Steyler Welt

Lernen statt Ziegel formen

In den Slums der Stadt Indore müssen schon die Kleinsten schwer arbeiten. Die Bridge Schools, die von den Steyler Missionaren ins Leben gerufen wurden, sind ein erster Schritt um den Kindern eine Schulbildung zu ermöglichen

Bei brütender Hitze formt Pujas Großmutter Ziegelsteine. Doch der Verdienst reicht nicht für eine normale Schule© Rebecca Frank
Bei brütender Hitze formt Pujas Großmutter Ziegelsteine. Doch der Verdienst reicht nicht für eine normale Schule

Als Puja mir zur Begrüßung ihre Hand reicht, fällt mir sofort die raue Haut auf. So fühlen sich meine Hände nicht einmal nach einem langen, kalten Winter an. Die rissige Haut der Neunjährigen mit den halblangen, dunklen Haaren ist eine Folge der täglichen Arbeit in der Ziegelei.
Jeden Morgen stehen Puja und ihre Oma zeitig auf. Das Mädchen lebt bei der Großmutter, die Eltern sind krank und können nichts zum Lebensunterhalt beitragen. Nach ein paar Bissen zum Frühstück machen sich die alte Frau und das Mädchen in der Dämmerung auf zur Ziegelei. Das ebene Gelände bietet kaum Schatten. Am Rand sind die fertigen Ziegel zu hohen Stapeln aufgeschlichtet.

1000 Ziegel pro Tag
Schon um 4 Uhr Früh beginnt hier die Arbeit. Die Herstellung der Ziegelsteine sieht auf den ersten Blick aus wie Kuchen backen: Die metallene Form wird innen mit Sand bestäubt, damit nichts anklebt, dann füllen die Frau und ihre Enkelin mit bloßen Händen die vorbereitete Lehmmasse ein, streichen sie glatt und stürzen den Ziegel schließlich aus der Form. Ziegel neben Ziegel wird zum Trocknen aufgereiht. Den Vorgang wiederholen das kleine Mädchen und ihre Großmutter hunderte Male pro Tag.
Mit dem kindlichen Spielen in der Sandkiste hat das aber nichts zu tun, die Arbeit ist hart und beschwerlich. Das Hocken am Boden verursacht über kurz oder lang Haltungsschäden. Zusammen schaffen sie circa 1000 Ziegel pro Tag. Dafür arbeiten sie 10 Stunden bei brütender Hitze. Was dabei herausschaut? 500 Rupien, das entspricht etwa 6,70 Euro pro Tag. Ein Vorarbeiter kontrolliert die produzierten Ziegel. Bezahlt wird nur für die gelungenen Steine. Nach dem Trocknen in der Sonne schichten Arbeiter die Quader zu Pyramiden und die Ziegel werden gebrannt.

Puja (lila Kleid) ist dankbar für den Unterricht in der Bridge School© Rebecca Frank
Puja (lila Kleid) ist dankbar für den Unterricht in der Bridge School

Bei den Menschen in den Slums
Pater Roy Thomas SVD, der das Hilfswerk Janvikas für die Steyler Missionare leitet, hat uns zu Puja gebracht. Mit seinen rund 30 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern – viele von ihnen Sozialarbeiter oder Lehrer – bemüht sich der Steyler Missionar um die Slumbewohner der zentralindischen Stadt Indore. 

Rund um die 1,5 Millionen-Einwohner-Stadt entwickelten sich in den letzten Jahrzenten hunderte von Slumsiedlungen. Die Bandbreite reicht von Sub-Substandard-Wohnblocks über selbst gebaute, einstöckige, Ein-Zimmer-Häuschen aus Lehm bis hin zu Verschlägen aus Karton und Stoff. Auf kleinen Flussinseln und brachliegenden Flächen finden sich wiederum Siedlungen, deren Bewohner in Zelten leben. Indore ist das Ziel vieler Kleinbauern, die von ihrem Land nicht mehr leben können. Wer Glück hat, findet Beschäftigung als Bauarbeiter. Viele verdienen sich als Tagelöhner ihr Geld. Sie arbeiten als Bedienstete bei wohlhabenden Familien oder als Müllsammler und -sortierer.
Pater Roy und Janvikas fokussieren ihr Engagement auf Müllsammler, Hausdiener und ihre Familien.

