Titelthema

Zwei Berufe - ein Leben

Eigentlich wollte der diplomierte Kranken­pfleger Josef Denkmayr nur eine Weiterbildung zum Lehrkrankenpfleger in Mödling machen und übernachtete bei den Steyler Missionaren. Dort entdeckte er: Hier finde ich die Erfüllung meiner inneren Sehnsucht. Und wurde Ordensmann

Pater Josef Denkmayr, 53, ist gelernter Krankenpfleger und arbeitete sechs Jahre lang als Missionar in Ghana. Seit 2015 ist er Pfarrer in Wiener Neudorf© Christian Tauchner SVD
Pater Josef Denkmayr, 53, ist gelernter Krankenpfleger und arbeitete sechs Jahre lang als Missionar in Ghana. Seit 2015 ist er Pfarrer in Wiener Neudorf

Sie waren 25 Jahre alt, als Sie einen Neuanfang für Ihr Leben wagten. War der nötig?
Nein, eine Not hat es nicht gegeben, ich hab´ eine erfüllende Arbeit gehabt. Ich bin wirklich gern ins Krankenhaus gegangen, um die Menschen zu pflegen, war glücklich und zufrieden. Aber es gab in mir eine stille Sehnsucht nach etwas Neuem. Als ich dann die Steyler kennengelernt habe, kam die Faszination des Zusammenlebens mit Menschen verschiedener Kulturen dazu. Da habe ich gemerkt: Das würde total zu mir passen!

War es schwer?
Ja, es war ziemlich schwer und auch schmerzlich, etwas zu beenden, was ich von Herzen gern mache. Es gab viele gute Freundschaften zu Kollegen im Krankenhaus. Ich hatte mir ein total schönes Leben selbst erarbeitet, war ein freier Mensch. Das plötzlich alles wegzugeben, war nicht leicht. Aber ich wollte ja hinaus: Afrika hat mich immer gereizt. Dieses Loslösen von den Dingen war schmerzlich, aber auch sehr befreiend. 

Waren Sie immer sicher, die richtige Entscheidung getroffen zu haben?
Ein Jahr vor der Priesterweihe kam die Frage noch einmal stark auf. Mir war klar: Das ist jetzt eine Lebensentscheidung, die mir andere Dinge nicht mehr möglich macht. Nach intensiver Reflexion mit geistlicher Begleitung konnte ich dann aus freiem Herzen sagen: Ja, das ist mein Weg, und den gehe ich jetzt.

Was braucht man für so einen Schritt?
Abenteuergeist allein wäre zu wenig. Man braucht eine Sehnsucht und auch Neugier, den Reiz, Neues zu entdecken. Und ich brauche Menschen, mit denen ich über meinen Weg und meine Entscheidungen reden kann.

Hatten Sie das Gefühl: Ich muss das machen, weil Gott es will?
Ich hab´mich nie von einem Gott gedrängt oder gezogen gefühlt. Gott lässt mich in der Freiheit, indem er sagt: Wenn du ein guter Krankenpfleger bist, habe ich große Freude an dir, und wenn du in deiner Familie deine Werte lebst, passt das voll für mich. Und wenn du mir als Priester nachfolgen willst: Gern!

Erst Krankenpfleger, dann Priester – sind das zwei Leben? Oder gehört es noch zusammen?
Wenn ich noch mal vor der Entscheidung stehen würde, Priester zu werden, würde ich vorher Krankenpfleger lernen, weil es eine wunderbare Erfahrung bedeutet. Mein Wissen konnte ich auch in Ghana oft einsetzen: Ich habe in der dortigen Buschklinik mitgearbeitet.

Hilft das Wissen des Krankenpflegers beim Priester-Sein?
Es prägt meine Verkündigung. Mein Deuten des Wortes Gottes ist geprägt vom größeren Blick auf den Menschen, einem Blick, den auch Jesus hatte. Die Predigten sollen mit dem Leben, den konkreten Nöten der Menschen zu tun haben. Ich habe so viele Menschen leiden und sterben gesehen und beim Abschied begleitet. Das hilft mir jetzt auch als Seelsorger sehr.

Das Interview ist Teil der Titelserie "Mut zum Neuanfang" in der Märzausgabe der stadtgottes.

Christina Brunner

März 2017

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