Interview

Die frühe Kirche hatte Diakoninnen

Schon seit einigen Jahren köchelt die Diskussion um die Einführung eines Frauendiakonates in der katholischen Kirche immer wieder hoch. Doch ist das theologisch überhaupt durchsetzbar? Ja, sagt Ulrike Göken-Huismann

Sie sitzt als Geistliche Begleiterin/Leiterin im Bundesvorstand der kfd (Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands) und setzt sich für ein gleichwertiges Diakonat der Frau ein. Die stadtgottes hat sich mit ihr über Chancen und Hürden für das Frauendiakonat unterhalten

Alle geweihten Ämter wurden erst im Laufe der Zeit zu geweihten Ämtern© Tobias Böcher
Alle geweihten Ämter wurden erst im Laufe der Zeit zu geweihten Ämtern

Frau Göken-Huismann, das Engagement von Ihnen und der kfd für das Frauendiakonat ist sehr bewundernswert, doch ganz realistisch betrachtet: Stehen Sie mit ihrem Anliegen nicht auf verlorenem Posten?
Das glaube ich nicht, denn Papst Franziskus hat die Tür einen Spalt weit geöffnet, und wenn er jetzt eine gut besetzte Kommission einberuft, habe ich die Hoffnung, dass es wirklich zu einem Frauendiakonat kommt.

Theologisch wird aber immer argumentiert, dass in der Folge von Jesus nur ein Mann diese geweihten Ämter begleiten darf.
Das stimmt nicht. Wenn man den exegetischen Befund überprüft, gibt es im Neuen Testament schon ganz klar eine Diakonin. Im 16. Kapitel des Römerbriefes wird Phöbe genannt, Diakonin der Gemeinde Kenchreä Wenn man dann die alte Kirche weiter untersucht und die kirchengeschichtlichen Befunde überprüft, ist völlig klar: Es hat in der alten Kirche die ersten tausend Jahre das Amt der Diakonin gegeben. Heute wird diskutiert, ob das ein sakramentales Amt war. Dazu muss gesagt werden, dass sich auch die anderen Ämter erst nach und nach zu sakramentalen Ämtern entwickelt haben. Wir haben ein Weihegebet – ein Ordinationsgebet für eine Diakonin aus dem 4. Jahrhundert – erhalten, also würde ich sagen, nach meinem theologischen Kenntnisstand müsste die Kommission, die in Rom einberufen werden soll und hoffentlich bald tagt, zu dem Ergebnis kommen: Es hat in der alten Kirche das Amt der Diakonin gegeben.

Wer sind die großen Widersacher in der Debatte, die Ihnen Steine in den Weg legen?
Ich glaube, es sind die Leute, die Angst vor Veränderungen haben, denn diese sind natürlich nicht einfach. Und es wäre schon eine große Veränderung für unsere katholische Kirche. Veränderungen bedeuten Unruhe, bedeuten Umtriebigkeit, bedeuten Arbeit.

Jetzt sind diese lauten Forderungen nach dem Frauendiakonat relativ neu. Kommen sie jetzt, weil sich die Frauen in den letzten Jahren allgemein mehr emanzipiert haben?
Das Kämpfen für das Frauendiakonat ist keine neue Bewegung. Schon die Würzburger Synode hat sich dafür eingesetzt. Das wurde von den deutschen Bischöfen 1981 selber niedergeschrieben und natürlich ist es so, dass nach dem zweiten Vatikanum die Bewegung für mehr Frauenverantwortung in unserer Kirche insgesamt immer stärker wurde. Genauso wie bei den Katholikentagen. Wir Frauen haben dieses Jahr den 40. Katholikentag begangen anstelle des 100. Wir dürfen nämlich erst seit 1921 aktiv dabei sein.

Sollten Frauen mehr Mitspracherecht in der katholischen Kirche bekommen? Nach dem derzeitigen katholischen Verständnis kommt eine Frau eher nicht in eine Position, in der sie grundlegende Entscheidungen bestimmen kann.
Frauen sollten an den Entscheidungsprozessen in unserer Kirche verantwortlich beteiligt werden. So würde ich das gerne formulieren. Und zwar dort, wo Frauen jetzt schon einbezogen werden und Ämter und Dienste übernehmen können. Das wird in Teilen ja heute schon getan, aber da ist auch noch Luft nach oben.

