Steyler Welt

Unsere Mission heißt Beten

Still, abgeschieden, meditativ: Seit 100 Jahren beten die „Dienerinnen des Heiligen Geistes von der Ewigen Anbetung“ in ihrem großen Kloster direkt an der Maas. stadtgottes-Redakteurin Christina Brunner hat eine von ihnen getroffen

Schwester Maria Virgo liebt die Abgeschiedenheit des Klosters© Heinz Helf SVD
Schwester Maria Virgo liebt die Abgeschiedenheit des Klosters

Werd bloß keine komische Heilige, hat mein Bruder gesagt, als ich hier eintreten wollte.“ Schwester Maria Virgo zieht kurz die Brauen zusammen, als sie an diesen Spruch vor 30 Jahren denkt. Dann lacht sie ihr ansteckendes, lautes Lachen, das man bis in die weiten Flure des Heilig-Geist-Klosters hören kann. Sie ist keine komische Heilige. Sie ist die Gärtnerin. Weil sie Landwirtschaft studiert hat und weiß, wie man pflanzt und jätet, düngt und erntet. Und doch mussten ihre Mitschwestern sie in den Gemüsegarten quasi hineinprügeln, „ich war mit Arbeit wirklich ausgelastet!“ Jetzt liebt sie den Geruch von Wachsen und Ernten, und was sie aus dem Garten in die Küche liefert, ist willkommenes Zubrot. „Ich weiß selbst nicht, wovon wir leben“, gibt Schwester Maria Virgo zu. „Ich sag immer, der heilige Josef sorgt für uns.“ Dann lacht sie wieder.

18 Schwestern wohnen in dem mächtigen Kloster im niederländischen Steyl direkt an der Maas, das vor genau 100 Jahren für 60 Schwestern gebaut worden ist. Heute sind die meisten alt, doch ihre Renten und Pflegegelder reichen aus, um das einfache Leben der Anbetungsschwestern zu finanzieren. Paramente nähen oder Kirchenwäsche annehmen, wie es viele andere kontemplative Klöster tun, das schafft die kleine Gemeinschaft nicht. „Die Tafel“ aus Deutschland bringt das, was die Armen nicht genommen haben, „und davon profitieren beide Seiten: Wir müssen das nicht kaufen, und sie sind froh, wenn sie den Rest der Reste loswerden.“

Die Distanz wahren, das ist den Schwestern wichtig© Heinz Helf SVD
Die Distanz wahren, das ist den Schwestern wichtig

Ein Leben im Hintergrund
Wer Schwester Maria Virgo besuchen möchte, trifft sie hinter dem Holzgitter in einem der großen Empfangsräume. Das Gitter ist weit genug, um sich zu begrüßen, ein Geschenk zu übergeben, die Hand zu halten. Mehr geht nicht, und mehr wollen sie nicht. Sie sind Klausurschwestern, ihr ganzes Leben lang sind sie im Hintergrund, hinter den Mauern, die sie zum Bleiben zwingen. Nach dem Willen ihres Ordensgründers Arnold Janssen sind die „Dienerinnen des Heiligen Geistes von der Ewigen Anbetung“ Beterinnen für den Erfolg der anderen, die predigen und pflegen, lehren und ausbilden. „Missionarinnen auf den Knien“ hat man sie oft genannt, und Schwester Maria Virgo findet, dass da ’was dran ist. „Unsere Mission ist das Gebet. Aber wo wir damit Menschen erreichen, wissen wir nicht: Das ist Gottes Sache.“ Manchmal kommen Missionare aus Übersee zu ihnen, Brüder, die mutlos werden angesichts zahlloser Probleme, für die es keine Lösung gibt. „Sie sagen uns: Zu wissen, dass es ja auch noch das Gebet gibt und nicht nur unsere Anstrengungen, das tut uns gut.“

Auch andere bitten schriftlich um ihr Gebet: überforderte Mütter, vereinsamte Alte, Menschen auf der Suche nach Halt und Orientierung. Dann geht Schwester Maria Virgo nicht nur in die Kapelle, sondern auch ins Schreibzimmer und schaltet den Computer an, sucht Worte, die trösten und zeigen: Du bist nicht allein! Neben dem Garten ist das Schreibzimmer eine ihrer vielen Aufgaben. Sie ist die Einzige, die deutsch schreiben kann, die anderen sind zu alt oder sprechen die Sprache nicht gut genug. „Ohne die Hilfe der Schwestern aus anderen Ländern könnten wir hier nicht überleben“, sagt Schwester Maria Virgo nüchtern. „Das ist vielleicht auch einer der großen Unterschiede zu früher: Vor 100 Jahren wurden deutsche und niederländische Schwestern in alle Welt ausgesandt, heute kommen sie aus den früheren Missionsländern zu uns. Wir werden internationaler.“

Sieben Gebetszeiten
Trotz aller Hilfe: Arbeit bleibt genug für die 57-Jährige. Der Garten, das Schreibzimmer – und auch die Sakristei muss sie leiten. „Ich habe eine polnische Mitschwester, die mir hilft, aber als Sakristeischwester muss ich die Absprachen mit den Patres, die zur Messfeier kommen, treffen und auch bei der Liturgie immer mehr Aufgaben übernehmen. Da ist wieder das Sprachproblem.“ Stress ist auch für eine kontemplative Ordensfrau kein Fremdwort. Schwester Maria Virgo ist froh, dass der strenge Tagesablauf zum Innehalten zwingt. „Die Gebetszeiten stehen fest wie Felsblöcke, die uns retten. Bei all der vielen Arbeit, die manchmal drückt, weiß ich: Ich darf jetzt dieses Muss erfüllen!“ Der Tag der Rosa Schwestern beginnt um viertel vor fünf mit der Laudes, und er endet mit der Komplet um viertel vor acht. Dazwischen wird gegessen und gearbeitet, vor allem aber: gebetet. Sieben gemeinsame Gebetszeiten, in denen sich alle Schwestern in der Kapelle versammeln, dazu Zeit für das eigene Meditieren und Lesen.

