanz dessen, was Sie als Defizite Ihres Lebens ansehen, wäre ohne Ihre aufmerksame Selbstwahrnehmung nicht möglich. Damit ist auch die Gefahr gebannt, wenn Sie diesen Prozess der aufmerksamen und akzeptierenden Selbstwahrnehmung fortsetzen, misstrauisch, missgünstig und verbittert zu werden.
Februar 2012
Rektor, Ausbildung in Theologie und Psychologie, Arbeit mit Familiengruppen, Beratungsgespräche
stadtgottes, Ratgeber
Postfach 24 60
41311 Nettetal, Deutschland
Theologin, im Orden zuständig für Jugendarbeit und Berufspastoral
Bibelwissenschaftler, Seelsorger, Schulrektor des Arnold-Janssen-Gymnasiums in St. Wendel, Missionssekretär der Deutschen Provinz
Lizentiat in Theologie, Mitglied der "Gesellschaft für wissenschaftliche Gesprächspsychotherapie" (GwG), Lebensberatung, spirituelle Begleitung