Steyler Welt

Das Kinderparadies von Königsberg

Die Kleinen im Kinderhaus von Kaliningrad, früher Königsberg, haben es nicht leicht: Ihre Eltern kamen illegal nach Russland, sie leben in engen, unbeheizten Wohnungen und sind oft unterernährt und krank. Bei der katholischen Kirche finden sie ein Zuhause

Die vierjährige Tanja (rechts) genießt es, mit ihren Freunden  Tjoma und Wowa um die Wette  zu fahren. Das Kinderhaus ist dank der Spenden aus Deutschland  gut ausgestattet © Christina Brunner
Die vierjährige Tanja (rechts) genießt es, mit ihren Freunden Tjoma und Wowa um die Wette zu fahren. Das Kinderhaus ist dank der Spenden aus Deutschland gut ausgestattet

Tanja weiß ganz genau, wie niedlich sie ist. Keck schauen ihre fröhlichen Augen aus der Kapuze heraus. Schnell dreht die Vierjährige eine Runde mit dem Dreirad bei ihren Freundinnen vorbei, die eifrig mit Schaufeln und Eimer in der Erde bohren und stellt sich dann wieder in Positur: Noch ein Foto vielleicht? Für solchen Kinderkram hat Arthur keine Zeit. Den Pinsel fest in der Hand, koloriert er die Vorlage, die die Erzieherin ihm hingelegt hat. Bloß nicht rausmalen! Schließlich ist er schon sechs und geht bald zur Schule, da muss man lernen, sich zu konzentrieren. Tanja und Arthur sind Kinder wie alle anderen auch. Aber nur hier – im katholischen Kindergarten Kosmodamianskoe in Kaliningrad. Denn wenn sie aus der Tür des Kinderhauses gehen, holt der Alltag sie ein. Und der ist bitter.

„Unsere Kinder kommen aus schwierigen Familienverhältnissen“, sagt Natalja Schachovitsch, die Leiterin. „Ihre Eltern sind arm, sie haben keine Arbeit, manchmal trinkt ein Elternteil.“ Zwar gibt es staatliche Hilfe für Kinder in Not, doch oft reicht das Geld eben nur für Wodka und nicht für winterfeste Schuhe. Alkoholismus ist ein großes Problem in Russland: Mit 15 Litern reinen Alkohols pro Kopf erreicht das Land traurige Spitzenwerte. Jeder zweite Todesfall bei Männern zwischen 15 und 54 Jahren geht aufs Trinken zurück.

Illegale haben es schwer
Viele Familien aus dem katholischen Kindergarten und -hort sind illegal im Land. Sie kommen aus Armenien, Usbekistan, Kirgisien, Kasachstan – Staaten, in denen die wirtschaftliche Lage katastrophal schlecht ist. Sieben Millionen Gastarbeiter aus Zentral­asien sollen angeblich in Russland arbeiten. Wegen der schlechten wirtschaftlichen Lage werden inzwischen viele, die keinen festen Arbeitsplatz und ausreichende Sprachkenntnisse haben, ausgewiesen.

Auch in Kaliningrad suchen Menschen verzweifelt nach einem besseren Leben für sich und ihre Kinder. Doch wer illegal kommt, hat schlechte Karten. Weil sie nicht registriert sind, gibt es für die Familien keine Schule und keinen Kindergartenplatz. Oft nicht mal eine Wohnung. Illegale und alleinerziehende Mütter hausen ohne Mietvertrag in den Datschen, den typischen Sommerhäuschen der Russen, die im Winter feucht und kalt sind. „Unsere Kinder sind oft krank“, weiß Natalja Schachovitsch. „Wir sorgen dafür, dass sie ordentliche Kleidung bekommen, Schuhe für den Winter, Mützen und Handschuhe.“

Ina, eine der Erziehe­rinnen, zeigt den Kindern, wie sie mit den Malvorlagen arbeiten sollen. Stifte und Pinsel richtig zu halten ist eine wichtige Vorbereitung für die Schule© Christina Brunner
Ina, eine der Erziehe­rinnen, zeigt den Kindern, wie sie mit den Malvorlagen arbeiten sollen. Stifte und Pinsel richtig zu halten ist eine wichtige Vorbereitung für die Schule

