Reportage

Strich für Strich zum Kunstwerk

Hans Rommen ist der einzige noch praktizierende Figurenmaler (Polychromeur) am Niederrhein. stadtgottes-Redakteurin Melanie Fox hat ihn in Kevelaer besucht

In seiner perfekt ausge­statteten Werkstatt erklärt  Hans Rommen Melanie Fox, welche Arbeitsschritte  notwendig sind© Heinz Helf SVD
In seiner perfekt ausge­statteten Werkstatt erklärt Hans Rommen Melanie Fox, welche Arbeitsschritte notwendig sind

Eigentlich kann es doch nicht so schwer sein. Vorsichtig mische ich die Farbe an und versuche, eine möglichst schöne Augenbraue zu malen. Der Übungskopf hält still – und doch bin ich mit dem Ergebnis nicht zufrieden. Wie viel geschickter und perfekter sieht die Technik bei meinem „Lehrer“ Hans Rommen aus. Nun ja, er bemalt und restauriert auch schon seit über 60 Jahren christliche Figuren – mittlerweile in der dritten Generation. So viele schöne Stücke bewundere ich in seinem Atelier: einen holzgeschnitzten Schäfer, eine kunstvoll verzierte Maria und handbemalte Krippenfiguren. Erinnerungen werden wach: Auch meine verstorbene Oma hatte in ihrem Wohnzimmer solche Figuren, die ich als Kind bestaunte ... 

Der Steyler Missionar, Pater Manfred Krause, bringt eine Josefsfigur zur Restauration mit. Diese hat ein Freund zu einem Schnäppchenpreis beim Online-Marktplatz ebay ersteigert. Für den begeisterten Figurensammler Pater Krause ein absoluter Glücksfall! Denn: Dieser Josef stammt ursprünglich aus dem „Deutschen Kunsthaus – Kirchliche Kunstanstalt“ in Düsseldorf. Dessen künstlerische Leitung hatte der bekannte Steyler Künstler Pater Josef Büttgens Ende der 1920er-Jahre inne. Die Figur wird – restauriert – ihren Platz zukünftig am Gründungsort der Steyler Missionare im niederländischen Steyl finden, wo seit 2009 eine Sammlung solcher „Steyler Kunstwerke“ besteht. Pater Krause erzählt gerührt: „Als ich die Figur zum ersten Mal in den Händen hielt, war ich vor Freude ganz angetan.“ 

An einem Übungskopf versucht  Melanie Fox, eine möglichst korrekte Augenbraue zu ziehen© Heinz Helf SVD
An einem Übungskopf versucht Melanie Fox, eine möglichst korrekte Augenbraue zu ziehen

Schnell merke ich, dass eine ruhige Hand das A und O beim Bemalen ist. Das Interview muss warten, sprechen kann ich gerade nicht: Denn durch die Vibration der Sprache fällt es noch schwerer, den Pinsel ruhig zu halten. Die Figuren, die Hans Rommen bearbeitet, sind zwischen 20 und 130 cm groß. Zwischen zwei und 25 Stunden benötigt er für eine Arbeit, je nach Größe und Umfang. Ungefähr 15 Arbeitsschritte sind nötig, um eine farbenprächtige Figur zu erhalten. „Wenn es mal schnell gehen muss, kommt bei größeren Aufträgen schon mal die Farbpistole zum Einsatz“, räumt Hans Rommen ein, „aber ansonsten ist es alles reine Handarbeit.“ 

Mit 78 Jahren verbringt er noch täglich sechs Stunden in seiner Werkstatt, um Aufträge von Geschäftsleuten, Orden und kirchlichen Einrichtungen zu bearbeiten. Regelmäßig gibt er Kurse im Figurenbemalen und in Ikonenmalerei. Auch chinesische Schwestern hat er schon in seiner Werkstatt unterrichtet. „Das war eine interessante Erfahrung“, berichtet Hans Rommen. „Ich habe gemalt – sie haben es nachgemacht. Und das mit viel Geschick.“ Vor fünf Jahren bekam er eine Anfrage vom Steyler China-Missionar Bruder Friedbert Ewertz, der in seinem Atelier in Peking chinesische Schwestern in christlichem Kunsthandwerk ausbildet. Die Schwestern kamen dann für einige Wochen zu Hans Rommen in die Werkstatt und wurden von ihm weitergebildet. 

Auf meine Frage, was er am liebsten bemalt, antwortet er: „Ich finde alle Arbeitsgänge schön. Es muss aber gut und schnell gehen, da ich ein sehr ungeduldiger Mensch bin.“ Hans Rommen versichert: „Ich arbeite stets für jeden so gut ich kann, so als ob ich es für mich machen würde. Es kann nicht gut genug werden.“ Das kann ich nur bestätigen.

Melanie Fox

März 2017

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