Schwester Maria Virgo ist für den Garten und die Schreibarbeiten zuständig© Heinz Hlef SVD
Schwester Maria Virgo ist für den Garten und die Schreibarbeiten zuständig

Das Gebet endet nie
Eine halbe Stunde lang betet Schwester Maria Virgo täglich vor dem Allerheiligsten, auch das eine Gründungsidee von Arnold Janssen. Tag und Nacht sollten zwei Schwestern vor dem Allerheiligsten knien und so eine Gebetskette bilden, die 24 Stunden lang nicht reißt. Doch in Steyl bleiben nachts die Kniebänke auch mal leer: Die Gesundheit und das Alter der Schwestern machen manchen Kompromiss nötig. „Aber was bei uns nicht mehr geht, führen andere fort. Irgendwo geht es immer weiter, das Gebet endet nie. Das ist ein Vorteil dieser Internationalität.“

Die ständige eucharistische Anbetung war eines der Elemente, die sie mit 26 Jahren ins Kloster der Rosa Schwestern zog. Schon als Kind faszinierte sie das Allerheiligste, schon mit sechs Jahren ging sie zur Erstkommunion. Dass sie in einem Orden ihren Platz fürs Leben finden würde, ahnte sie, als sie einen Steyler Frater kennenlernte, der in ihrer Pfarrgemeinde ein Praktikum machte. Und als sie nach dem Studium bei den Anbetungsschwestern in der Kapelle stand, vor dem Allerheiligsten, da wusste sie: „Das ist es, was ich immer gesucht habe, ohne es zu wissen.“

Kein Tag der offenen Tür
Was hinter den mächtigen, 100 Jahre alten Klostermauern vor sich geht, bleibt neugierigen Augen verborgen. Einen Tag der Offenen Tür gibt es auch zum Jubiläum nicht. Den Schwestern ist die Stille und Abgeschiedenheit lieb und wichtig. „Wir wollen nicht von allem möglichen Geplärre, von jeder Reklame überwältigt werden“, sagt Schwester Maria Virgo bestimmt. „Wenn ich mal rausgehen muss, zum Arzt zum Beispiel, dann denke ich oft: Himmel, was ist das für ein Getöse! Nirgends mehr Stille!“ Sie findet das nicht mehr menschengerecht. „Ist dieses Überall-Hinmüssen, dieses ständig Kontrolliert-werden gut? Ist es nicht angenehmer, so zu leben, wie wir es tun?“

Weltweit gibt es noch 335 Rosa Schwestern© Heinz Helf SVD
Weltweit gibt es noch 335 Rosa Schwestern

Treue zu den Schwestern
Nach mehr als 30 Jahren ist sie sich immer noch sicher, dass sie zu dieser Gemeinschaft gehören will, die keine WG ist, keine Arbeitsgemeinschaft und kein Club der Gleichgesinnten. „Bei aller Verschiedenheit sind wir eine schwesterliche Gemeinschaft. Wir haben auch Konflikte, aber wir versöhnen uns sehr schnell.“ Die Treue ist ihr wichtig, die Treue zu den Schwestern, zu ihrem Versprechen und zu Gott, vor dessen Angesicht sie immer stehe. „Der Weg ist schwer und schön“, sagt Schwester Maria Virgo, und dass sie sich nichts vorstellen kann, wo sie glücklicher wäre als hinter diesen Gittern.

Dann springt sie auf, es ist Zeit zum Gebet für all die Anliegen, die Menschen ihr übergeben haben. „Ich muss jetzt beten“, sagt sie und lacht wieder, weil das Muss so viel Freude macht. Dann ist sie fort, mit schnellen Schritten und wehendem Schleier. In das Empfangszimmer fällt wieder die tiefe Stille, die die Schwestern so sehr schätzen. „Werd bloß keine komische Heilige“, hatte der Bruder sie gemahnt. Eine Heilige? Wohl eher nicht. Und komisch? Ganz bestimmt nicht!

Christina Brunner

Juli 2014

Lesen Sie hier "Die Stille ist für viele Menschen attraktiv", eine weitere Geschichte von den Rosa Schwestern aus Steyl.

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Leser-Kommentare

  • Gerda
    04.02.2017 23:24 Uhr

    Liebe Schwestern,

    bitte betet für mein Bruder, Serdar Kurt (42 Jahre).

    Er hat ein schweres Schädel-Hirn-Trauma erlitten.

    Gott segne Euch!

  • Simone Schwarz
    31.08.2016 11:45 Uhr

    Grüß Gott,
    bitte beten SIe für meine jungfräuliche Berufung. Gerne möchte ich wieder Schwester werden, möge das Jahr der Barmherzigkeit mir eine offene Tür schenken.

    Vergelt´s Gott,
    Frau Schwarz

  • Günter Neumayer
    04.01.2015 17:28 Uhr

    Bitte beten sie das ich mehr zu
    Gott finde

 
 

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Weltweit beten

1896 gründete der Steyler Ordensstifter Arnold Janssen die Kongregation „Dienerinnen des Heiligen Geistes von der Ewigen Anbetung“, wegen ihres Ordensgewands auch „Rosa Schwestern“ genannt. Im August 1914 zogen 56 Schwestern in das große Heilig-Geist-Kloster in Steyl. Heute leben in Europa 61 Anbetungsschwestern in sechs Gemeinschaften, weltweit beten 335 Rosa Schwestern in 22 Klöstern.

Sehen Sier hier ein Video über die Rosa Schwestern

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