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Rohdiamant sucht passende Fassung

Verwitwet, verlassen, geschieden — früher bedeutete das oft Einsamkeit für den Rest des Lebens. Heute geben ältere Menschen nicht so schnell auf: Immer mehr suchen die zweite Liebe und finden sie oft im Internet

Neue Liebe im Alter© f1 online/Image Source

Zärtlich streichelt Peter seiner Frau Doris die Wange und schaut ihr tief in die Augen. Sie küsst ihn sanft auf die Lippen. Ein Teeniepaar? Nein, er ist 68, sie 72. Beide sind verliebt bis über die Ohren. Heute feiern sie ihre „Papierene Hochzeit“, wie der erste Hochzeitstag im Volksmund heißt. Vor ihrer Wiederverheiratung waren die zwei Verliebten mehrere Jahre lang verwitwet. „Früher war der Begriff ,verwitwet‘ gleichzusetzen mit Einsamkeit“, sagt Stella Zeco, Pressesprecherin der Internet-Partnervermittlung „Parship Schweiz“. Eine neue Partnerschaft oder gar die Wiederverheiratung nach dem Tod des Ehemanns oder der Ehefrau seien ein Tabuthema gewesen, einem Verrat gleichgekommen.  Das hat sich heute geändert. Selbst über 90-Jährige feiern ihr Liebes-Comeback. Altkanzler Helmut Schmidt, 94, ist nur ein Beispiel unter vielen.

Doch neben dem Glück treten tausend Fragen auf: Darf ich das? In meinem Alter? Ist eine neue Partnerschaft überhaupt angemessen? Der Schweizer Psychotherapeut Josef Lang sagt: „Ja, fassen Sie Mut, orientieren Sie sich nicht an der Meinung Außenstehender. Es tut gut, im Alter einen neuen Partner oder eine neue Partnerin zu finden! Verliebt sein macht nicht nur unendlich viel Freude, es hält auch gesund und fit.“ „Feuer sucht Flamme“, „Suche Begleiter durch Dur und Moll“, „Frau für die Achterbahn des Lebens gesucht“, „Rohdiamant sucht passende Fassung“. Das Inserat – selbst oder über eine Partnervermittlung aufgegeben – ist ein möglicher Weg, ein neues Glück zu finden.

Suchen, wo sich Menschen mit gleichen Interessen treffen

Peter und Doris hat Amors Pfeil im Fitness-Studio getroffen. Und so könnte es auch klappen: Kontakte auf Urlaubsreisen, bei der ehrenamtlichen Arbeit, im Verein, bei Seniorennachmittagen in der Gemeinde, in Kursen an der Volkshochschule oder in Bildungshäusern, bei Theater- oder Konzertbesuchen, kirchlichen Anlässen, Kontakten zu Bekannten aus früheren Lebensphasen, Vermittlung und Arrangements durch Kollegen oder Freunde, Aufenthalt in einem Wellnesshotel. Suchwege gibt es viele. Grundsätzlich gilt: Am ehesten trifft man einen möglichen neuen Partner an Orten, wo sich Leute mit gleichen Interessen treffen. Stella Zeco: „Die ultimative Hilfe, neue Leute kennenzulernen, ist der Hund.“ Ihre Mutter habe kürzlich „Sunny“ adoptiert – und in Rekordzeit das Viertel kennengelernt.

Im Trend liegen die Partnerbörsen im Internet, die sozialen Netzwerke allgemein. Laut Zeco rangiert das „Kennenlernen im Netz“, auf alle Altersgruppen bezogen, hinter „Freundeskreis“, „Ausgehen“ und „Arbeitsplatz“ bereits auf Rang vier. Bei der Generation 50plus liegt das Internet mit 57 Prozent sogar auf Rang eins. Gut 11,4 Millionen Singles haben sich in den vergangenen zehn Jahren bei Parship angemeldet. In der Schweiz und in Deutschland leben im Moment rund 18 Millionen Singles. Davon sind zirka 9,3 Millionen über 50 Jahre alt. Imposante Zahlen. Das Internet – ein logischer Ort, sich zu begegnen.