Tanjas hübsche Mütze kam mit einem Spenden-Konvoi aus Deutschland, auch Arthurs blauer Pullover war dabei. Die Pinsel hat Theodor Große-Starmann mitgebracht. Der 75-Jährige aus dem westfälischen Alfhausen hat das Kinderhaus mit aufgebaut und sitzt im Vorstand des russischen Trägervereins. „Es ist für mich immer eine Riesenfreude, wenn ich sehe, wie die Kinder hier aufleben. Am Anfang sind sie blass und schüchtern, kennen nur das Leben in winzigen Ein-Zimmer-Wohnungen oder kalten Datschen. Wir müssen uns um diese Kinder kümmern, denn Kinder sind immer die Leidtragenden!“
Doch Theodor Große-Starmann und seine Mitstreiter im Verein Königsberghilfe sind alt, und sie wissen: Wenn Tanja, Arthur und die anderen eine Chance haben sollen, muss das Projekt gut aufgestellt werden. In Deutschland sorgt die Caritas Osnabrück für die nötige Unterstützung. In Kaliningrad werden die Steyler Missionare den Kindergarten bald übernehmen und dafür sorgen, dass alle Spenden bei den Kindern ankommen und alle Vorschriften des russischen Staates eingehalten werden.

Es kostet nichts
Für Pater Jerzy Jagodzinski ist der Kindergarten von Kosmodamianskoe ein gutes Beispiel dafür, wo sich die Steyler einsetzen sollen. Denn die Kaliningrader Stadtverwaltung verkündet zwar stolz, dass es für alle Kinder einen Kindergartenplatz gibt, doch die Realität sieht anders aus. Private Kindergärten können sich nur die Reichen leisten. In den staatlichen Einrichtungen gibt es Musikerziehung und Logopädie, Frühförderung und Schulvorbereitung, doch für alles müssen die Eltern extra zahlen. „Unser Kindergarten kann nicht so viel anbieten, weil wir die Mittel einfach nicht haben“, sagt Natalja Schachovitsch. „Aber auch bei uns lernen die Kinder, wie man mit der Schere umgeht und den Stift halten muss. Wir haben sogar einen Musiklehrer, der zwei Mal in der Woche kommt. Und bei uns kostet das alles nichts!“ Wenn mittags die Schulkinder kommen, um im Hort ihre Schulaufgaben zu erledigen, freuen sie sich nicht nur auf warme und saubere Räume zum Spielen und Lernen, sondern auch auf das gesunde Essen aus der eigenen Küche.

Der Steyler Missionar Jerzy Jagodzinzki berät sich regelmäßig mit der Kindergartenleiterin Natalja Schachowitsch© Christina Brunner
Der Steyler Missionar Jerzy Jagodzinzki berät sich regelmäßig mit der Kindergartenleiterin Natalja Schachowitsch

Gewalt ist tabu
Besonders stolz sind Natalja Schachovitsch und ihre sechs Erzieherinnen auf ihr pädagogisches Konzept. Die Kinder sollen vor allem den sozialen Umgang miteinander lernen. Gewalt ist tabu, vor dem Essen wird gebetet, und selbst die Kleinsten lernen schon, die Serviette neben ihrem Teller auch zu benutzen. „Die Kinder fühlen sich bei uns schnell wohl“, weiß Ina, eine der Erzieherinnen. Und die Eltern sehen den Unterschied zu den staatlichen Kindergärten: „Es kommt vor, dass auch reiche Familien ihre Kinder bei uns unterbringen wollen, aber da müssen wir sie leider enttäuschen!“, betont die Kindergartenleiterin. Elternarbeit gehört wie im Westen zum Erfolgskonzept dazu: Ganz egal, wie schwer die Mütter und Väter aus Zentralasiens Armenhäusern es im Alltag haben: Sie kommen zum Laternenbasteln und für Theateraufführungen, sie feiern Ostern und Weihnachten mit ihrem Nachwuchs – und so manches warme Kleidungsstück für Vater oder Oma hat der katholische Kindergarten dann sogar auch.

Christina Brunner

März 2017

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Leser-Kommentare

  • Christina Brunner
    16.03.2017 14:03 Uhr

    Weil Leser schon nachgefragt haben, wie sie helfen können, hier gibt es nähere Informationen und auch eine Bankverbindung:
    http://www.hilfe-koenigsberg.com

 
 

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