Steyler Welt

Jesus stirbt in Togo

Wenn Pater Wojtek Minta in die Dörfer im Norden Togos fährt, nimmt er Jugendliche mit, die die Passion Christi darstellen. Diese Form der Verkündigung berührt die Herzen der Menschen

Lebendige Verkündigung: Die Jugendlichen spielen den Kreuzweg so realistisch nach, dass alle Zuschauer beeindruckt sind© Achim Hehn/SVD
Lebendige Verkündigung: Die Jugendlichen spielen den Kreuzweg so realistisch nach, dass alle Zuschauer beeindruckt sind

Guten Tag, wir wollen mal wieder den Heiland kreuzigen.“ Pater Wojtek Minta hat die Scheibe seines Wagens heruntergekurbelt und zwinkert dem Mann am Marktstand verschwörerisch zu. Der lächelt wissend, kramt routiniert hinter seinem Tresen. Dann reicht er dem Steyler Missionar ein Bündel mit Holznägeln in den Wagen. „Viel Erfolg, mon père!“

Der Geländewagen setzt sich behäbig in Bewegung, passiert langsam Schlagloch für Schlagloch, damit die zwölf Jugendlichen nicht von der Ladefläche fallen. Jocelyn und Valentin, Samson und Achille: Sie alle gehören zur JEC, zur „Jeunesse étudiante chrétienne“, einer christlichen Bewegung, die auch hier in Guérin-Kouka einen Ableger hat, im Norden Togos.

„Wir machen das heute zum vierten Mal in dieser Fastenzeit“, sagt Maria Magdalena, die noch einen Platz im Innenraum des Geländewagens ergattert hat. Maria Magdalena heißt eigentlich Charmelle und ist 16 Jahre alt. Aber im Passionsspiel, das sie heute mit ihren Freunden aufführen wird, übernimmt sie die Rolle der Begleiterin Jesu. „Mir machen diese Aufführungen großen Spaß“, sagt sie. „Das ist die perfekte Einstimmung auf Ostern.“

Pater Minta steuert den Wagen schwungvoll an einem liegen gebliebenen Baumwolllaster vorbei, der Rosenkranz am Rückspiegel vollführt bizarre Tänze. Die Jugendlichen auf der Ladefläche singen christliche Lieder und lokale Folklore, so geht das die nächsten 30 Kilometer. Gelegentlich stimmt der Steyler Missionar ein, meist hört er zu.

Seit 23 Jahren lebt und arbeitet Pater Minta in Togo. „Die Freundlichkeit und Offenheit der Menschen hat mich sofort angesprochen“, sagt er. „Ich fühlte mich gleich zu Hause.“ 2014 kam er in den heißen Norden des Landes. „Von unserer Pfarrei in Guérin-Kouka aus betreuen wir zahlreiche Außenstationen auf dem Land“, sagt er. „In eines dieser Dörfer, nach Kissabuin, kurz vor der Grenze nach Ghana, fahren wir heute.“

Kinder strömen aus den strohbedeckten Lehmhütten, als sich das Missionsfahrzeug mit seinen singenden Insassen der kleinen Siedlung nähert. Sie umringen den Steyler Missionar, kaum dass er in seinem wild gemusterten Zweiteiler aus dem Wagen gestiegen ist. Hände werden geschüttelt, der erste Weg führt Wojtek Minta zu den Dorfältesten, die unter einem Mangobaum vor der prallen Sonne Schutz gesucht haben.

Pilatus ist ein Dorf-Chief, die Soldaten tragen moderne Armee-Uniformen: Das biblische Geschehen wird ins Heute übertragen.© Achim Hehn/SVD
Pilatus ist ein Dorf-Chief, die Soldaten tragen moderne Armee-Uniformen: Das biblische Geschehen wird ins Heute übertragen.

Der Alltag steht still
Während sich viele Dorfbewohner auf der Freifläche vor dem Schulgebäude versammeln, wechseln der Steyler Missionar und seine Begleiter auf der Rückseite des Gebäudes ihr Outfit: Pater Minta streift Albe und Stola über, die jungen Frauen und Männer richten ihre Kostüme. Minuten später führen drei finster dreinblickende Soldaten einen ganz in Rot gewandeten Jesus auf den Vorplatz zu Pilatus, der bereits auf einer Holzbank wartet. Kinder, die eben noch ausgelassen durchs Dorf getobt sind, verfolgen mit offenen Mündern die Verhandlung. Am Ende hebt Jesus-Darsteller Justin ein großes Holzkreuz auf seine Schultern. „Avance“, rufen die Soldaten. Beweg dich!

