Glauben

Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit

Wir leben in einer Gesellschaft, die uns einreden will, dass wir in unserem Leben immer jung und schön sein müssen und wir darum zwar alt werden, aber nie alt sein dürfen. Schon von Kindesbeinen an bekommen wir ebenso beigebracht, dass es nur die Starken und Klugen zu etwas bringen und wir daher am besten keine Schwäche in der Öffentlichkeit zeigen dürfen. Gottes Kraft und Herrlichkeit hingegen liegen genau darin, den schwachen und kranken Mensch zu lieben

Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit© Alyona Leonovich
Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit

Die Generation meiner Eltern hielten den abschließenden Lobpreis des Vaterunsers, den die ältesten biblischen Texte tatsächlich nicht kennen, für „typisch protestantisch“, weil er damals nur von ihnen gebetet wurde, während die frommen Katholiken nach der letzten Bitte „und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von den Bösen“ gleich das „Amen“ sprachen. Wie es dazu kam? Nun, ein derartiger Gebetsschluss, wie ihn die Evangelien überliefern, schien schon den Christen im zweiten Jahrhundert schlichtweg zu abrupt, weshalb sie den Lobpreis „denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.“ mündlich hinzufügten.

Diese Art von kurzen Lobpreisungen war in der Liturgie damals sehr wohl üblich. So hielt sich diese Tradition über Jahrhunderte hinweg und wurde auch von evangelischen Christen übernommen und stets gepflegt, zumal fromme Bibelabschreiber ihn – in der festen Überzeugung, er gehöre zum ursprünglichen Gebet des Herrn dazu – irgendwann einmal sogar auch in ihre Bibeln hinzufügten. Als dann später das griechische Neue Testament ins Lateinische übersetzt wurde, griff man auf alte Bibeln zurück, in denen dieser Lobpreis fehlte. So kam es, dass die lateinische Kirche seither diesen Lobpreis auch im Gottesdienst wegließ. Erst viel später, im Zuge der ökumenischen Revision des Vaterunsers, übernahmen schließlich auch katholische Christen den abschließenden Lobpreis.

Gottes Herrlichkeit ist unermesslich
Das Problem des Lobpreises am Ende des Vaterunseres liegt aber nicht in der Kirchengeschichte begründet, sondern vielmehr in seinen Aussagen. „Reich“, „Kraft“ und „Herrlichkeit“: Das sind nämlich Begriffe, die bei uns heutigen Menschen innere Bilder von „Erfolg“, „Stärke“ und „Schönheit“ auslösen mögen. Vielleicht denken wir an die politische Überlegenheit mancher Staaten, an die eigene Muskelkraft oder auch an das manchmal unfaire Durchsetzungsvermögen des Kollegen am Arbeitsplatz. Ja, dieser letzte Teil des Vaterunsers ist ein großer Lobpreis an Gottes Kraft und Herrlichkeit. Wer die ganze Bibel gelesen hat, weiß allerdings: Gott denkt anders als wir Menschen und seine Wege mit uns entsprechen nicht immer unseren Vorstellungen. Auch Gottes Kraft und Herrlichkeit können wir daher nicht einfach nach menschlichen Maßstäben ermessen. Gerade bei so ausdrucksstarken Worten, wie sie in diesem Lobpreis benutzt werden, gilt es genauer hinzuschauen. 

