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Den letzten Cent für Bello

Partner, Tröster, Wächter – für Obdachlose sind Hunde oft die einzigen und treuesten Freunde. Doch wenn Bello krank wird, ist eine Behandlung unbezahlbar. In Düsseldorf helfen Tierärzte Vierbeinern und Menschen

Kostenlose Impfdosis für die Welpen© Michael Englert

Ein eiskalter Tag am Rheinufer in Düsseldorf. Im schneidenden Wind hockt eine junge Punkerin auf den halbfeuchten Steinstufen, die Kapuze halb über den rasierten Kopf gezogen. Eine junge Hündin mit neun Welpen liegt vor ihr auf einer warmen Decke und winselt unruhig. Immer wieder schubst die junge Frau die Tiere auf die Unterlage zurück: „Ist zu kalt, ey, bleib sitzen!“ „Scully ist mein Leben“, sagt Yasmin und vergräbt ihre Finger im warmen Fell. „Eine bessere Familie könnte ich niemals finden!“ Wenn die 21-Jährige durch die Straßen zieht, ist Scully immer an ihrer Seite, in der Nacht ist sie Wärmflasche und Wachhund zugleich. „Ey, du Schwein“, brüllt sie plötzlich, als die junge Hündin ihr übers Gesicht schleckt, und zerrt sie am Halsband weg. Der Ton ist rau, so wie halt üblich in der Punker Gang.

Kuscheln gegen die Kälte
Yasmin und Scully warten auf den Bus von „Underdog“. Die mobile Tierarztpraxis hilft denen, die ganz unten gelandet sind – Leuten wie Yasmin und ihrer Punkergruppe, die mal hier, mal dort schlafen und von dem leben, was sie sich zusammenbetteln. Und jeder von ihnen hat mindestens einen Hund. So wie Patrick, Yasmins Freund. Er hat zwei Jacken übereinander angezogen gegen die Kälte. Wenn er spricht, sieht man, dass ihm zwei Zähne fehlen. „Aik bedeutet alles für mich. Der geht überall mit hin. Deshalb geh’ ich auch nicht in so eine Nachtunterkunft – da darf er nicht mit rein. Muss ich eben manchmal draußen pennen ...“ Er zuckt ein bißchen verschämt die Schultern und murmelt: „Ich kuschel’ mich einfach an ihn. Der Aik friert nie, da ist nämlich ein Husky mit drin – bevor der mal friert, bin ich tot!“
Um so einen Freund muss man sich kümmern, das ist Yasmin und Patrick klar: „Wir sind heute das erste Mal bei Underdog. Ich bin echt froh, dass es so ’was gibt, denn das Geld für eine Tierarztpraxis hab’ ich nicht. Ich weiß auch nicht, ob ich da hingehen würde ...“

Beratung auf der Straße: Katja Beyer (rechts)© Michael Englert

Tierärztin Katja Beyer kennt solche Vorbehalte. „In der Nähe meiner Praxis halten sich viele Wohnungslose auf, und so kamen immer wieder auch welche mit ihren Tieren zu mir. Aber der Schritt über die Schwelle ist nicht leicht.“ Die Not von Herr und Hund ließ der 46-Jährigen keine Ruhe, und so gründete sie 2006 „Underdog“, die mobile Tierarztpraxis. Jetzt steht sie vor der Punkergruppe und macht ein strenges Gesicht. „Okay, Leute, da sollten wir uns mal über Geburtenkontrolle Gedanken machen! Neun junge Hunde, das geht natürlich nicht! Ihr habt ja selber gemerkt, wie viel Stress und Arbeit und Geld das kostet, wenn ihr anfangt zu züchten: Tut euch das nicht an!“

Ehrenamtliche Tierärzte
Dann wird ihr Gesicht weicher: „Die sind ja wirklich total süß“, sagt sie und hockt sich hin, um die zehn Wochen alten Welpen zu streicheln. Scully, die Hundemama, sieht aufmerksam zu, doch die ruhigen Bewegungen der Tierärztin machen ihr keine Angst. „Kannst du dir Scully auch einmal ansehen, der geht’s nicht so gut!“, bittet Yasmin. Die Tierärztin nickt: „Also einmal das volle Programm für Mutter und Kind“, lacht sie und steht auf, um Spritzen, Impfpässe und Chip-Kanülen für die Registrierung zu holen.

Das umgebaute Wohnmobil von Underdog, ausgestattet mit einem Untersuchungstisch, einem Laptop und den wichtigsten Medikamenten, fährt alle 14 Tage zu zwei zentralen Treffpunkten von Wohnungslosen in Düsseldorf. Sechs Tierärzte und eine Tierarzthelferin untersuchen ehrenamtlich Ratten, Katzen und vor allem Hunde. „Die Leute, die zu Underdog kommen, sorgen gut für ihre Tiere“, hat Tierarzt Georg Specker beobachtet. „Viele verzichten auf ihr eigenes Essen, damit sie für den Hund etwas kaufen können.“

Schauen Sie sich in unserer Bildergalerie weitere Eindrücke von der Arbeit von Underdog an. Alle Fotos: Michael Englert (www.michael-englert.com)

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Christina Brunner

Oktober 2013

Weitere Informationen zum Projekt "Underdog" finden Sie auf der Homepage der Initiative.

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Leser-Kommentare

  • Peter Sedunko
    23.12.2014 14:41 Uhr

    ein Geschenk Gottes daß es das "Projekt Underdog " gibt . Ich weiß gar nicht ob es so etwas bei uns in Österreich auch gibt . Bei den Obdachlosen können sich so manche "Gutmenschen"
    die glauben so zu sein ein großartiges Beispiel nehmen . Wer kein Herz für Mensch und Tier hat ist mir suspect , Bei uns in Österreich sind in letzter Zeit unglaubliche Tierquäl und Tötungen aus purer Lust und weil ihnen fad war begangen worden . das Tierschutzgesetz müßte zugunsten der Tiere strenger verändert werden .
    Wer Tiere tötet oder quält , da ist der Sprung zu kleinen Kindern auch nicht weit und die weiter Folge will ich garnicht kommentieren.
    Meine vollste Hochachtung an die Ärzte die sich hier gefunden haben zu helfen und nicht nur auf den Profit zu schauen
    Dank Danke Danke

  • Harald Essers
    17.10.2013 11:59 Uhr

    Gut, dass es solche engagierte Menschen gibt. Sie helfen nicht nur den Hunden, sondern auch den Besitzern, denn für diese sind die Tiere ihr ein und alles.

 
 

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