Das Gespräch

Glaubenskrise? Die Wende ist da!

Alles dreht sich nur um den Wohlstand. Von wegen: Die Menschen sehnen sich wieder nach Gott. Der das sagt, ist seit einem halben Jahrhundert Seelsorger im Osten Deutschlands. Über den neuen Glaubensaufschwung sprach stadtgottes-Chefredakteur Albert Herchenbach mit Joachim Reinelt, dem Bischof von Dresden

stadtgottes: Herr Bischof, Ihre gesamte Lebenszeit haben Sie in Ostdeutschland verbracht. Als Katholik haben Sie die Repressalien des Kommunismus erlitten. Jetzt ist der SED-Staat Geschichte und jeder kann ungehindert seinen Glauben leben. Warum sind die Kirchen dennoch nicht voller?
Bischof Reinelt:
Der Mensch ist kein Automat, den man einfach umschalten kann. Wer so weit entfernt ist von allem Religiösen, braucht natürlich einen langen Entwicklungsprozess, um sich dem wieder annähern zu können. Bei Jugendlichen ist das anders. Deren Großeltern und Eltern haben mit Religion meist nichts am Hut gehabt, aber sie beginnen wieder zu fragen. Ich habe Folgendes erlebt: Bei einer Anti-Kriegs-Demonstration von Gymnasiasten haben Politiker mit mir einen Friedensgottesdienst in der Kathedrale vereinbart. 5000 Jugendliche sind tatsächlich mitgekommen. Und dann habe ich ihnen gesagt, ich verstehe, wenn sie zum Folgenden nicht klatschen, weil 90 Prozent von ihnen nicht getauft sind. Ich würde mir, habe ich ins Mikrofon gesagt, wie ein Lügner vorkommen, wenn ich euch nicht Folgendes sage: Den Frieden, den ihr euch wünscht, gibt es nur auf einer Grundlage, und das ist Gott. Und jetzt passierte etwas, womit niemand gerechnet hatte, auch nicht die Abgeordneten: 5000 Jugendliche haben so lange geklatscht, dass ich dachte, die hören überhaupt nicht mehr auf. Ich denke, dass die Zeit der totalen Abwendung vom Religiösen langsam zu Ende geht. Aber es wird ein langjähriger Prozess des schrittweisen Erkennens der Wahrheit.

Der Papst hat in einer Rede bei seinem Deutschlandbesuch die Säkularisierungen als Chance für die Kirche betont. „Die Geschichte“, sagte er, „kommt der Kirche in gewisser Weise durch die verschiedenen Epochen der Säkularisierung zur Hilfe, die zu ihrer Läuterung und inneren Reform wesentlich beigetragen haben.“ Danach müsste doch eigentlich die Kirche nach 40 Jahren staatlichem Atheismus in den neuen Bundesländern aufblühen.
Es ist tatsächlich so, dass unsere Gemeinden im Bistum eine stärkere Intensität, Verinnerlichung und Antwortbereitschaft auf die Situationen unserer Zeit haben, als das im Westen der Fall ist. Das Gemeindeleben ist intensiver, nach den Gottesdiensten bleibt man oft noch eine halbe oder ganze Stunde zusammen. Es ist eine familiäre Atmosphäre. Wer hier den Glauben durchgetragen hat, der ist lebendiger und entschiedener dabei als jemand, der nie darunter zu leiden hatte, Christ zu sein.

Die Fixierung auf Strukturen, hat Papst Benedikt kritisiert, hindere die Kirche an ihrem eigentlichen missionarischen Auftrag. Der Papst forderte eine Entweltlichung der Kirche. Heißt das mehr Trennung vom Staat? Religionsunterricht nur auf freiwilliger Basis? Abschaffung der vom Staat eingezogenen und abgeführten Kirchensteuer?
Eine Profanierung ist immer auch eine Versuchung der Kirche. Profanierung und Glaube, das sind Gegensätze, die ...

Profanierung, damit meinen Sie ...
Die Ideale der Welt, also Macht, Reichtum, Einfluss. Es geht nicht, dass dies auch die Ideale der Kirche sind. Dieser Papst ist außergewöhnlich bescheiden, er steht auf einem tiefen geistlichen Fundament. Das muss die Kirche unbedingt ganz allgemein anstreben. Es geht nicht darum, dass wir demnächst die Politik durch unsere Wertebestimmungen in den Griff kriegen, sondern dass wir dienend und Zeichen gebend für die anderen da sind.

Fast ein halbes Jahrhundert Seelsorger

Joachim Reinelt, 1936 in Neurode/Schlesien geboren, wurde 1961 in Bautzen zum Priester geweiht. 25 Jahre wirkte er als Pfarrer, zuletzt in Altenburg. 1986 wurde er als Ordinariatsrat in die Bischöfliche Verwaltung des Bistums Dresden-Meissen berufen und war Direktor der Caritas. Am 2. Januar 1988 ernannte ihn Papst Johannes Paul II. zum Bischof von Dresden-Meissen.