Was ist anders, wenn man sich bei der Partnersuche via Internet kennenlernt? „Eine Internetbeziehung verläuft von innen nach außen: Man erfährt von anderen Haltungen, Einstellungen und Charakterzügen, bevor man den Menschen real sieht. Bei den herkömmlichen Begegnungen läuft es gerade umgekehrt, von außen nach innen. Wir sehen eine Frau oder einen Mann, die oder der uns gefällt, wir haben noch keine Ahnung, was sie oder er denkt, wie sie oder er ist“, erklärt Josef Lang.

Die Sehnsucht nach Zärtlichkeit bleibt auch im Alter wach© Imago/Insadco
Die Sehnsucht nach Zärtlichkeit bleibt auch im Alter wach

Im Netz tummeln sich viele „Geister“. „Wer Partnerbörsen nutzt, sollte auch die Gefahren kennen, die im Internet gegeben sind“, meint der Therapeut. Das Bild, das Partnersuchende von sich zeigten, sei meist geschönt. Das Harmlosere: Gewicht, Körpergröße und Charaktermerkmale werden „korrigiert“. Manchmal seien aber auch Heiratsschwindler am Werk, die vor allem auf das Geld aus seien. Und, sagt Lang: „Rund 18 Prozent der Partnersuchenden sind verheiratet. “ Er rät Menschen, die im Internet einen Partner suchen, zunächst auf große und bekannte Anbieter zu setzen.

Was hilft, damit die Suche erfolgreich und effektiv ist? „Der Suchende sollte die Augen auf verschiedenen ,Kanälen‘ offenhalten, sei es bei Freizeitaktivitäten, im Bekanntenkreis von Freunden oder eben auch im Internet“, schlägt die Parship-Pressesprecherin vor. Außerdem sind, passend zum jeweiligen „Kanal“, die perfekten Unterlagen gefragt: ein freundliches Foto, realistische, aber trotzdem originelle Vorstellungstexte, eventuell Musterverträge (wichtig bei Partnervermittlungsinstituten). Gut ist auch, wenn der Suchende seine eigenen Marotten benennen kann und weiß,
was er von seinem neuen Partner wünscht und erwartet. Am besten fertigt man dazu eine Checkliste an, unterteilt in Muss- und Soll-Kriterien. Zum Beispiel: Er muss Nichtraucher sein, er soll – wenn immer möglich – viel Zeit zur Verfügung haben.

Beim Suchen locker bleiben!

Um die Familie nicht vor den Kopf zu stoßen, empfiehlt es sich, frühzeitig darüber zu sprechen, dass man auf der Suche nach einem Partner ist. Die (erwachsenen) Kinder beispielsweise haben so die Chance, sich langsam mit dem Gedanken anzufreunden. Hier liegt oft Konfliktpotenzial. Josef Lang: „Das Wichtigste für eine erfolgreiche Suche ist die innere Haltung. Wer selbst offen ist, ein gesundes Selbstbewusstsein ausstrahlt, eine Portion Lockerheit mitbringt und aktiv sucht, steigert seine Aussichten. Die Liebe ist aber nur teilweise steuerbar, sie geht auch eigene Wege.“ Bei Doris und Peter hat es geklappt.
„Wer ohne Erfolg gesucht hat“, so Lang, „kann sich immerhin damit trösten, dass er sein Bestes gegeben hat“. Und: Etwas Gutes bleibt (fast) immer zurück: Schon ein Gesprächspartner im Chat, das Formulieren einer Mail oder eines Briefes kann den Alltag bereichern.

Xaver Schorno

Februar 2013

Literatur zum Thema

Tipp 1: "Glauben Sie noch an die Liebe?", von Justus Bender / Jan Philipp Burgard, Bertelsmann Verlag, 17 Euro.

