Steyler Welt

Kein Ort für Kinder

Die Väter sind im Marihuana-Rausch, die Mütter versuchen auf dem Markt, ein bisschen Geld zu verdienen. Und die Kinder? Lungern herum. Der Steyler Pater Joseph Sakite holt sie von der Straße

Markt statt Schule: Die meisten Eltern können sich das Schulgeld nicht leisten© Jörg Löffke
Markt statt Schule: Die meisten Eltern können sich das Schulgeld nicht leisten

Es ist Marktzeit in Kundiawa, einer typischen Kleinstadt im Hochland von Papua-Neuguinea. In der brennenden Sonne sitzen die Frauen auf kleinen Plastikplanen und verkaufen ihre Waren: Obst und Gemüse aus den heimischen Gärten, selbst geknüpfte Bilums (Taschen aus dicker Wolle), Ketten und einzelne Zigaretten. Ihre Männer hocken rauchend unter Bäumen, spielen Karten oder Darts und kauen Betelnüsse. In den hinteren Ecken des Marktes wird Marihuana konsumiert und zum Verkauf angeboten. Das mühsam erworbene Geld ihrer Frauen geben die Männer für einen Rausch wieder aus.

Dazwischen laufen Kinder aller Altersgruppen umher, kicken mit leeren Dosen und schauen zu, was die Erwachsenen so treiben. Sie sind sich selbst überlassen. Dabei ist der Markt kein Ort, an dem Kinder gut aufgehoben sind. Die Drogen machen die Männer unberechenbar, Streitigkeiten werden oft nicht mit Worten, sondern mit dem Messer „geschlichtet“. Das ist Teil ihrer langjährigen Kultur: Die Frauen arbeiten und versorgen die Kinder, die Männer als Boss der Familie halten sich von ihren Frauen und Kindern fern.
„Damit die Jungs lernen, dass es auch anders geht, habe ich sie zu uns ins Zentrum geholt“, sagt Pater Joseph Sakite SVD.

Pater Joseph Sakite mit den Kids© Jörg Löffke
Pater Joseph Sakite mit den Kids

Kinder mit viel Fantasie
Das Zentrum, dem er den Namen „Arnold-Janssen-Entwicklungszentrum“ gegeben hat, ist nur wenige Gehminuten vom Markt entfernt. Ein kahler Betonklotz, der aber ausreichend Raum und kühle Rückzugsmöglichkeiten bietet, in denen sich die Kinder aufhalten können. Die Einrichtung ist spärlich: einfache Tische und Stühle, eine kleine Küche und verschiedene Arbeitsräume. Hinter dem Haus sind Fischteiche und ein Garten angelegt. Beim Bau hat Pater Sakite selbst mit angepackt.

Der Steyler Missionar, der aus Ghana stammt, lebt schon seit über 20 Jahren in Papua-Neuguinea. Die Kinder lieben „ihren Pater“, denn „er erzählt immer so tolle Geschichten von seiner Heimat“, sagt Rose. Das elfjährige Mädchen und ihre Spielkameraden haben Papua-Neuguinea noch nie verlassen, daher sind diese Geschichten für sie Reisen in ferne Fantasie-Welten.

Und Fantasie brauchen die Kids, denn Spielzeug gibt es nur wenig. Zum Jonglieren nehmen sie Steine, Seilchen knüpfen sie aus Haushaltsgummis, aus Matsch oder verfaulten Früchten bauen sie Autos. Auf die Matschmodelle sind vor allem die Jungs sehr stolz. Auch Rose gibt zu: „Echt Wahnsinn, was die alles aus Wasser und Erde basteln können.“

Mittags wird gemeinsam gegessen. Joseph Sakite spricht ein Tischgebet. „Pater Joseph sagt immer, wir sollen auf Gott vertrauen, er wird uns helfen“, erzählt Rose. Die Kinder kennen die Gebete aus den Sonntagsmessen. „Die Gottesdienste sind immer gut besucht. Nur die Menschen verstehen hier nicht, dass man nicht nur sonntags Christ sein kann, sondern vor allem im Alltag. Daher ist das Markt-Leben für mich oft so unerträglich“, ärgert sich der 56-Jährige.

