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Ich lebe allein auf einer Hallig

Die 50-Jährige hat sich einen Jugendtraum erfüllt und ist ein "neuer" Mensch geworden.

Rundherum nur Wasser, eine Mini-Insel und ihr Hund: Angie Werner ist glücklich in der Einsamkeit© Micus
Rundherum nur Wasser, eine Mini-Insel und ihr Hund: Angie Werner ist glücklich in der Einsamkeit

Am schönsten ist es frühmorgens. Dann hört man nur den Wind und das Kreischen der Vögel, und auf dem ‚Diek‘ aalen sich bei stürmischer See die jungen Robben!“, schwärmt Angie Weiner. Vor dreieinhalb Jahren hat die gelernte Werbekauffrau ihre Heimatstadt Mainz verlassen und ist auf eine winzige Hallig ins Wattenmeer gezogen, knapp 40 Kilometer von der Küste entfernt. Ihre neue Heimat lässt sich zu Fuß gemütlich in vier Stunden umwandern. Es gibt sechs Restaurants, ein Hallig-Café, einen Tante-Emma-Laden, zwei Souvenirläden, ein Sturmflutkino, eine Kirche und ganz viel Natur. Rund 100 Menschen leben hier mit ihr, dazu kommen im Laufe eines Jahres 55 000 Feriengäste und noch 90 000 Tagesausflügler.

Sie träumt vom Norden
Angie hat sich mit ihrem Umzug einen Jugendtraum erfüllt. Als Kind verbrachte sie mit ihren Eltern regelmäßig Ferien an der Nordsee. Der salzige Geruch des Meeres, das Gefühl vom glitschigen Schlick zwischen den Zehen und die „steife Brise“, die einem ins Gesicht bläst, all das ist ihr immer in Erinnerung geblieben. Schon damals sagte sie oft: „Hier möchte ich für immer wohnen.“ Doch ihr Leben geht erst einmal anders weiter. Angie macht ihre Ausbildung, wird später noch Lehrerin und Theaterpädagogin, heiratet, bekommt zwei Kinder. Das Leben in Mainz gefällt ihr nicht wirklich. Der Trubel, die Bars, die Geschäfte. Eigentlich mag sie das alles gar nicht. Aber ihr Mann, ein Journalist, hat seinen Arbeitsplatz in der Region. Die Kinder gehen hier zur Schule, später wird ihre Mutter krank und braucht ihre Pflege. Alles Zwänge, denen sie sich klaglos fügt. Sie kann unmöglich weg. Aber zwischendurch schmeckt sie Salz, fühlt den Wind im Gesicht und träumt sich in den Norden, in die Ruhe, die Natur, ans Meer.

Als 2011 ihre Mutter stirbt, spürt Angie die Vergänglichkeit besonders deutlich. Damals denkt sie: jetzt oder nie. „Meine Wünsche wurden konkret. Ich habe mir im Internet Häuser angesehen und ernsthaft überlegt, ob ich hochziehen soll – für immer.“ Ihre Kinder schütteln den Kopf. Ihr Mann sagt ‚warum nicht‘ und plant zu pendeln. Es kann also losgehen. Und dann entdeckt sie ausgerechnet auf einer Hallig ihr Traumhaus. Ein roter Klinkerbau mit vier Ferienwohnungen und einem fantastischen Fernblick auf die Küste. Aber will sie so viel Meer und so viel Ruhe? Angie nimmt sich Zeit. Was sie genau erwartet, liest sie sich an. Im Gegensatz zu einer Insel wird eine Hallig regelmäßig im Jahr von „Land unter“ betroffen. Deshalb sind die Häuser auf aufgeschütteten Erdhügeln gebaut, sogenannten Warften. Zehn Warften gibt es auf Hooge, auf einer steht dieser rote Klinkerbau, das „Fischerhaus“. Eine echte Rarität, denn nur sehr selten kommt ein Hallighaus zum Verkauf. Der erste Besuch bringt die Entscheidung. „Vom Wohnzimmer aus konnte ich bis zum Horizont übers Meer sehen, ich sah Pellworm und große Segelboote“, erinnert sie sich. Sie saugt die frische Luft ein und weiß sofort: Das wird meine neue Heimat sein. Angie und ihr Mann kaufen das Haus. Sie gibt dafür sogar ihr Elternhaus in Mainz auf. Ihr Plan: Sie möchte die Ferienwohnungen vermieten, mit den Einnahmen ein freies Leben in der Natur führen. Ihr Mann wird an den Wochenenden da sein.

Die Stille ist beeindruckend
Im Frühjahr 2012 kommt sie mit dem Fährschiff „Hilligenlei“ von Schlüttsiel aus im Hallighafen an und fühlt sich vom ersten Moment an zu Hause. Die Einheimischen empfangen sie mit offenen Armen. Einsamkeit gibt’s nicht. „Auf einer Warft leben zehn bis 15 Menschen. Jeder weiß alles, man hält zusammen. So viel Gemeinschaft macht stark. Ich mag das sehr“, so Angie. Um auf der Insel überleben zu können, muss sie mehr und härter arbeiten als auf dem Festland – aber in neuer Freiheit. Und sie packt an. Sie bringt das Haus in Ordnung, kümmert sich um ihre Gäste, putzt und wäscht für sie und hat schon nach einem Jahr das Gefühl, dass sich das Innerste nach außen krempelt. „Die Hallig macht etwas mit einem“, so Angie. Die Stille, der Wind, die beeindruckende Natur, man wird hier oben ein anderer Mensch.“ Sie läuft stundenlang mit Hund „Ice“ auf dem Damm entlang, beobachtet den Gleichklang der Wellen, sieht den grasenden Kühen zu und stapft durch das faszinierende Watt. Das Fleckchen Erde berührt ihre Seele, zu jeder Jahreszeit, und verändert sie.

Angie beschreibt es als „Häutung“, weil alles abfällt, was nicht echt und wahrhaftig ist. „Der Wind pustet nicht nur den Kopf frei, er fegt auch weg, was nicht wirklich zu einem gehört.“ Zu Angie gehört der Wunsch, frei zu sein und ihre Kreativität auszuleben. Sie dichtet, beginnt Orgel zu spielen, schreibt Lieder, neuerdings auch in Plattdeutsch. Sie möchte jetzt, in ihrem neuen Lebensabschnitt, Dinge tun, die sie liebt, und sie will ganz viel Zeit für sich haben. „Ich habe in den Jahren zuvor immer mehr zurückgesteckt und mich dabei fast verloren. Hier in dieser grenzenlosen Weite reduziert man sich auf sich selbst, das Herz findet nach und nach die Kraft, die Ketten der Enge selbst wegzusprengen. Ich fühle mich endlich frei.“

Für ihren Mann bleibt zu wenig Raum. Ende 2013 trennen sie sich. Seitdem lebt Angie allein. Allein heißt aber nicht einsam. „Ich habe Freundinnen gefunden, dazu kommen meine Gäste aus der ganzen Welt, mit denen ich gern zusammen bin. Langeweile gibt’s nie.“ Angie engagiert sich in der Politik, liest viel. Sie macht Yoga und singt im Chor. Mehr geht fast nicht. Alle zwei Monate fährt sie mit der Fähre nach Husum, für Einkäufe, Arztbesuche, Behördengänge. Und sie hat große Pläne für die Zukunft. Sie möchte im kommenden Jahr wieder in ihrem alten Beruf als Theaterpädagogin arbeiten und Seminare für Urlauber anbieten. „Mal sehen, was daraus wird“, sagt sie und klingt dabei entspannt. Gelassenheit, die hat sie im Norden gefunden. Und dazu eine Riesenportion Lebenskraft und Fröhlichkeit.

In der Märzausgabe der stadtgottes finden Sie weitere spannende Geschichten über Neuanfänge.

Andrea Micus

März 2017

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Leser-Kommentare

  • A. Beck, Ehingen
    23.02.2017 19:56 Uhr

    Mut hat die Dame. Aber Freiheit mit der Ehescheidung erkaufen?
    Und dann noch in der Stadt Gottes gewürdigt werden... Na ja.

  • Austen,Margaretha
    23.02.2017 17:41 Uhr

    Moin,Frau Wener ist für ihren Mut zu bewundern!

    Ich wünsche ihr Gottes Segen für die Zukunft !!!

 
 

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