Das Gespräch

Uns verbindet mehr als uns trennt

Was bedeutet das Reformationsjubiläum für uns Christen heute? stadtgottes sprach mit der EKD-Botschafterin Dr. Margot Käßmann

Verstanden sich gut: Dr. Margot Käßmann und stadtgottes-Redakteurin Melanie Fox© Michael Englert
Verstanden sich gut: Dr. Margot Käßmann und stadtgottes-Redakteurin Melanie Fox

Die evange­lische Kirche feiert 500 Jahre Reformation. Warum ist es wichtig, dieses Jubiläum zu feiern?
Ein Jubiläum zu feiern bedeutet nicht nur, historisch zurückzuschauen. Man stellt sich auch die Frage, welche Lerngeschichte steht bis heute dahinter?

Und welche Lerngeschichte ist das?
Die der Ökumene und des Dialogs der Religionen. Wie werden wir Kirche im 21. Jahrhundert gestalten?

Welche Reformen benötigen die Kirchen heute?
In einer immer säkularer werdenden Welt wird es wichtig sein, den christlichen Glauben überhaupt weiterzugeben. Wir müssen lernen, im Dialog mit anderen Religionen, gerade mit dem Islam, zu leben. Zu zeigen, dass Glaube und Vernunft zusammenstehen. 

Für viele ist Glaube verstaubt, nicht mehr zeitgemäß, lang­weilig und spießig. Wozu also noch Christ sein?
Menschen brauchen Wurzeln, müssen wissen, wo sie Halt finden, woran sie sich orientieren können. Für mich ist der christliche Glaube die Grundlage, auf der ich auch ethische Entscheidungen treffe. Eine Deutung meines Lebens. Ich muss lernen, dass auch Leid zum Leben dazugehört.
Das bedeutet: im Glauben verwurzelt zu sein, sich aufgehoben zu fühlen und gleichzeitig eine sehr lebendige Form der Auseinandersetzung. Menschen, die ohne Glauben leben, müssen sich fragen, was eigentlich ihre Orientierungspunkte sind.

Stärken also gläubige Menschen eine Gesellschaft?
Ich bin davon überzeugt, dass religiöse Menschen ihr Handeln und Reden noch einmal anders reflektieren, da sie es auch vor Gott verantworten. Da sind sie nach ihrer Glaubensüberzeugung transparent. Insofern denke ich schon, dass Menschen des Glaubens, im besten Sinne, wenn sie den Glauben nicht missbrauchen, den Wertekodex einer Gesellschaft zentral und positiv beeinflussen können.

Religionsfreiheit ist in den meisten muslimischen Ländern ein Fremdwort. Der Islam ist scheinbar in Deutschland in aller Munde. Droht der Abschied des Christentums?
In Deutschland gibt es 4,3 Millionen Muslime und 50 Millionen Christen. Da sollten die Christen nicht so ängstlich sein, sie befinden sich schließlich in keiner Weise in einer Minderheitensituation. Solche Meldungen halte ich für eine Emotionalisierung, die den Fakten überhaupt nicht entspricht. Ich kann keinen Muslim in Deutschland dafür verantwortlich machen, wie in anderen Ländern mit Christen umgegangen wird. Wann immer unsere Politikerinnen und Politiker muslimisch geprägte Länder besuchen, versuchen wir als Kirche, sie zu bitten, auf die Lage der Kirche hinzuweisen. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat in China einen Gottesdienst besucht – ich denke, das sind wichtige Signale. Religionsfreiheit muss weltweit gelten, und ich halte es für eine Verletzung der Menschenrechte, dass in manchen islamisch geprägten Ländern eine Konversion zum christlichen Glauben unter Strafe steht.

