Lebens- und Familienberater

Warum bin ich so pessimistisch?

Früher war ich sehr lebenslustig. Die positiven Seiten des Lebens habe ich sehr geliebt trotz aller Enttäuschungen und Schicksalsschläge. Ich habe mich immer darum bemüht, mich und andere aufzuheitern. Aber jetzt lassen meine körperlichen und seelischen Kräfte nach. Ich bin oft deprimiert, werde misstrauisch und missgünstig. Ich sehe fast nur das Negative und verbittere zusehends. Ich dachte, mit zunehmendem Alter in eine größere Lebensreife hineinzuwachsen. Davon spüre ich aber nichts. Ich bin von mir selbst enttäuscht. Mein ganzes Streben und meine Arbeit an mir haben offensichtlich nicht viel gebracht.

Verstehen kann ich das Gefühl der Vergeblichkeit Ihres Strebens und Bemühens, sich selbst zu verändern, sehr gut. Dieses Gefühl artikuliert durchaus etwas Richtiges und Wahres. Wir Menschen bleiben immer hinter unseren Idealen zurück und das, was uns als erstrebenswertes und bereicherndes Selbstbild vorschwebt, werden wir, zumindest in diesem Leben, nicht erreichen.

Zu einem Leben, das in seine reifere Form hineinwachsen möchte, gehört auch, das akzeptieren zu lernen und die Realität unserer jeweiligen Befindlichkeit anzunehmen. Das heißt dann auch immer, sich der enttäuschenden Erfahrung auszusetzen, von bestimmten uns vorschwebenden Idealen und uns faszinierenden Selbstbildern Abschied zu nehmen. Die Frage ist übrigens auch, ob das Idealbild, das wir von uns entwerfen und auch realisieren möchten, unseren Möglichkeiten entspricht – religiös gewendet, ob dieses ideale Selbstbild dem Bild, das Gott von uns hat, entspricht.

Ich finde, dass Ihr Streben und Ihre Arbeit an sich selbst doch eine ganze Menge gebracht haben. Ihre nüchterne Bilanz dessen, was Sie als Defizite Ihres Lebens ansehen, wäre ohne Ihre aufmerksame Selbstwahrnehmung nicht möglich. Damit ist auch die Gefahr gebannt, wenn Sie diesen Prozess der aufmerksamen und akzeptierenden Selbstwahrnehmung fortsetzen, misstrauisch, missgünstig und verbittert zu werden.

Februar 2012

Facebook Like aktivieren
 

Artikel kommentieren

7 - 6 =
 
 

0 Kommentare

 
 
  • Pater Franz-Josef Janicki

    Rektor, Ausbildung in Theologie und Psychologie, Arbeit mit Familiengruppen, Beratungsgespräche

     

Schreiben Sie Pater Franz-Josef Janicki

stadtgottes, Ratgeber
Postfach 24 60
41311 Nettetal, Deutschland

Oder schicken Sie eine Nachricht

77 + 6 
Bitte geben Sie den Wert, den Sie auf dem Bild sehen, in das Feld ein.
 
 
 
  • Schwester Jolanta Golkowska SSpS

    Beraterin für Jugendliche

    Schwester Jolanta Golkowska SSpS

    Theologin, im Orden zuständig für Jugendarbeit und Berufspastoral

     
  • Norbert Wolf

    Berater in Gelddingen

    Norbert Wolf

    Geschäftsführer der Steyler Bank in Sankt Augustin

     
  • Pater Fabian Conrad

    Rat in der Glaubenspraxis

    Pater Fabian Conrad

    Bibelwissenschaftler, Seelsorger, Schulrektor des Arnold-Janssen-Gymnasiums in St. Wendel, Missionssekretär der Deutschen Provinz

     
  • Pater Hans Peters

    Theologischer Experte

    Pater Hans Peters

    Lizentiat in Theologie, Mitglied der "Gesellschaft für wissenschaftliche Gesprächspsychotherapie" (GwG), Lebensberatung, spirituelle Begleitung