Das Gespräch

Manchmal kann auch die Bibel nicht helfen

Dieses Jahr zieht sich der Bundestagsabgeordnete der CDU, Wolfgang Bosbach, aus gesundheit­lichen Gründen aus der Politik zurück. Wir sprachen mit ihm über seinen Glauben, den Umgang mit Nieder­lagen und seine Zukunftspläne

Die einen lieben ihn, die anderen freuen sich über seinen Abgang. Wolfgang Bosbach ist ein Politiker der polarisiert© Achim Hehn
Die einen lieben ihn, die anderen freuen sich über seinen Abgang. Wolfgang Bosbach ist ein Politiker der polarisiert

Im politischen Alltag mussten Sie einige Niederlagen und Enttäuschungen einstecken. Wie gehen Sie privat mit Enttäuschungen um?
Nur Siege und Erfolge kann man wohl in keinem Beruf feiern, auch nicht in der Politik. Ich versuche aus Niederlagen zu lernen und daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen. Beispiel: 2005 hatte ich die Hoffnung, Bundesinnenminister werden zu können. Diese Hoffnung hat sich nicht erfüllt. Natürlich war ich im ersten Moment enttäuscht. Meine Mutter hat damals nur gesagt: „Junge, wer weiß, wofür das gut ist!“ – und diesen Satz habe ich mir in den letzten Jahren öfter gesagt.

Lesen Sie regelmäßig in der Bibel?
Ja, und zwar schon deshalb, weil ich pro Jahr knapp 200 Mal in Hotels übernachte. Fast immer gibt es dort in der Nachttischschublade eine Bibel, und die kurze Zeit bis zum Einschlafen nutze ich gerne, um darin zu lesen.

Sie haben mit Gott gehadert, nicht aber mit dem Krebs. Hat der Glaube Ihnen in dieser schwierigen Zeit dennoch immer Halt gegeben?
In der Tat hadert man bei einer solchen Diagnose mit dem lieben Gott und fragt sich: Womit hast du das verdient? Aber schon in der nächsten Minute findet man Trost und Kraft im Glauben. Insbesondere in dem wunderschönen Satz: „Du kannst nie tiefer fallen als in Gottes Hand.“ Aber auch deshalb, weil die Botschaft von Jesus Christus keine traurige, sondern eine frohe Botschaft ist. Es mag sich paradox anhören, aber es ist so. In dem einen Moment hadert man mit Gott, im nächsten Moment sucht man Kraft, Hoffnung und Zuversicht im christlichen Glauben.

Religion hat in Ihrem Elternhaus eine große Rolle gespielt.

Schon deshalb, weil mein Vater katholisch war, meine Mutter ist evangelisch. Als meine Mutter einen Katholiken geheiratet hat, waren ihre Eltern nicht gerade begeistert, und das ist eine vorsichtige Untertreibung. Meine Eltern waren 67 Jahre verheiratet, und in diesen Jahrzehnten ist meine Mutter immer mit dem Papa in den katholischen Gottesdienst gegangen und mein Vater mit Mama in den evangelischen. Wir Kinder sind katholisch erzogen worden, und mein Vater hat dazu oft gesagt: „Katholischer zu erziehen, als meine evangelische Frau das getan hat, wäre mir auch nicht möglich gewesen.“

Wie stehen Sie zur Ökumene?
Bei mir zu Hause ist das seit Jahrzehnten selbstverständliche Realität. Der Altenberger Dom ist nicht nur geografisch, sondern auch spirituell der Mittelpunkt des Rheinisch-Bergischen Kreises. Er wird von den beiden großen christlichen Kirchen genutzt, hier werden sowohl katholische als auch evangelische Gottesdienste abgehalten. Von Kindesbeinen an war Ökumene für mich deshalb ganz selbstverständlich.

Wolfgang Bosbach© Achim Hehn

Wie viel Christ sollte in einem CDU-Politiker stecken?
Auftrag und Ziel der Union ist es, auf der Basis des christlichen Menschenbildes Politik zu machen. Dies ist nur möglich, wenn man das christliche Menschenbild kennt und Politik aus christlicher Überzeugung macht.

Wie leben Sie Ihren Glauben im politischen Alltag?
Der christliche Glaube kann nicht nur im Privatleben Orientierung und Halt geben. Auch für die politische Arbeit kann er Maßstäbe setzen, Wegweiser sein. Aber es gibt natürlich auch viele politische Fragen, da kann man sich beim besten Willen nicht an der Bibel orientieren. Ob der Spitzensteuersatz bei 43 oder 45 Prozent liegt, und ab welchem Einkommen er greift, ist eine wichtige steuerpolitische Frage, aber bei der Beantwortung der Frage kann die Bibel wenig helfen. Ganz anders bei bioethischen Fragen, bei Fragen des Lebensschutzes.

Wie wichtig ist die christliche Wertevermittlung in der heutigen Zeit?
Wir erleben leider seit vielen Jahren, dass die Bindungswirkung großer gesellschaftlicher Organisationen nachlässt. Das gilt nicht nur für Parteien, das gilt auch für die Gewerkschaften und die großen Kirchen. Alte Gewissheiten verlieren an Bedeutung oder verändern sich. Gerade in einer solchen Zeit des Umbruchs bekommt die Wertevermittlung eine neue, größere Bedeutung. Es gibt Werte, die ihre Bedeutung über allen gesellschaftlichen Wandel hinaus behalten sollen. Das urchristliche Gebot der Nächstenliebe ist hierfür ein gutes Beispiel.