Viele befürchten eine Zunahme des Fundamentalismus. Ist diese Angst begründet?
Ich halte Fundamentalismus für ein großes Problem, da er keine Fragen oder Diskurse zulässt. Wer eine offene Gesellschaft will, darf nicht fundamentalistisch sein. Diese offene Gesellschaft müssen wir auch in Deutschland vorleben. Statistiken belegen jedoch, dass die Straftaten von Deutschen gegenüber Ausländern, gerade in Ostdeutschland, wesentlich höher sind als umgekehrt. Es finden Übergriffe auf Moscheen, Übergriffe auf Einzelne statt. Das ist ein echtes Problem, das wir auch benennen müssen. Diese diffuse Angst vor dem Islam hilft uns überhaupt nicht weiter. Weiter hilft nur zu sagen: Wir wollen in einem Land leben, in dem das Recht dieses Landes für alle gilt, und alle, die hier leben, müssen die Rechtsgrundlagen dieses Landes auch anerkennen. 

Käßmann im Gespräch© Michael Englert

Wie kann das gelingen?
Der ehemalige Justizminister von Niedersachsen, Christian Pfeiffer, ist in Moscheegemeinden gegangen, um dort mit den Männern über die Frauenrechte in Deutschland zu sprechen. Das fand ich sehr gut, er hat das Wissen nicht vorausgesetzt, sondern hat den Dialog mit den Menschen gesucht.

Luther griff aktiv in das gesellschaftliche und politische Leben ein. Sollten die Kirchen heute auch mehr Einfluss ausüben?
Die Kirche ist keine politische Partei, aber sie ist parteilich für die Schwachen. Da sehe ich schon, dass Diakonie und Caritas Enormes leisten. Ich bin überzeugt, dass die Kirchen die Aufgabe haben, diese Parteilichkeit für die Schwachen in die politischen Diskurse einzubringen. Das können sie nicht nur als Kirchen, sondern das tun sie auch über ihre Kirchenmitglieder, die in politischen Ämtern aktiv sind.


Für Luther hatte Bildung einen sehr hohen Stellenwert. Er hatte schon erkannt, dass der Wohlstand einer Gesellschaft vom Bildungsstand seiner Bürger abhängt. Deutschland krankt am Bildungssystem.

Luther war der Erste, der Bildungsteilhabe und Bildungsgerechtigkeit zum zentralen christlichen Thema gemacht hat. Auch heute geht es nicht nur um Elitenbildung, sondern es geht um Bildung für alle. In meiner Kindheit war die Durchlässigkeit des Bildungssystems wesentlich stärker, als sie es im Moment wieder ist. Für mich eine sehr traurige Entwicklung.

Welche entscheidenden Impulse hat unsere heutige Gesellschaft durch das Denken und Handeln Luthers erhalten?
Der für mich entscheidende Impuls ist die Glaubens- und Gewissensfreiheit. Ein ganz neuer Gedanke, der da ins mittelalterliche Denken kam. Und: Durch die Taufe ist jeder Mensch gleich, niemand sollte wegen seines Geschlechts oder seiner Herkunft verurteilt werden. Dazu kommen der schon erwähnte Bildungsgedanke und natürlich die Sprache. Eine Sprache für den Glauben zu finden, das halte ich momentan für die größte Herausforderung, und da war Luther genial. Er hat Tage, manchmal Wochen um einen Begriff gerungen, wie „Geizhals“, „Lückenbüßer“ oder „in den sauren Apfel beißen“. Die deutsche Sprache, wie wir sie heute kennen, ist ohne ihn gar nicht denkbar. Er hat elf Wochen benötigt, um das Neue Testament zu übersetzen. Zwölf Jahre brauchten sie in einem Wittenberger Gemeinschaftswerk für das Alte Testament.

Sind Sie der Person Luthers durch Ihr Amt als Botschafterin neu begegnet?

Den Seelsorger und Familienvater Luther habe ich noch mal neu schätzen gelernt. Luther, der Briefe an Menschen mit ihren persönlichen Kümmernissen schreibt. Das ist auch etwas, was unsere Kirche für Menschen anbieten kann. Damit Menschen mit ihrem Lebenskummer in unserer erfolgsorientierten Gesellschaft einen Raum finden. Und den Vater Luther, der sehr bemüht ist. Obwohl er an die Auferstehung glaubt, weint er um die verstorbene Tochter, weil er das Kind so geliebt hat. Das sind noch mal andere Seiten an Luther, die eben nicht immer diesen polternden Redner darstellen.

