Das Gespräch

Glück statt Wachstum

Seit dem Krieg tanzt jede Regierung um das Goldene Kalb des Wirtschaftswachstums: Denn nur so, sagen Politiker, geht´s uns gut. Damit ist bald Schluss. Warum wir umdenken müssen, darüber sprach stadtgottes-Chefredakteur Albert Herchenbach mit Sozialforscher und Vordenker Prof. Meinhard Miegel

Meinhard Miegel im stadtgottes-Gespräch: "Unsere Gesellschaft ist gekennzeichnet durch Vergeudung." © Achim Hehn
Meinhard Miegel im stadtgottes-Gespräch: "Unsere Gesellschaft ist gekennzeichnet durch Vergeudung."

stadtgottes: Herr Professor, die Laufzeit der Atomkraftwerke ist verlängert worden; in Stuttgart soll für mindestens drei Milliarden Euro ein neuer Bahnhof gebaut werden, an Autobahnen werden in den kommenden zwei Jahren 8000 zusätzliche Lkw-Parkplätze entstehen, damit der Verkehr rollt - und das alles, damit es uns auch weiter wirtschaftlich gut geht. Stimmt denn die Kausalkette, die Politiker gern beschwören: Wir brauchen Fortschritt, damit Wachstum möglich wird und in unserer Gesellschaft individueller Wohlstand gewährleistet bleibt?

Professor Miegel:Wir haben seit Beginn der Industrialisierung Wachstum und Wohlstand als siamesische Zwillinge behandelt. Jetzt haben wir erkennen müssen, dass Wachstum eine sehr zweischneidige Angelegenheit ist. Mit jedem Promille Wachstum wird auch etwas zerstoÅNrt. Deshalb müssen wir uns jetzt fragen: Was gewinnen wir durch Wachstum - und was verlieren wir? Wenn wir uns die Dinge anschauen, die Sie eben angesprochen haben, dann ist das ein ganz altes, mechanistisches Denken.

Die Frage ist ja, ob uns permanentes Wachstum tatsächlich mehr Zufriedenheit beschert.
Das kommt darauf an, wie ich Wohlstand definiere. Wenn ich ihn als ein immaterielles Phänomen beschreibe, also ein harmonisches Familienleben, gute Freunde, intakte Nachbarschaft, gesunde Umwelt, ein ordentliches Einkommen, dann kann ich schon sagen: je höher der Wohlstandspegel, desto höher auch die individuelle Zufriedenheit. Reduziere ich den Wohlstandsbegriff auf den materiellen Aspekt, wie wir das lange Zeit getan haben, dann komme ich zu dem verblüffenden Ergebnis, dass Kolumbianer und Mexikaner genauso zufrieden sind wie Schweden und Schweizer, die ein vier- bis fünfmal so hohes Wohlstandsniveau haben.

Warum glauben denn unsere Politiker, dass nur materieller Wohlstand uns glücklicher macht?
Weil sie daran gewöhnt sind. Wer unter extremer materieller Not leidet, Hunger, Durst und kein Dach über dem Kopf hat, ist stark auf die Optimierung des materiellen Wohlstands fixiert. Bei diesen armen Menschen führt eine Anhebung des materiellen Wohlstands unzweideutig zu mehr Zufriedenheit.

Aber in dieser Situation sind wir doch nicht?
Wir waren darin. Aus dieser Zeit stammt dieses Denken. Sie meinen die Zeit nach dem Krieg? Ja. Aber schon 1960, als der Wohlstand doppelt so hoch war wie vor dem Krieg, erkannte der damalige Wirtschaftsminister Ludwig Erhard visionär das Ganzheitliche des Menschen; dass er nicht allein vom Brot lebt, dass jetzt andere Dinge wichtig werden.