Haben Sie denn den Eindruck, dass die Werte an Bedeutung verlieren?
Ich bin angenehm überrascht, wie wichtig nicht nur unseren Kindern und deren Freunden die Achtung von Werten ist, beispielsweise Respekt vor und Toleranz gegenüber Menschen anderer Herkunft, Hautfarbe oder Religion. Ich habe nicht das Gefühl, dass wir flächendeckend unter einem dramatischen Werteverlust leiden, obwohl wir oft beklagen, dass wir den Weg von einer solidarischen Gesellschaft hin zur Ellbogengesellschaft immer konsequenter fortsetzen. Wer darüber klagt, sollte nicht sofort mit dem Finger auf „die Politik“ zeigen, sondern darüber nachdenken, dass Erziehung und Wertevermittlung in erster Linie Aufgabe des Elternhauses ist. Erst dann kommen andere Institutionen wie zum Beispiel die Schule. Dort geht es ja nicht nur um Lehren und Lernen, auch um eine gute Erziehung im besten Sinne des Wortes.

Welche positiven Beispiele für eine solidarische Bewegung fallen Ihnen da spontan ein?
In der Flüchtlingskrise haben wir erlebt, dass es auch noch in diesen Zeiten ein überwältigendes, solidarisches bürgerschaftliches Engagement gibt. Bei dem sympathischen Satz „Wir schaffen das“ müsste man mal genauer nachfragen, wer „wir“ sein soll. Wenn „wir“ nicht dieses beeindruckende, zehntausendfache ehrenamtliche Engagement gehabt hätten, besonders auch in den Kirchengemeinden, wären sämtliche staatliche Instanzen, die von Amts wegen mit der Aufnahme und Betreuung von Flüchtlingen betraut sind, hoffnungslos überfordert gewesen. Bei allen Problemen ist das eigentlich eine schöne Erfahrung. In der größten Not werden die besten Eigenschaften von uns Menschen sichtbar. Die Menschen sehen die Not und sind bereit, mehr zu tun als nur ihre Pflicht. Das haben wir in den letzten Jahren auch bei der Bewältigung von Naturkatastrophen erlebt, so bei der Oderflut und ihren Folgen. Auch damals haben viele Menschen geholfen, ohne dass sie hierzu verpflichtet gewesen wären. Da war von einer Ellbogengesellschaft nichts zu sehen, dafür umso mehr von einer beeindruckenden Soldidarität.

Wofür sind Sie dankbar?
Ich bin meinen Eltern auch heute noch dafür grenzenlos dankbar, dass sie meiner Schwester und mir eine in jeder Hinsicht unbeschwerte Kindheit und Jugend geschenkt haben. Wir kommen nicht aus einem wohlhabenden Elternhaus, aber uns Kindern hat es nie an irgendetwas gefehlt.

Worauf freuen Sie sich nach Beendigung Ihrer politischen Karriere?
Auf mehr Zeit für meine Familie und Freunde. Es gibt noch viele Orte auf der Welt, die ich unbedingt einmal sehen möchte. Jeder, der aus dem Oman zurückkehrt, ist von der Vielfältigkeit und Schönheit des Landes fasziniert. Den Oman würde ich gerne einmal kennenlernen. Außerdem muss ich unbedingt noch einmal über den berühmten Highway No.  1 in Kalifornien fahren – und zwar von Nord nach Süd, denn in dieser Richtung hat man die spektakulärsten Ausblicke auf den Ozean.

Die Freude ist also groß?
Na ja, bei dem Gedanken an die letzte Ausschusssitzung, die letzte Fraktionssitzung, die letzte Plenarsitzung habe ich schon gemischte Gefühle. Mit Sicherheit wird mir die aktive politische Arbeit fehlen, denn ich habe sie ja sehr lange und sehr gerne gemacht. Auf der anderen Seite habe ich in einem Jahr die Chance, mein Leben freier zu gestalten, als das in den letzten 23 Jahren möglich war.

Melanie Fox

Februar 2017

Facebook Like aktivieren
 

Artikel kommentieren

 

Leser-Kommentare

  • Rudolf Eisath
    21.02.2017 02:19 Uhr

    Der Herr Bosbach ist eine wohltuende Erscheinung im deutschen Politikbetrieb gewesen. Wir,meine Frau und ich, haben uns immer gefreut, ihn im Fernsehen zu sehen und vor allem ihn zu hören. Wir hatten dabei nie den Eindruck, dass Herr Bosbach sich je verbogen oder Floskeln benutzt hätte. Danke dafür!

 
 

Weitere Themen

Bisherige Beiträge / Das Gespräch

  • Macht das Wohnen billiger!

    In Ballungsgebieten explodieren die Mieten, 14 Euro pro Quadratmeter sind in München normal. Wird für Rentner Wohnen unerschwinglich? Darüber sprach stadtgottes-Chefredakteur Albert Herchenbach mit dem Bundesdirektor des Deutschen Mieterbunds Lukas Siebenkotten

     
  • Den Dopingsündern auf der Spur

    Seit 20 Jahren recherchiert Hajo Seppelt Doping im Spitzensport. Ende 2015 wurde sein Dokumentationsfilm „Geheimsache Doping – Im Schattenreich der Leichtathletik“ in der ARD ausgestrahlt. Daraufhin wurde Russland von den kommenden Olympischen Spielen suspendiert

     
  •