Reportage

Engel der Babys

Friederike Garbe gibt verzweifelten Müttern und Babys ein Zuhause

"Ich liebe Babys", lächelt Friederike Garbe. "Sie sollen es gut bei mir haben"© Privat
"Ich liebe Babys", lächelt Friederike Garbe. "Sie sollen es gut bei mir haben"

Lübeck, Mengstraße 62. Hinter der Fassade des schmucken weißen Patrizierhauses wohnt das Glück. Friederike Garbe, 72, ist der „gute Geist“ in diesem Haus. Sie hört das nicht gern, doch Hausbewohner und auch all die ehrenamtlichen Helferinnen bezeichnen sie voller Überzeugung so. Nicht ohne Stolz erwähnt Friederike: „Harmonie und Geborgenheit finden Sie in unserem Haus. Und ich bin glücklich und Gott dankbar, dass ich schon so vielen verzweifelten Menschen helfen konnte.“ Ihre Augen strahlen, wenn sie das sagt. Ihre Stimme ist warm, aber bestimmt. Längst sind es nicht nur Findelkinder, die in die Babyklappe vorn am Haus gelegt werden, sondern auch Mütter mit ihren Babys, die kein Dach über dem Kopf haben – und auch kleine Familien finden Trost und Hilfe bei Friederike Garbe.

Aktueller Stand: Derzeit beherbergt die mutige Frau neben den Müttern eine kleine Familie aus dem Iran, aus Afghanistan und Eritrea. Letztes Jahr wurden auch wieder zwei Babys in die Klappe gelegt, die Friederike im Jahre 2000 als erste private Klappe Deutschlands gründete. Es war ein kleiner Junge, dem zwei Fingerchen fehlten. Und ein süßes Mädchen, das, völlig verkotet, sicher schon drei Tage irgendwo gelegen haben muss, bis es jemand in die Klappe legte. Auf der Intensivstation im Krankenhaus wurde sein Leben gerettet. Beide Kleinen fanden dank Friederikes Einsatz ganz schnell Pflegeeltern. Ihr Handy trägt sie immer ganz nah bei sich. Auf diesem Handy ertönt nämlich auch das Alarmsignal, wenn ein Baby in die Klappe gelegt wird. Und dann heißt es: Schnell handeln, das Findelkind braucht extrem rasche Hilfe, weil man nie weiß, wie lange die verzweifelte Mutter schon mit ihm unterwegs war.

Wenn ein Kind in der Babyklappe abgelegt wird, ertönt sofort ein akustisches Signal© privat
Wenn ein Kind in der Babyklappe abgelegt wird, ertönt sofort ein akustisches Signal

Wie kam Friederike Garbe auf die Idee, eine Babyklappe und das Agape-Haus (Agape heißt auf Griechisch Liebe), in dem verzweifelte Menschen Hilfe finden, zu gründen? In der Stunde des größten Kummers fasste Friederike ihren einzigartigen Plan. Ihr Mann Günther bekam fünf Bypässe, sein Leben hing am seidenen Faden. Friederike heute: „Wir mussten mit dem Schlimmsten rechnen.“ Die gläubige Christin betete in den bangen Stunden: „Lieber Gott, wenn ich meinen Günther wieder gesund mit nach Hause nehmen kann, werde ich etwas besonders Gutes tun.“ Günther wurde damals wieder gesund, und Friederike hielt ihr Versprechen. Sie dachte an die vielen jungen Mütter, die sich für eine Abtreibung entscheiden müssen, weil sie von den Vätern verlassen und allein gelassen und mit der neuen Situation nicht fertig werden. Diesen Müttern wollte Friederike Garbe ihre Hilfe anbieten. Es hat geklappt: Einige Frauen bringen ihr Baby zur Welt und legen es dann in die Klappe. Andere verbringen ihre Zeit bis zur Geburt oder auch darüber hinaus in Friederikes Haus.

Wichtige Unterstützung bekam sie damals von ihrem Mann. Günther Garbe, dem ein Ingenieur-Büro gehörte, baute das Haus nicht nur mit um, sondern finanzierte auch einen großen Teil von seinen Einnahmen. 2012 dann der Schock: Günther erlitt nach einer Herz-OP eine Hirnblutung, ist seitdem halbseitig gelähmt und an den Rollstuhl gefesselt. Aber sie sagt: „Er musste mühsam wieder sprechen lernen. Es ist ein Wunder Gottes, mit welcher Gelassenheit und Fröhlichkeit er sein Schicksal hinnimmt. Wir verbringen sehr viel Zeit miteinander. Sein Rat ist mir wichtig. Es sind im Gegensatz zu früher heute ganz andere Dinge, die uns verbinden. In unserer über 50-jährigen Ehe haben wir, getragen durch den christlichen Glauben, alle Schwierigkeiten gemeistert.“ Unterstützt bei der Arbeit wird sie von ehrenamtlichen Helfern. Zum Team gehören unter anderem auch junge Männer, die mit dem Gesetz in Konflikt geraten sind und im Agape-Haus Sozialstunden ableisten. „In unserem Familienverbund bekommen wir alle, was wir uns wünschen – Geborgenheit und Annahme.“

Fröhlich am Esstisch: Friederike Garbe (hinten) sowie Ehemann Günther mit großen und kleinen Bewohnern ihres Hauses© privat
Fröhlich am Esstisch: Friederike Garbe (hinten) sowie Ehemann Günther mit großen und kleinen Bewohnern ihres Hauses

Neu in Friederikes Programm: In Kursen wird Schülerinnen die Geburt anhand von Simulatoren erklärt und was vorher und nachher zu beachten ist. Oft hält Friederike auch Vorträge, und vor einigen Jahren rettete eine unerwartete Finanzspritze das Projekt vor dem Aus: In Günther Jauchs Sendung „Wer wird Millionär?“ erspielte sie 64 000 Euro. Regelmäßige Einnahmen holt Friederike Garbe auch mit ihrer Arbeit als Model ein. Ein Fotograf entdeckte sie 2006 als Senior-Model per Zufall. Zuerst machte er Fotos von ihr und dem Agape-Haus. Die Bilder zeigte er einer Model-Agentur. Schnell stand fest: Friederike hat alles für ein Model. Heute wird sie von großen Unternehmen gebucht. Friederike: „Ich nehme aber nur Jobs im Umkreis von Lübeck an, weil ich meinen Mann nicht lange allein lassen möchte.“ Was sich Friederike für die Zukunft wünscht? „Dass Gott mir immer wieder Kraft gibt, schwierige Situationen zu meistern, und dass ich noch vielen Menschen helfen kann.“

Ingrid Theis

April 2017

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