Meinhard Miegel© Achim Hehn

Womit er sich bekanntermaßen nicht durchgesetzt hat.
Man hat ihn verlacht. Tatsächlich steigt die subjektive Zufriedenheit der Deutschen seit den frühen 60er-Jahren nicht mehr an. Es ist gleichgültig, ob man im Monat 1000, 1200 oder 1500 Euro zur Verfügung hat. Internationale Untersuchungen etwa in den USA, in Kanada oder Schweden zeigen: Jenseits von 900 bis 1000 Euro steigt die subjektive Zufriedenheit nicht mehr.

Wenn die Ressourcen unserer Erde endlich sind, leuchtet es doch jedem Kind ein, dass es kein unendliches Wachstum geben kann. Das wissen doch auch Politiker. Warum sagen sie den Bürgern nicht die Wahrheit?
Natürlich wissen sie das. Aber sie hoffen, wenn beispielsweise das Erdöl ausgegangen ist, dass wir dann etwas entdeckt haben, was an dessen Stelle treten kann, denn unsere Innovationskraft sei ja unendlich. Das ist uns in der Vergangenheit ja auch immer wieder gelungen. Aber man muss genau hinschauen, was da passiert ist. Europa war bis zur Industrialisierung wohl der rohstoffreichste Kontinent. Nach 100 Jahren waren die Rohstoffe verbraucht. Da sind die Europäer in die große weite Welt gegangen und haben sich geholt, was sie brauchen. Der Kolonialismus entstand - mit all seinen bekannten Folgen. Mittlerweile werden Kriege um Rohstoffe geführt. Die Strategie "Problemlösung durch Raumwechsel" funktioniert nicht mehr.

Derzeit wird in der nordafrikanischen Wüste eine gigantische Solaranlage zur Stromversorgung geplant.
Ich bin überzeugt, dass wir durch unsere Innovationskraft eine Reihe von Engpässen überwinden werden. Die kritische Frage ist: Wird es Durststrecken geben? Wir vom "Denkwerk Zukunft" haben dazu Experten gefragt. Übereinstimmend kamen sowohl Optimisten als auch Pessimisten zum Schluss: Die Alternativen werden sich nicht nahtlos an das, was wir jetzt haben, anschließen. Wir werden eine Durststrecke von 30, 40 Jahren überwinden müssen. In dieser Zeit wird unser materieller Wohlstand deutlich absinken, wenn man sich vor Augen führt, dass etwa die Hälfte unserer Produktivitätssteigerung auf nichts anderem beruht als auf dem Verbrauch fossiler Energieträger - Öl, Gas, Kohle.

Wann kommt diese Durststrecke auf uns zu?
Die Engpässe beginnen 2025, 2030. Dann addieren Sie 30, 40 Jahre, bis wir - wenn die Optimisten recht behalten - den Anschluss gefunden haben. Aber vorher steigen die Preise. Schon deshalb, weil die Erschließung der Rohstoffe immer schwieriger und dadurch immer teurer wird. In diese Phase sind wir schon eingetreten.

Heißt das, dass wir alle ärmer werden?
Nein. Wir leben in einer Gesellschaft, die durch eine unglaubliche Vergeudung gekennzeichnet ist. Die öffentliche Hand hat im vergangenen Jahr ein Prozent der erwirtschafteten Gütermenge sinnlos verschleudert. In privaten Haushalten wird unglaublich viel vergeudet: In Großbritannien etwa werden 25 Prozent aller Lebensmittel weggeworfen, noch ehe die Verpackung aufgerissen wurde. In Österreich sind das zehn Prozent. In Deutschland wird das ähnlich sein. Wir erwarten, dass unsere Supermärkte Tag und Nacht mit jeglichen Waren gefüllt sind. Das hat zur Folge, das enorm viel weggeworfen wird. Wir haben uns auf eine Vergeudungswirtschaft eingestellt. Die Reparatur eines Weckers kostet so viel wie ein neuer. Das Material, die Energie für die Herstellung - das zählt bei uns nichts. Der andere Punkt: 25 bis 30 Prozent aller Güter, die wir erwirtschaften, brauchen wir nicht, sondern wir definieren mit ihnen unseren Status: Wir haben Quadratmeter-Wohnflächen und Autos mit Motoren, die wir überhaupt nicht brauchen. Auch nicht den permanenten Modewechsel.

