Steyler Welt

Der Kämpfer

Seit 26 Jahren kämpft der Steyler Missionar Ewald Dinter für die Rechte der Mangyanen, der philippinischen Ureinwohner in den Bergen von Mindoro. Ihnen wird ihr Land gestohlen

Die Idylle trügt: Das Leben in den Bergen ist hart.© Roland Scheid SVD

In feinen Schwaden steigt der Rauch der bitteren Kräuter in die schwere Luft. Mit der Kokosnuss-Schale in der Hand geht Pater Ewald Dinter in alle vier Ecken des Klassenzimmers, dann außen um die Schule herum. Immer bis zur Tür, dort kehrt er um. Am Eingang vorbeigehen darf er nicht, denn dann können die bösen Geister nicht mehr fliehen. „Ihr bösen Geister in den Ziegen, geht weg! Ihr bösen Geister in den Wasserbüffeln, geht weg! Ihr bösen Geister in den Christen, geht weg“, betet der Katechist. Dinter räuchert und betet, dann stellt er die Schale weg. „Jetzt können wir unsere Kinder hier hinschicken“, seufzt eine alte Mangyanin erleichtert. „Jetzt ist die Schule rein.“

Für Pater Ewald Dinter sind solche Zeremonien inzwischen selbstverständlich. Seit 45 Jahren ist er auf den Philippinen, seit 26 Jahren lebt und arbeitet der Steyler Missionar bei den Mangyanen im Bergland von Mindoro. Die meisten sind keine Christen, sie leben weit verstreut in kleinen Dörfern, zu denen kaum eine Straße führt. „Mit einer solchen Zeremonie weihen die Mangyanen auch ihre Häuser ein“, berichtet der 75-Jährige. „Und als es um die Schulsegnung ging, habe ich herumgefragt, was man machen könnte, damit die Feier zu den Leuten passt. Inzwischen ist das unsere Segnungsfeier für alle Mangyanen Gebäude.“ Mit der Geisterbeschwörung hat er kein Problem: „Jesus hat doch auch böse Geister ausgetrieben! Und selbst in der Komplet, dem Nachtgebet der Kirche, beten wir, dass die Engel, die guten Geister, unser Haus behüten!“

Pater Ewald Dinter SVD© Markus Frädrich SVD
Pater Ewald Dinter SVD

Der schönste Augenblick
Doch ganz so problemlos war die Begegnung zwischen Evangelium und Geisterglaube in den Bergen Mindoros am Anfang nicht. Denn Dinters Vorgänger wollte einen Neuanfang: Jetzt kommt Christus, jetzt müssen die Neubekehrten das Alte aufgeben. Eine Position, die viele Freikirchen in Mindoro heute noch vertreten. Als der weiße Pater kam, bei ihnen wohnen wollte und nach ihren Gebeten und Riten fragte, blieben die Mangyanen stumm. „Das war wie eine Wand“, sagt Pater Dinter heute. „Sie wollten mir einfach nichts verraten. Erst viel später bei einem Fest kam einer der Älteren und sagte: ,Alle haben dich beobachtet, du hast nie etwas Schlechtes über unsere Kultur gesagt, nun darfst du alles wissen.‘ Das war einer der schönsten Augenblicke in meinem Leben!“

Bei einem anderen Stamm, den Bangon, dauerte es noch länger, bis der Missionar eine Chance bekam: Immer wieder ließ Pater Dinter seinen Jeep am Ende der Piste stehen und stieg drei Stunden in die Berge, bis er die ersten Dörfer erreichte. Er half, Schulen aufzubauen und Quellen einzufassen, er besuchte die Kranken und wanderte zu immer abgelegeneren Siedlungen. „Nach 17 Jahren haben sie zum ersten Mal nach Christus gefragt.“ Für den gebürtigen Schlesier war das kein Problem. Er war schon als junger Student in Sankt Augustin ein völkerkundlich interessierter Missionar. „Aber ich wollte nicht nur die Kultur kennenlernen und die Sprache sprechen, sondern immer mehr lernen, was es heißt, dass Gott schon bei den Menschen ist, bevor ich als Missionar komme.“

 
 
 
 
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Den rund 100 000 Mangyanen im Hochland von Mindoro gehört seine ganze Liebe und Sorge. Denn die sind in den Augen von Staat und Kirche immer noch Menschen zweiter Klasse: „Du Mangyane“ ist ein Schimpfwort bei den Filipinos. Weil viele Ureinwohner noch immer nicht lesen und schreiben können, stehen sie den Einschüchterungsversuchen der Siedler von der Küste oft hilflos gegenüber. Mit allen Tricks brachte man die Männer dazu, Dokumente, die sie nicht lesen können, mit einem Daumenabdruck zu siegeln. Und plötzlich ist damit nicht wie versprochen der Wasserbüffel versichert, sondern das Land verkauft. Gebiete wurden einfach eingezäunt, damit fremde Rinderherden darauf weiden können, Bäume an heiligen Orten umgehauen. Wer protestierte, den belehrten Revolvermänner über die Folgen.

Pater Dinter kennt viele solcher Geschichten. Die Mangyanen, von Natur aus friedliche und scheue Menschen, flohen in immer unzugänglichere Bergregionen; sie misstrauten allen Fremden, die zu ihnen kamen. „Christ“ ist ein Schimpfwort bei ihnen, denn Christen, das sind die, die lügen, stehlen und betrügen. Die schwierige Lage der Eingeborenen von Mindoro ist typisch für die Not, in der sich alle indigenen Völker der Welt befinden. Überall kämpfen sie darum, auf ihrem Land bleiben zu dürfen, überall müssen sie für ihre Bürgerrechte streiten. Pater Dinter und seine Mangyanen-Mission, ein Verein, in dem inzwischen 30 Mitarbeiter, meist Mangyanen, arbeiten, helfen den Bergbewohnern, sich zu organisieren.