Die Welt mit Gottes Augen sehen
Denn es geht der Bibel bei dem Begriff „Kraft“ in erster Linie eben nicht um einen durchtrainierten Bizeps, der kräftig zuschlagen kann, sondern vielmehr um eine Kraft, die Leben schützt und Hoffnung weckt. Ähnlich ist mit „Herrlichkeit“ in der Bibel nicht so sehr das Imponiergehabe meiner Chefin gemeint, sondern das, was Treue hervorbringt im Leben eines Menschen und wo Liebe wirkmächtig wird. Der Neutestamentler Hermann Josef Vennetz bemerkt in seiner Ausdeutung dieses Lobpreises daher wohl zu Recht: „Es ist ein Unterschied, ob wir Macht für uns in Anspruch nehmen, um anderen überlegen zu sein und die Natur auszunutzen, oder ob wir Gott allein die Macht zuerkennen und uns hineinnehmen lassen in seinen liebenden und befreienden Zug, der Mensch und Natur nicht unterdrücken und auch nicht sich aneignen, sondern zur Entfaltung bringen will.“ Wer das Vaterunser betet, der versucht, die Welt, in der er lebt, mit den Augen Gottes zu sehen. Der bemüht sich also darum, den destruktiven Kräften in sich nicht nachzugeben, sondern sich ganz auf Gottes Wirken einzulassen. „In dem letzten Lobpreis des Vaterunsers wenden sich die Beterinnen und Beter ab von todbringenden Mechanismen, Strukturen, Dogmen und Ideologien und verschreiben sich dem, was dem Leben aller Menschen dient“ meint Vennetz.

Noch ein letzter Gedanke scheint mir wichtig in Bezug auf den Schluss des Vatersunsers. In unserem Gebetsleben sind wir meist gut darin, ständig Gott um dieses oder jenes zu bitten. Manchmal klagen wir auch im Gebet, wenn sich unsere Wünsche, wie Gott zu handeln habe, nicht erfüllen. Vielleicht danken wir auch Gott ab und zu für das, was er uns schenkt. Aber wann haben wir ihn das letzte Mal gelobt? Genau darum geht es aber am Ende des Gebetes, das Jesus uns anvertraut hat: ihn zu loben für seine Kraft und seine Herrlichkeit. Denn Loben heißt, das Gute zu sehen, was Gott in meinem Leben und im Leben meines Mitmenschen bereits gewirkt hat.

Pater Norbert Cuypers SVD

September 2014

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Zur biblischen Zeit

Dein Wille geschehe: Das Vaterunser ist uns als Jesusgebet zweimal im Neuen Testament überliefert. Jedoch hat nur die Version bei Matthäus die Bitte um Erfüllung des Gotteswillens, bei Lukas suchen wir sie vergebens. Für Matthäus, den Lehrer und Katecheten, ist klar, dass der Name Gottes nur geheiligt werden und sein Reich nur kommen kann, wenn auch sein Wille erfüllt wird.
Wie im Himmel so auf Erden: Das ist sozusagen die Schnittstelle dieses Gebetes, die Hauptschlagader, durch die alles Menschliche mit göttlicher Kraft versorgt werden soll. In den ersten drei Bitten wird die Aufmerksamkeit des Menschen auf die Anliegen Gottes gelenkt, in den folgenden darf er um die eigenen Belange beten.  Ganz wie Jesus sagt: „Sorgt euch zuerst darum, dass ihr euch seiner Herrschaft unterstellt, und tut, was er verlangt, dann wird er euch schon mit all dem anderen versorgen.“ (Mt 6,33) Schon die Anrufung des Gebets machte deutlich, dass wir es mit einem Gott zu tun haben, der uns nah und vertraut sein will wie ein guter Vater. Diese Bitte im Vaterunser unterstreicht das Anliegen Gottes, dass das Göttliche menschlich werden soll und das Menschliche göttlich. Das hat sich wundervoll in der Menschwerdung in Jesus verwirklicht und will sich im Herzen eines jeden verwirklichen, der dieses Gebet spricht. Himmel und Erde werden sich vereinen, wo wir unsere Welt gestalten aus der Erfahrung von Gottes Liebe und Barmherzigkeit.

Pater Thomas Heck SVD

Foto-Projekt

Die Redaktion stadtgottes hat die Fotoklasse um Prof. Stefan Enders an der Fachhochschule Mainz beauftragt, sich fotografisch mit dem Vaterunser auseinanderzusetzen. Jeden Monat stellen wir Ihnen einen Studenten oder auch Absolventen dieser Fotoklasse vor, der zu der jeweiligen Textzeile seine eigene Interpretation erarbeitet hat.

Alyona Leonovich studiert Kommunikationsdesign an der Fachhochschule Mainz. Im 1. Semester endeckte sie für sich die analoge Fotografie. Zurzeit versucht sie sich im digitalen Bereich.