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Für eine zukunftsfähige Kultur

Professor Meinhard Miegel, 73, Sozialwissenschaftler und Publizist (u.a.: "Exit – Wohlstand ohne Wachstum", erschienen im Propyläen Verlag) ist Vorsitzender des "Denkwerk Zukunft", in dem sich Experten aus allen Wissenschaftsbereichen für die Erneuerung der westlichen Kultur einsetzen, um diese wieder zukunftsfähig zu machen. Weitere Infos gibt es unter www.denkwerkzukunft.de

Albert Herchenbach

Januar 2014

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Leser-Kommentare

  • Markus Bruggaier
    02.02.2014 21:37 Uhr

    Es gibt leider zu wenig Persönlichkeiten, die die Dinge so klar auf den Punkt bringen wie Prof. Miegel. Eigentlich sind das alles Binsenweisheiten, die wir einfach nur nicht wahrhaben wollen.

 
 

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Realistische Zukunfts-Trends

Hauptsache mir geht's gut – das war gestern. Die Zukunft gehört Menschen, die solidarisch sind mit jenen, denen es nicht so gut geht. Diese Generation gibt's schon, wie die beiden Zukunftsforscher Meinhard Miegel (siehe Interview links) und Professor Horst W. Opaschowski nachweisen.

Wenn es nach den Wünschen der Deutschen geht“, hat Opaschowski herausgefunden, „dann wird die Zukunft eine Ära der Verantwortung sein.“ Denn auf die Frage, welche Eigenschaften und Verhaltensweisen für das Leben in Zukunft besonders wichtig seien, nannten 67 Prozent der Befragten „Verantwortung übernehmen“, bei jungen Familien waren es sogar 74 Prozent. Und zwar Verantwortung nicht nur für sich selbst, sondern auch für die Gemeinschaft. 

Opaschowski: „Die politische Kultur verändert sich: Die Menschen interessieren sich für eine bessere Gesellschaft und wollen auch mithelfen, eine bessere Gesellschaft zu schaffen.“ Denn dass der Staat es schon richten wird, das glaubt eine große Mehrheit nicht mehr. „Die Bürger sind durchaus bereit, sich selbst mehr zu helfen und nicht alle Probleme dem Staat zu überlassen.“ Dieser Aussage stimmen unter den Westdeutschen 71 Prozent zu, bei den Ostdeutschen sogar 78 Prozent. Und drei von vier Befragten sind überzeugt, dass Solidarität und Eigeninitiative in der Bevölkerung wachsen: „Der Staat könnte viel Geld sparen, wenn er private Initiativen aus den Reihen der Bürger aktiv unterstützen beziehungsweise fördern würde.“

Hier einige Forschungsergebnisse, wie Deutschland 2030 nach der Meinung von Horst Opaschowski und seinem Forscherteam aussehen wird:

1. 0,5 x 2 x 3-Arbeitsverhältnisse: Die Folgen der Globalisierung.

2. Strategie der besten Köpfe: Die Zuwanderung als Zukunftspotential.

3. Leben ist die Lust zu schaffen: Die Leistungsexplosion der jungen Generation.

4. Der „zweite“ Demografische Wandel: Die neue Lust auf Familie.

5. Die Frauen kommen mit Macht: Die Arbeitswelt wird weiblicher.

6. Re-Start mit 50: Die Wirtschaft braucht wieder ältere Arbeitnehmer.

7. Comeback mit 65: Zuverdienst statt Altersarmut.

8. Lebensqualität bis ins hohe Alter: Wahlverwandtschaften und soziale Konvois.

9. Gesundheitsorientierung als neue Zukunftsreligion: Wohlergehen im Zentrum des Lebens.

10. Gut leben statt viel haben: Die Sehnsucht nach dem Sinn.

Quelle: Stiftung für Zukunftsfragen

Horst Opaschowski spricht über die Chancen von Deutschland für die Zukunft und referiert über die Lage Deutschlands im Janhr 2030: