Soziales

Rückkehr in die Todeszone

Sechs Jahre nach dem Super-GAU in Fukushima kommen Menschen in ihre Dörfer zurück. Doch die alte Heimat ist verloren

Hoffnung auf Rückkehr: Vor allem die alten Menschen werden in den Containersiedlungen depressiv© Reuters
Hoffnung auf Rückkehr: Vor allem die alten Menschen werden in den Containersiedlungen depressiv

Ihre Herzen sind gebrochen.“ Schwester Lidwina Murakami findet keine andere, weniger dramatische Formulierung, um zu beschreiben, was mit den Menschen von Fukushima geschehen ist. Die Schwächsten der Gesellschaft, die Kinder und die Alten, leiden am meisten unter der Evakuierung und der unsicheren Zukunft. „Der Stress macht sie fertig“, sagt die Steyler Schwester. „Sie ziehen sich zurück, halten sich von ihren Freunden fern, fühlen sich einsam und trauen sich nicht, das zuzugeben, um den Eltern keinen Kummer zu machen. Die Folgen sind offensichtlich: Sie können nicht schlafen, zerbeißen ihre Bleistifte, werden total aggressiv.“

Als vor sechs Jahren, am 11. März 2011, die Erde vor der Küste Japans bebte und der Atomreaktor von Fukushima havarierte, mussten 170 000 Menschen im Umkreis von 20 Kilometern sofort ihre Häuser verlassen. Sie kamen in Notunterkünften unter: primitive Containersiedlungen, in denen sie ihre Nachbarn nicht kannten und kein Platz war für das kleine bisschen Grün, das die Landbewohner so schmerzlich vermissten. Wer nicht evakuiert wurde, musste im Haus bleiben – die Behörden erklärten ihre Zone zur „Indoor Evakuierungs-Zone“. „Die Eltern durften ihre kleinen Kinder nicht rauslassen und wurden fast verrückt darüber“, erzählt Schwester Lidwina.

Wohin mit der verstrahlten Erde? Sie wurde in Säcke gepackt - und vergessen© Daisuke Narui SVD
Wohin mit der verstrahlten Erde? Sie wurde in Säcke gepackt - und vergessen

Sandkiste im Haus
Also wurde der Kindergarten der Caritas wieder geöffnet – die Sandkiste stand jetzt im Haus statt auf dem Spielplatz. Die Steyler Schwester Augustina kümmert sich um die Kinder und beobachtet: „Sie sind übervorsichtig und misstrauisch, gleichzeitig unausgeglichen und werden schnell zornig. Die meisten von ihnen wurden geboren, als ihre Mütter evakuiert wurden, von einem Camp zum anderen, von einem Haus auf Zeit zum nächsten ziehen mussten. Dieses unruhige Leben hat sie geprägt.“

Die Depression tötet

Durchschnittlich sieben Mal mussten die Opfer der Atomkatastrophe in Fukushima innerhalb von fünf Jahren ihre Unterkünfte wechseln. Inzwischen ist die Zahl derer, die nach der Katastrophe ihr Leben verloren, höher als die Zahl derer, die sofort tot waren. Vor allem die Alten haben alle Hoffnung verloren: 1837 der 2038 „indirekten Toten“ sind über 65 Jahre alt.
Schwester Lidwina erzählt von einem alten Paar, das direkt nach der Katastrophe evakuiert wurde – ohne Chance, irgendetwas Persönliches mitzunehmen. In den Notunterkünften wurde die alte Frau, die eine begeisterte Gärtnerin gewesen war, schnell auffällig, sie wanderte orientierungslos durch die neue Nachbarschaft, schlug an die Türen und beschimpfte ihren Ehemann. Der brachte seine Frau in eine neue Umgebung, doch die Verzweiflung wurde immer größer, bis das Paar schließlich beschloss, in ihr altes Haus in der Todeszone zurückzukehren. „Als sie die Tür öffneten, waren sie entsetzt: Das Haus war eine Ruine, der Fußboden war aufgebrochen, wilde Tiere streunten durch die Räume. Sie wussten sofort, dass es unmöglich war, hier wieder zu leben. Jetzt ist ihre einzige, ihre letzte Hoffnung dahin.“
Bisher sind es vor allem die Alten, die wieder zurückwollen. Und müssen, denn die Regierung will die Kosten für die Übergangswohnungen nicht mehr bezahlen. Doch viele Familien trauen sich nicht zurück in die verstrahlten Gebiete, die mit viel Aufwand und enormen Kosten notdürftig gereinigt wurden; die jungen Leute haben sich neue Jobs weit weg vom Unglücksort gesucht. Die Rückkehrer bauen zwar ihre Häuser wieder auf, doch sie werden in Dörfern leben, in denen sich Alte um Alte kümmern müssen und in denen nichts wieder so sein wird wie vor dem Super-GAU.

Schwester Lidwina und ihre Mitschwestern in Fukushima wollen Mut zum Neuanfang machen© Daisuke Narui
Schwester Lidwina und ihre Mitschwestern in Fukushima wollen Mut zum Neuanfang machen

Die Entsorgung dauert Jahre
Überall liegen schwarze Säcke mit verstrahlter Erde in der Landschaft, weitere 28 Millionen Kubikmeter Strahlenabfall sollen in ein Zwischenlager in den Gemeinden Futuba und Okuma gebracht werden. Das Grundwasser ist verseucht, und die schwierige Bergung der abgebrannten Brennelemente wird erst 2018 beginnen und Milliarden Kosten verursachen. Allein der Abriss und die Entsorgung der kaputten Reaktoren wird mindestens 40 Jahre dauern.
In der Caritas Haramachi Base helfen die Steyler Schwestern den Menschen, ihr Leben wieder aufzubauen. In sogenannten Tee-Salons kann man sich treffen und Nöte und Hoffnungen teilen. Denn die Opfer des Super-GAUs haben das Gefühl, dass man sie über all den neuen Katastrophen in der Welt einfach vergessen hat. Die Missionsschwestern waren die Ersten, die 2012 kamen, inzwischen gibt es vier Ordensgemeinschaften, die bei der Caritas zusammenarbeiten. „Wir versuchen, den Menschen Mut zu machen“, sagt Schwester Lidwina, „sie sollen Zukunftsvisionen entwickeln und wieder anfangen zu leben.“

Christina Brunner

März 2017

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