Justus Bender und Jan Philipp Burgard haben Prominente aus Politik, Showgeschäft und Kultur aufgefordert: Lassen Sie uns über Liebe reden – und das Ergebnis ist so amüsant wie intim, so überraschend wie nachdenklich. Wenn Menschen, egal, ob berühmt oder mächtig, über Liebe sprechen, zeigen sie sich verletzlich, geben etwas von sich preis. So entstehen Momentaufnahmen, in denen bekannte Zeitgenossen überraschend viel von sich zu erkennen geben. Gespräche mit Hannelore Elsner, Franz Müntefering, Roger Willemsen, Gloria von Thurn und Taxis, Rolf Eden, Sonya Kraus, Guido Knopp, Claudia Roth, Jürgen Großmann, Franziska Knuppe, Michel Friedman, Eckart Witzigmann, Margarete Mitscherlich, Eckart von Hirschhausen und anderen.

Tipp 2: "Liebe bleibt jung: Geschichten um Sehnsucht und Partnerschaft von Menschen über sechzig", von Anne Stabrev, Gatzanis-Verlag, 18,50 Euro.

Die Autorin hat Frauen und Männer ab sechzig interviewt. Deren Biografien berichten vor dem Hintergrund des sozialen Wandels von alten und neuen Moralvorstellungen, von der Fluktuation der Partnerschaften und modernen Formen des Zusammenlebens auch im Alter. So individuell diese Geschichten auch sind, so sehr eint sie eine Erkenntnis: Die partnerschaftliche Liebe wird von älteren Menschen besinnlicher erlebt, mit mehr Zuwendung und Zärtlichkeit. Ihre Gefühle sind wie eh und je denn die Liebe bleibt jung.

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Die Liebe in Zahlen

377 831 Ehen sind 2011 in Deutschland geschlossen worden, 61 786 davon waren Wiederverheiratungen.

45,1 Jahre alt waren Männer durchschnittlich bei der Scheidung, Frauen 42,2 Jahre.

14,5 Jahre haben Ehen durchschnittlich gehalten, bevor sie geschieden wurden.

55 % der Männer heiraten nach einer gescheiterten Ehe wieder, bei Frauen sind es 61 Prozent.

57 % der Singles über 50 Jahre bevorzugen das Internet zur Partnersuche.

20 % mehr Ehescheidungen nach der Silberhochzeit gab es 2009 verglichen mit dem Jahr 2001.

80 % der Männer und gut 60 Prozent der Frauen zwischen 50 und 70 Jahren geben an, regelmäßigen Sex zu haben.

50 % aller Ehen werden geschieden, bei den Zweitehen sind es 70 Prozent.

Checkliste Partnersuche im Alter

Die Fragen „Wer bin ich?“ und „Warum suche ich eine Partnerin, einen Partner?“ sind leicht(er) zu beantworten. Schwieriger wird es mit der Frage „Wie erkenne ich, dass ich den Richtigen, die Richtige gefunden habe?" Eine Checkliste kann dabei behilflich sein – unterteilt in Muss- und Sollkriterien. Bei den Sollkriterien mache ich weniger Kompromisse, bei den Soll-Anforderungen bin ich flexibler.

Selbstverständlich ist jede Liste individuell. Nur Sie persönlich können die darin gestellten Fragen zusammenstellen und ihre Wichtigkeit für Sie bewerten. Den idealen Partner, der alle Punkte positiv erfüllt, wird es nicht geben. Die Checkliste dient eher dazu, die Partnerkandidaten zu vergleichen, die Vor- und Nachteile abzuwägen.

  • Wie steht es mit ihrer /seiner Gesundheit?
  • Hat er oder sie Humor?
  • Hat er oder sie auch Zeit für mich?
  • Hat er oder sie eine Sucht (z. B. Alkohol-, Rauch-, Spiel oder Fernsehsucht)?
  • Ist Sex gewünscht oder nicht?
  • Ist er oder sie gepflegt?
  • Kann er oder sie seine Liebe zu mir auch zeigen?
  • Geht er oder sie gerne auf Reisen?
  • Kann er oder sie kochen, das Essen geniessen?
  • Liebt er oder sie Musik und Literatur?
  • Geht er oder sie gerne wandern?
  • Ist er oder sie tolerant?
  • Ist er oder sie finanziell unabhängig?

Religionszugehörigkeit?, Politische Einstellung?,
Sportbegeistert?, Bildung?, Altlasten? Ehrlichkeit?, Spontaneität?, Gesellschaftliche Stellung?