Kurse im Gärtnern
Aus Ghana war er praktische Arbeit gewöhnt. Schon seine Eltern gaben ihm das Motto „Selbst ist der Mann“ mit auf den Weg. Daher geht Pater Josephs Einsatz in Papua-Neuguinea weit über die Arbeiten eines Priesters hinaus. Er bestellt im wahrsten Sinne des Wortes „den Acker des Herrn“: In seinen Kursen für Erwachsene bringt er den Teilnehmern bei, wie sie ihre Gärten richtig bewirtschaften, Fleisch durch Räuchern haltbar machen und mit dem Gemüse aus dem eigenen Beet kochen. Dabei hat er auch einige Gerichte aus Ghana eingeführt: Fufu ist ein fester Brei aus Maniok (das verwendeten die Papuas früher lediglich als Schweinefutter) oder Yamswurzeln und Kochbananen. Er ist in ganz Westafrika und vor allem in Ghana Hauptbestandteil oder Beilage vieler Gerichte. „Das haben auch die Papuas schnell zu schätzen gelernt, denn Fufu ist nahrhaft und wirklich lecker.“

Im Betelnuss-Rausch

Außer den täglichen Nahrungsmitteln werden auf den Märkten hauptsächlich Betelnüsse verkauft. Von dieser leichten Droge ist halb Papua-Neuguinea abhängig. Die Nuss wird im Mund zusammen mit einer Palmfrucht und Kalkpulver zu einem roten Brei zerkaut, den Einheimische gekonnt und in hohem Bogen wieder ausspucken. Die Betelnuss, Buai genannt, hat nachhaltige Auswirkungen auf die Menschen. Nicht nur, dass die Nuss die allgemeine Gelassenheit noch verstärkt, das ständige Kauen färbt auch Zähne und Zahnfleisch allmählich rot. Die gesundheitlichen Folgen sind gravierend – zuerst fault der Mundraum, später erkranken viele an Krebs. Männer und Frauen konsumieren die Betelnüsse gleichermaßen, jedoch mit unterschiedlichen Auswirkungen: Männer verfallen einer notorischen Antriebslosigkeit, Frauen sind heiter erregt.

Sich selbst zu versorgen ist der erste Schritt
Doch oft scheitert es an ganz einfachen, lebenspraktischen Dingen wie der Bewässerung des Gartens. „Ich erklärte ihnen immer wieder, dass Regen Gottes Art ist, die Gärten zu bewässern, aber in der Trockenzeit müssen sie eben Gottes Aufgabe übernehmen und Wasser für die Gärten herbeischaffen und nicht abwarten und zuschauen, bis alles verdorrt ist“, sagt Pater Joseph. Heute kann er darüber lachen, wenn er diese Geschichten erzählt, anfangs ist er fast verzweifelt.

Sich selbst zu versorgen, ist immer der erste Schritt, den Pater Joseph den Familien beibringt. Und: Mann und Frau müssen gleichermaßen für die Familie und den Garten sorgen. „Wenn die Männer endlich verstehen würden, dass sie die Frauen unterstützen müssen, wären wir ein großes Stück weiter“, sagt Pater Joseph. Denn nur, wenn die Männer im Garten mit anpacken, schaffen sie es, so viel anzupflanzen, dass durch den Verkauf auf dem Markt Geld in die Haushaltskasse kommt. Der zweite positive Effekt ist, dass die Männer so weniger Zeit haben, rumzuhängen und Drogen zu konsumieren. Und drittens können die Eltern dann auch das Schulgeld für ihre Kinder zahlen.

Seine Arbeit zeigt Früchte. Kinder wie Rose können bald in die Schule gehen, da ihre Eltern an dem Projekt des Steyler Missionars teilnehmen. Aber die Gesellschaft wächst in Papua-Neuguinea einfach viel zu schnell. Wenn er zehn Familien geholfen hat, brauchen eigentlich schon 20 weitere seine Unterstützung. Daher legt er großen Wert darauf, dass die Erwachsenen ihr Wissen an ihre ältesten Kinder weitergeben. „Nur so kann der Kreislauf hoffentlich in Zukunft unterbrochen werden“, sagt er. Ganz besonders die Männer nimmt er in die Pflicht. „Sie müssen lernen, was es heißt, als Familienvater für seine Kinder und Frau zu sorgen!“

Stefanie Mager

Oktober 2012

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Leser-Kommentare

  • Gertrud Hildner
    25.09.2012 15:05 Uhr

    Bei uns in der Gemeinde gibt es eine große aktion zum Weltmissionssonntag, da ist ja auch Papua Neuguinea dieses Jahr Thema. Ich finde es klasse, wenn solche Länder und die vielen Probleme in den Mittelpunkt gestellt werden.

 
 

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