Wie verändert sich nach den Impulsen des Papstes die tägliche Arbeit der Seelsorger in Ihrem Bistum? Oder halten Sie die Forderungen des Papstes für ein Ideal, das aber in der Praxis nicht umzusetzen ist?
Ich bin fest davon überzeugt, dass die Veränderungen, die der Papst gemeint hat, einfach notwendig sind. Wenn wir so weitermachen wie bisher mit all den vielen Programmen, Veranstaltungen und Tausenden Reden, dann sind Korrektur und Bekehrung nötig. Es geht darum, sich dem Geist Gottes zu öffnen. Die Offenheit der Kirche für das Wirken Gottes in ihr ist unabdingbar. Entweder wir sind offen für ihn oder es geht nicht mehr weiter!

Hat denn ein Pfarrer, der fünf Gemeinden betreut und von Termin zu Termin hetzt, dafür die notwendige Muße?
Ich war Pfarrer in einer flächenmäßig sehr großen Gemeinde. Nie habe ich es mir erlaubt, die Meditation, den Rosenkranz und das ruhige, besonnene Gespräch mit meinen Mitchristen auch nur zu verkürzen. Ich bin davon überzeugt: Was wir an Aktion nicht schaffen, das schafft der Himmel.

Viele Katholiken vermissen in ihrer Kirche die Barmherzigkeit. Etwa wieder verheiratete Geschiedene, die von der Kommunion ausgeschlossen sind. Wo ist da die „Herrschaft der Liebe Gottes“ zu spüren?
Es ist ein großes Missverständnis, zu glauben, dass ich nur dann in Christus lebe, wenn ich kommuniziere. Falsch! Ich bin schon durch die Taufe in der Wirklichkeit Christi. Wenn sein Wort in mir lebt, ist das Kommunion jeden Tag, jeden Augenblick. Aber die Barmherzigkeit einem Einzelnen gegenüber und im ganz konkreten Fall sollte unsere Kirche bewegen, zu überlegen, ob es da nicht einen Verzicht auf dieses Zeichen des Verzichts geben kann. Diese Frage ist nicht zu Ende gedacht, da müssen wir am Ball bleiben.

Herr Bischof, in einem Interview haben Sie gesagt, Sie seien Pfarrer geworden, weil Sie vor dem Hintergrund der sozialistischen Ideologie den Menschen die Wahrheit vermitteln wollen. Was ist für Sie Wahrheit?
Die Lüge, die wir in zwölf Jahren Schule erleiden mussten, erst vier Jahre bei den Nazis, dann acht Jahre bei den Kommunisten, hat bei mir eine solche Sehnsucht, geweckt, die Wahrheit des lebendigen Gottes tiefer kennenzulernen und weiterzusagen, dass ich mich entschlossen habe, Priester zu werden. Noch heute wundere ich mich über meine Frechheit, in der sozialistischen Schule zu sagen, dass ich Theologie studieren werde. In der 11. Klasse wollten sie mich deshalb von der Schule entfernen, aber ich habe den Kampf gewonnen und Abitur machen können. In unserem Geschichtsbuch, das aus Moskau kam, stand, es sei ganz eindeutig, dass es Jesus Christus nie gegeben habe. Er sei eine reine Erfindung der mittelalterlichen Kultur. Das haben selbst die Russen nicht geglaubt!

Wahrheit ist also für Sie die Existenz Gottes?
Die Wahrheit ist Gott selbst. Sie ist uns in die Hände gelegt worden von dem, den Gott in die Welt gesandt hat und der von sich selbst gesagt hat: Ich bin die Wahrheit.

In einem Interview haben Sie einmal gesagt, in den Menschen begegne man immer auch der Wirklichkeit Gottes in der heutigen Zeit. Und das sei immer auch eine Gnade. Gilt das auch für Stasi-Spitzel und SED-Funktionäre, die Sie ziemlich drangsaliert haben?
Selbst in diesen Menschen ist ein Fünkchen von dem, der das Leben und die Erfüllung ist. Als die Stasi-Zentrale hier in Dresden im Herbst 1989 gestürmt wurde, haben mich zwei Stasi-Offiziere angerufen und gebeten, ich möge ihnen zu Hilfe kommen. In solchen Situationen erinnert man sich an Kirche. Ich möchte aber diese Frage nicht auf solche Extremfälle konzentrieren. Ich begegne in den Menschen nie bloß einer Nummer, einem Namen, Amt oder einem Posten, sondern immer auch jemandem, von dem ich oft spüre, dass er von Gott geliebt ist.

Februar 2012

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