Was hat uns Luther heute ökumenisch zu sagen?
Für viele Christen ist Luther ein Lehrer im Glauben. Dieses Ringen um den eigenen Glauben, das Zweifeln, die Fragen an Gott, da ist er einer der Ihren. Das Feindbild Luther ist für viele Katholiken, meine ich, heute schon aufgehoben. Ökumenisch hat er uns zu sagen, dass uns mehr verbindet als uns trennt.

Was wäre eine gemeinsame ökumenische Vision?
Eine „versöhnte“ Verschiedenheit. Verschieden bleiben, aber trotzdem so versöhnt sein, dass wir die Kirchen und Ämter gegenseitig anerkennen und gemeinsam Abendmahl feiern können.

EKD-Botschafterin für das Reformationsjubiläum Dr. Margot Käßmann© Michael Englert
EKD-Botschafterin für das Reformationsjubiläum Dr. Margot Käßmann

Wie sehen Sie die Positionierung von Papst Franziskus zur Ökumene?
Bei der Ökumene des praktischen Christentums setzt Papst Franziskus durchaus Akzente. Wie handeln Christen in der Welt? Schauen wir auf die Fußwaschung im Gefängnis, seine Dienstreise nach Lampedusa, die Aufnahme von Flüchtlingen in den Vatikan – da ist er zuallererst symbolträchtiger Christ.

Welche Rückmeldungen erhalten Sie zur Ökumene aus den Gemeinden?

Es gibt die Sehnsucht der meisten Menschen, miteinander das Abendmahl zu feiern. Heute ist es kein Drama mehr, wenn Katholiken die evangelische Kirche und Protestanten die katholische Kirche besuchen. Da hat sich wirklich schon viel verändert.

Welche gemeinsamen Pläne gibt es bei der katholischen und evangelischen Kirche, das Reformationsjubiläum zu begehen?
Im Herbst 2016 hat eine gemeinsame Pilgerreise der katholischen Bischofskonferenz und des Rates der EKD stattgefunden. Es war eine gute Initiative zu sagen: Christus ist das Zentrum. In der Passionszeit werden wir einen großen gemeinsamen Gottesdienst zum Heilen der Erinnerung feiern, wo wir anerkennen, dass wir einander Leid angetan haben, dass unsere konfessionellen Trennungen auch Schmerz mit sich gebracht haben.
Ich finde es gut, damit in der Passionszeit zu beginnen. Dann können wir auch gemeinsam feiern, denn es gibt eine ökumenische Bewegung. Die katholische Kirche wird in vielen Bereichen beteiligt sein, gerade auch bei der Weltausstellung der Reformation in Wittenberg.

Melanie Fox

März 2017

Facebook Like aktivieren
 

Artikel kommentieren

818 + 3 =
 
 

0 Kommentare

 
 

Weitere Themen

Bisherige Beiträge / Das Gespräch

  • Qualitätsbabys mit Prüfsiegel?

    Früher waren werdende Mütter guter Hoffnung, heute sind sie oft voller Sorge: Immer neue Tests lassen frühzeitig Fehlbildungen erkennen. Aber mit den Konsequenzen müssen die Eltern allein klarkommen, kritisiert der Kinderarzt und Perinatalmediziner Prof. Holm Schneider im Gespräch mit stadtgottes-Chefredakteur Albert Herchenbach

     
  • Wie lange ist Weihnachten noch ein Feiertag?

    Immer weniger Menschen bekennen sich zum Christentum, immer mehr Andersgläubige leben in Deutschland. Können christliche Feste da noch gesetzliche Feiertage bleiben? Darüber sprach stadtgottes-Chefredakteur Albert Herchenbach mit NRW-Integrations-Minister Armin Laschet

     
  •