Die Schweißperlen auf Jesu Stirn sind echt: Justin kämpft nicht nur mit dem Kreuz, sondern auch mit dem Hitzestau unter seiner gewaltigen Langhaarperücke. Die einzelnen Stationen des Kreuzwegs führen quer durch die karge Siedlung. Wo der Mann mit der Dornenkrone auch auftaucht: Frauen unterbrechen ihre Arbeit an den Feuerstellen, Kinderaugen lugen neugierig aus Hütteneingängen. Sogar die herumstreunenden Hühner scheinen innezuhalten. Der Alltag steht still – und immer mehr Menschen schließen sich der singenden und betenden Menge an, die Jesus auf seinem letzten Weg begleitet.

Pater Wojtek Minta hält sich im Hintergrund und lässt die Jugendlichen die österliche Botschaft verkündigen© Achim Hehn/SVD
Pater Wojtek Minta hält sich im Hintergrund und lässt die Jugendlichen die österliche Botschaft verkündigen

Botschafter der BIbel
Die Darstellerin der Veronika heißt im richtigen Leben passenderweise Véronique – und reicht Jesus unter einem Baum das berühmte Schweißtuch. Das Wimmern der klagenden Frauen, die, in leuchtend gelbe Gewänder gehüllt, an der nächsten Weggabelung warten, ist schon von Weitem zu hören. „Mich beeindruckt immer wieder, mit welcher Ernsthaftigkeit die Jugendlichen die Passion nachspielen“, sagt Wojtek Minta leise, während er dem Zug der Dorfbewohner folgt. „Das kommt direkt aus dem Herzen – und wirkt unheimlich realistisch. Sie werden zu Botschaftern des Evangeliums und bringen es direkt vor die Haustür ihrer Landsleute. Wenn ich die Passion nur einfach vorlesen würde: Sie würde die Menschen niemals so unmittelbar ansprechen wie das hier.“

So übt sich der Steyler Missionar in Zurückhaltung, lässt die Jugendlichen machen – und beobachtet, wie die Dorfbewohner das Geschehen ergriffen verfolgen. Als Jesus-Darsteller Justin am Kreuz aufgerichtet wird, stehen manchem die Tränen in den Augen. Die untergehende Sonne Afrikas taucht die Szenerie in ein leuchtendes, unwirkliches Licht. Jesu Leichnam wird in ein weißes Laken gewickelt, der trauernden Maria in den Schoß gelegt. Erst jetzt meldet sich Wojtek Minta zu Wort. „Wir alle sind aufgerufen, ihm zu folgen“, sagt er. „Ihm, der für uns gelitten und den Tod am Kreuz auf sich genommen hat.“

Einige Minuten klingt die Stille noch nach, ehe die Kinder wieder toben, die Motorräder wieder stottern und die Hunde wieder bellen. Die jugendlichen Darsteller haben ihre Gewänder abgeworfen, Justin ist wieder bebrillt und bemützt – und es dauert nicht lange, da hat schon wieder einer ein mitreißendes Lied angestimmt, zu dem ausgelassen getanzt wird. Die Soldaten, Pontius Pilatus und all die anderen haben sich wieder in lebenshungrige junge Togoer verwandelt. Nach all dem „Kreuzige ihn!“ wirkt ihr Tanz wie eine Erlösung, ein Vorgeschmack auf Ostern, eine Liebeserklärung an das Leben.

Auch Wojtek Minta wirkt beseelt. „Es ist unheimlich schön, hautnah mitzuerleben, wie die Menschen auf die christliche Botschaft reagieren“, sagt er. „Gerade in kleinen Dörfern wie diesen stoße ich oft auf Sprachbarrieren. Da könnte ich mir keine besseren Dolmetscher vorstellen als diese Jugendlichen. Ihre Offenheit und ihr Spiel kommen der ‚Sprache der Liebe‘ nahe, von der unser heiliger Josef Freinademetz mal gesagt hat, sie sei die einzige, die alle Menschen verstehen.“

Markus Frädrich

April 2017

Lesen Sie auch: Wenn Jesus wieder Lebendig wird. Eine Geschichte aus Bolivien.

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Leser-Kommentare

  • Klein Hans Erich
    11.05.2017 12:37 Uhr

    Ich habe ihren Beitrag gelesen und sehr gefreut, da ich Pater Minta kenne. Wir arbeiten mit Pater Marian Schwark schon viele Jahre zusammen um Projekte zu verwirklichen. Auch ihr Artikel zu den Anbetungsschweter interessiert mich, haben wir doch dort schon übernachtet.

    Ich Schreibe Rundbriefe an an Interessiert und Förderer. Mit Ihrer Erlaubnis würde ich gerne Ihre beiden Beiträge bei unseren Rundbriefen anhängen.

    Wenn Sie auf unsere Homepage gehen, www.fkb-bza.de, dann können Sie unter Links-Medien zwei Togovideos von unseren Projekten anschauen.

    Wir haben jedes Jahr ein dreitägiges Fest (11.-13. August 2017). Der Erlös ist je zu einem Drittel für Tog, Inden und Brasilien.

    Viele Grüße

    Hans Erich Klein

 
 

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