Es waren gerade die letzten Jahrzehnte, in denen eine große Emanzipation stattfand. Diese hält nach wie vor an. Ist das auch im kirchlichen Bereich spürbar?
Ich empfinde Frauen im Moment als ungeduldiger – die Frauen, die noch in der Kirche sind. Es sind ja leider schon sehr viele gegangen. Gerade die jüngeren Frauen sagen einfach: „Nein, so nicht!“
Ende April haben wir in Münster den Tag der Diakonin gefeiert – mit einer zentralen Veranstaltung in der Petrikirche und die Kirche war komplett gefüllt. Es waren viele Frauen da, und ich habe gespürt, mit welcher Intensität die Frauen dafür gebetet und gesungen haben, dass Frauen zum Diakonat zugelassen werden.

Aber was erhofft man sich letztendlich von einem Frauendiakonat?
Dass das Gesicht der Kirche diakonischer wird und dass das, was wir Frauen sowieso schon tun, auch mit dem entsprechenden Amt ausgestattet wird.

Wäre das Frauendiakonat dann dem Diakonat des Mannes gleich gestellt oder wäre das eine Art „Diakon light“?
Wir kfd-Frauen möchten nicht das „Diakonat light“, sondern wir möchten das gleiche, ständige Diakonat, das es für Männer gibt. Eine sakramentale Weihe.

Was rufen Sie denjenigen zu, die sich der Idee nach wie vor verschließen?
Wenn wir schauen, wie die Realität in den Gemeinden unserer Kirche ist, dann ist es so, dass die Frauen die diakonische Arbeit in weiten Teilen sowieso erledigen. Kranke besuchen, Sterbende begleiten, Flüchtlingen helfen, Kleiderkammern organisieren, Tafeln unterhalten… Ich könnte unendlich weiter aufzählen. Der Anteil der Frauen in diesen Diensten ist groß.

Wie sieht es mit dem Anteil der Frauen in den Pfarrgemeinderäten aus?
Diese werden ja mittlerweile unterschiedlich bezeichnet. Bei uns im Bistum sind es z.B. Pfarreiräte. In der Regel ist der Anteil der Frauen höher als der der Männer, und in den Kirchenvorständen ist es leider oft das Gegenteil. Also bei der Finanzhoheit ist es eher so, dass es nur ein oder zwei Quotenfrauen gibt.
Vielen Dank für das Interview.

Tobias Böcher

Februar 2017

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Leser-Kommentare

  • Pfarrer Klaus Meyer
    24.01.2017 20:34 Uhr

    Sehr geehrte Damen und Herren der Zeitschrift "Stadt Gottes"
    Ich bin ein wenig enttäuscht, dass Sie obiges Interview in Ihrer Zeitschrift, die ich schon lange kenne, abgedruckt haben.
    Über einen sakramentalen Diakonat von Frauen kann man diskutieren. Papst Franziskus hat diese Studie in Auftrag gegeben im Rahmen einer Audienz mit amerikanischen Ordensschwestern, es war etwas spontan, die Diskussion geht schon länger.
    Was bei mir tiefere Fragen offen läst ist die Aussage, dass "sich auch die anderen Ämter erst nach und nach zu sakramentalen Ämtern entwickelt haben". Gab es eine Zeit ohne sakramentales Amt? Ist nicht das sakramentale Amt eine innerkirchlich-konstitutive Wirklichkeit, um die Verbindung mit dem Urprung, d.h. die Apostolizität der Kirche, aufrechtzuerhalten? Schon in neutestamentlicher Zeit ist von Handauflegung und Gebet die Rede und Ignatius von Aniochien (+ um 115) spricht bereis vom dreistufigen Amt. Verstehen Sie mich richtig: "sakramentales Amt" ist für mich nichts Höheres, sondern ein von JESUS eingerichtetes Konstitutivum seiner Kirche. Die einzige Stufe, um "höherzukommen" in unserer Kirche ist die Heiligkeit, und da sind wir alle, allgemeines und besonderes Priestertum auf dem Weg.

 
 

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