Soziales

Gabi statt Mutti

Sind die Kinder aus dem Haus, müssen aus Papa und Mama wieder Eheleute werden. Nicht immer einfach: Soziologen haben dafür einen Begriff gefunden: Leeres-Nest-Syndrom. Eine Herausforderung für die Beziehung

Das Ehepaar Gabi und Andreas Elb© Veronika Wawatschek

Neben der Haustür hängt ein getöpfertes Schild: „Gabi+Andi Elb“. Ein kleines Zeichen nur, und doch verrät es viel über die, die dort wohnen. Keine Ann-Kristin, kein Johannes, kein Julian mehr. Die Kinder sind ausgezogen. Nur die Eltern sind übrig. Die kommen gerade aus der Kirche. Eine Premiere. Andreas Elb, 59, ist zum ersten Mal mit seiner Frau in den katholischen Gottesdienst gegangen. Ihr zuliebe und weil dort im Chor ein Bekannter gesungen hat.

Konzerte, Ausstellungen, Fahrradtouren – die beiden unternehmen viel, seit ihre Kinder ausgezogen sind. Das hat zum Teil ganz praktische Gründe. „Du musst dich nicht darum kümmern, wann du nach Hause kommst“, sagt er. Und sie ergänzt: „Du musst nur noch zwei Karten kaufen und keine fünf.“ Bewusst geplant haben sie die Zeit nach den Kindern nicht. „Das hat sich schleichend entwickelt“, sagt Gabi Elb, 54.

Das erlebt auch der Eheberater Ulrich Beer-Bercher in seinen Seminaren. Nur die wenigsten Paare setzen sich bewusst mit dieser neuen Lebensphase auseinander. Und das, obwohl Kinder für die beiden großen Einschnitte im Laufe einer Partnerschaft verantwortlich sind: „Wenn sie kommen und wenn sie gehen.“

Die Scheidungsstatistik gibt ihm recht. Am höchsten ist das Scheidungsrisiko in den ersten fünf, sechs Ehejahren. Sind diese oft beschriebenen verflixten Jahre überwunden, bleiben die meisten Paare zusammen – bis die Kinder ausziehen. „Empty nest“, leeres Nest – so nannten Sozialwissenschaftler in den 60er-Jahren die Phase nach den Kindern und das dazugehörige Syndrom: Man ist traurig, kann keine Freude mehr empfinden, fühlt sich antriebslos und überflüssig – das „Empty-nest-Syndrom“ ähnelt einer Depression. Häufig sind Frauen stärker davon betroffen, besonders wenn sie sich hauptsächlich um Haus und Kinder kümmern.

Auch Gabi Elb erinnert sich an die Traurigkeit, als die Kinder gingen. Zwei Wochen, nachdem ihr Jüngster ausgezogen war, lud er sie zum Kaffee ein. „Und, hast du’s schon bereut?“, fragte sie ihn, auf ein „Ja“ hoffend. Vergeblich. „Mama, auch wenn’s wehtut: Nein, ich habe es nicht bereut“, lautete Julians Antwort.

Wehtat es noch eine ganze Weile. Aber irgendwann schmerzte das leere Zimmer nicht mehr. Und sie gestaltete es um. In einem der Kinderzimmer hängen nun Landkarten an der Wand. Mit dem Finger fahren Gabi und Andreas Elb ihre Touren nach. Sie haben ihre Leidenschaft fürs Fahrradfahren und fürs Abenteuer entdeckt. Einfach drauflos radeln. Da war dann schon mal eine Nacht auf der Parkbank oder eine auf dem Heuboden dabei.

Sich neu finden, gemeinsame Ziele aushandeln und darüber nicht die eigenen Interessen vergessen, das dauert, weiß Paartherapeut Ulrich Beer-Bercher. Er empfiehlt deshalb, eine „Forschungsreise“ zu unternehmen. Sich fragen: Was interessiert uns? Sich eine gemeinsame Aufgabe suchen. Das könne aber nicht irgendeine Beschäftigung sein. Sie muss anspruchsvoll sein und dem Paar sinnvoll erscheinen.

In den vergangenen 20 Jahren ist die Zahl der Scheidungen gestiegen. Wurden dem Statistischen Bundesamt zufolge Anfang der 90er-Jahre sieben von 1000 Ehen geschieden, waren es im Jahr 2009 schon zehn. Gleichzeitig ist aber auch die durchschnittliche Ehedauer gestiegen. Dass sich Paare nach vielen Jahren scheiden lassen, ist also keine Seltenheit mehr. Während sich im Jahr 1964 Ehepaare im Schnitt schon nach neun Ehejahren scheiden ließen, war es Anfang der 90er-Jahre nach elfeinhalb so weit. 2009 waren Paare vor dem Scheidungsrichter im Schnitt sogar 14 Jahre verheiratet.

Erklärungen für die späte Trennung gibt es viele: Die gemeinsame Erziehungsaufgabe fällt weg, man hat sich auseinandergelebt oder trägt alte Konflikte aus. Und trotzdem scheinen Kinder stabilisierend auf die Ehe der Eltern zu wirken, stellt eine Studie der Uni Heidelberg fest. Denn auch wenn späte Trennungen oft mit dem Auszug der Kinder zusammenfallen: Am häufigsten trennen sich Paare, die nie Kinder hatten. Sind Kinder also ein Beziehungskitt, der auch noch klebt, wenn sie längst aus dem Haus sind?

Gabi und Andreas Elb sehen mittlerweile die Chancen des leeren Nests. Beide finden, dass ihre Beziehung intensiver, ja aufregender geworden ist. „Teilweise ist es so wie früher, wie ganz am Anfang“, sagt sie. Wie damals, als sie das getöpferte Türschild zur Hochzeit bekommen haben. Nur sie beide. Und er fügt hinzu: „Ich nehme meine Frau schon mal ganz gern in den Arm.“ Mit dem Unterschied: Heute können keine Kinder mehr reinplatzen und die Zweisamkeit stören. Und dann schiebt er hinterher: „Ich hatte 20 Jahre lang eine Mutter, jetzt habe ich wieder eine Frau.“

Veronika Wawatschek

Februar 2012

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