„1997 wurde nach langem Kampf erreicht, dass die Regierung ein Gesetz verabschiedet, das den Ureinwohnern auch das Land zuspricht. Was verkauft war, haben wir nicht zurückbekommen, aber das Regierungsland, das Land ohne Titel, wurde vermessen und den Mangyanen zugesprochen. Dazu brauchten wir natürlich Anwälte, Landvermesser und viele andere. All das hat uns Misereor bezahlt, sie finanzieren unsere Arbeit auch heute noch mit,“ berichtet Pater Dinter.

In den Augen des Staates nur Menschen zweiter Klasse© Roland Scheid SVD

Doch die Mangyanen-Mission will noch mehr: Die Einheimischen selbst sollen entscheiden, was sie brauchen und welche Projekte sie in Angriff nehmen wollen. Allzu oft haben wohlmeinende Helfer vieles aufgebaut, was schnell wieder zusammenbrach. „Ich weiß, wenn ich nicht mehr bin, geht’s weiter“, lächelt der Steyler Missionar. Die Mangyanen haben ihre Wunschliste erstellt: Ihr Land soll ihnen niemand mehr stehlen dürfen, denn „Land ist Leben“. Auch Schulen stehen ganz oben auf dem Wunschzettel, damit sie sich wehren können gegen Betrügereien. Außerdem: Rechtsberatung, um vor Gericht eine Chance zu haben. Kooperativen, die ihre wirtschaftliche Situation verbessern. Und nicht zuletzt: sauberes Trinkwasser, um die Kindersterblichkeit in den Dörfern zu senken.

„Wir bohren keine Brunnen“, berichtet Pater Dinter, „sondern leiten Quellwasser aus den Bergen in die Dörfer. Dafür muss jede Familie bereit sein mitzuhelfen, das Material stellen wir. In einem Dorf mit 72 Familien hat es fast ein Jahr gedauert, bis alle anpacken wollten. Es war schon nicht ganz leicht für mich, das auszuhalten. Aber bei den Mangyanen ist es sehr wichtig, dass Entscheidungen einstimmig gefällt werden, die Gemeinschaft ist hier ganz entscheidend.“

Wohl auch deshalb sind die Mangyanen über die große Katastrophe der letzten Jahre noch längst nicht hinweg: Zwei junge Männer plünderten mit einer japanischen Firma die Höhlen, in denen die Ahnen eines Stammes ruhten, und transportierten die Knochen nach Japan. Dort wurden die Überreste japanischen Familien übergeben, die glaubten, die Gebeine ihrer gefallenen Angehörigen aus dem Zweiten Weltkrieg zurückzubekommen. Ein Riesengeschäft für die japanische Firma, eine weitere Leidenserfahrung für die Mangyanen. „Und dass ihre eigenen Leute aus Geldgier mitgemacht haben, das hat alle tief getroffen“, berichtet Pater Dinter.

Aber diesmal wehrten sich die Eingeborenen: Mithilfe von Pater Dinter wandten sie sich an die Behörden, selbst der philippinische Präsident Benigno Aquino setzte sich für die Rückgabe der Knochen ein. Ohne Erfolg. Doch als der Tsunami im März 2011 die japanische Küste überrollte, waren die Mangyanen sicher: Das ist die Folge des Unrechts an ihnen und ihren Ahnen. Nun wollen sie auf Schadensersatz klagen – sehr zur Freude des Missionars: „Hier ist ein Unrecht geschehen und wir werden dazu nicht schweigen. Diese Zeiten sind vorbei.“ Und dann lächelt er: „Vor Jahren gab es einmal eine Misereor-Losung: ,Mit Zorn und Zärtlichkeit an der Seite der Armen.‘ Das ist mein Motto!“

Christina Brunner

März 2013

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Leser-Kommentare

  • Martin Mink
    04.03.2013 22:22 Uhr

    Sehr geehrter Herr Pater Dinter,
    mit großem Interesse verfolgte ich den Bericht von Christine Brunner über Ihrer Arbeit mit und bei den Mangyanen auf den Philippinen.(Stadt Gottes Heft 3/2013).
    Ich selbst war im Jahre 1984 mit Freunden bei den Mangyanen in den Bergen Mindoros und durfte diese liebenswerten Menschen kennen lernen. Über einen Dolmetscher erfuhr ich doch auch sehr Interessantes über diesen Volksstamm. Ihre Arbeit schätze ich sehr hoch und ich hoffe, dass Ihnen bei allen Enttäuschungen doch immer wieder Erfolge neuen Mut zum Durchhalten geben.
    Überrascht war ich allerdings über die Aussage " Dinters Vorgänger wollte einen Neuanfang" der, so aus dem Bericht zu entnehmen, wohl nicht ganz glücklich war.
    Aus mir vorliegender Literatur weiß ich, dass ein holländischer Missionar ,Pater Poostma, sich vor Jahren schon intensiv um das Wohl und Wehe der Mangyanen auf Mindoro gekümmert habe.
    Arbeiten Sie selbst zusammen mit diesem Missionar und was hat sich alles seit der Zeit meines Aufenthalts in der dortigen Missionsarbeit verändert.
    Ich würde mich über eine Rückantwort sehr freuen und sage schon im voraus ein herzliches "Vergelts Gott" dafdür.
    Ihnen alles Gute und herzliche Grüße in die Berge von Mindoro.
    Martin Mink

  • Svenja Bedro
    25.02.2013 15:53 Uhr

    Klasse Bilder, ich bin beeindruckt. Solche Geschichten würde ich gerne häufiger in Ihrem Magazin lesen. Von diesen Missionen erfährt man sonst sehr wenig.

 
 

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