Ein paar Stunden Kind sein
Als ich Puja zum ersten Mal sehe, sitzt sie mit anderen Kindern und Jugendlichen im Alter von vier bis 15 Jahren am Boden eines Ziegelhauses. An einer Wand hängt eine Tafel, eine zweite zieren Plakate über das Alphabet, die Blumen und den menschlichen Körper. 

Das ist die Bridge School von Himmat Nagar, einer Slumsiedlung, die soeben an das öffentliche Kanalnetz angeschlossen wird. Nur ein Sprung über den für den Kanal ausgehobenen Graben ermöglicht das Betreten des Klassenzimmers. Hier treffen sich täglich rund zwanzig Schülerinnen und Schüler zum Unterricht. „Das Ziel unserer Bridge Schools ist, den Kindern ein Basiswissen zu vermitteln. Sie lernen die Buchstaben, Zählen, kurze Reime und Gedichte, auch ein bisschen Englisch und Gesundheitserziehung“, berichtet Pater Roy.
Für zwei bis drei Stunden pro Tag dürfen die Mädchen und Buben hier Kind sein. Um das zu ermöglichen, sind zuerst intensive Gespräche mit den Eltern notwendig, betonte der Steyler Missionar. „Ihnen ist nämlich nicht immer klar, warum sie ihre Arbeitskräfte entbehren sollen. Aber in den Slums kennt man uns bereits. Die Eltern vertrauen uns. Das langfristige Ziel ist natürlich, dass jedes dieser Kinder den Regelunterricht in einer normalen Schule besucht. Die Bridge School ist der erste Schritt dazu“, erklärt Pater Roy.
Dass das Konzept unterstützt und akzeptiert wird, beweist die Tatsache, dass das Klassenzimmer mit seinen 9 Quadratmetern eigentlich Wohnraum einer Familie ist, die für ein paar Stunden ihren Raum zur Verfügung stellt, damit der Unterricht stattfinden kann. Auch in anderen Slums, in denen Janvikas Bridge Schools betreibt, ergaben sich ähnliche Kooperationen.

In der Bridge School sitzen die Jüngsten mit ihren kleinen Täfelchen ganz vorne. Hinten an der Wand sitzen die Großen. Puja gehört dazu. Viele der SchülerInnen machen die Bridge School quasi „berufsbegleitend“, weil ihre Familie auf ihren Zuverdienst angewiesen ist. Deshalb erübrigt sich die Frage nach Hobbys. Zum Spielen haben diese Kinder keine Zeit.

Das Team von Janvikaszoom© Rebecca Frank
Das Team von Janvikas

Mikrokredite als Sprungbrett
„Janvikas hat mein Leben verändert“, sagt die etwa 25-jährige Avanti (sie hat keine Geburtsurkunde, also kennt sie ihr eigenes Alter nicht). „Ich habe als Tagelöhnerin in einer Schokoladeverpackungsfabrik gearbeitet. Die Firma wollte sich die lästigen Sozialleistungen sparen. Von einem Tag auf den anderen habe ich nicht gewusst, ob ich meinen sechs Kindern ein Abendessen kaufen kann.“ Jetzt ist Avanti stolze Inhaberin eines kleinen Lebensmittelgeschäftes – das Kapital dafür hat sie als Kredit von dem Sparverein bei Janvikas bekommen. „Mein größter Wunsch ist: Meine Kinder sollen in die Schule gehen“, sagt Avanti.
Sima kann eine ähnliche Geschichte erzählen. Sie führt dank Janvikas seit sieben Jahren erfolgreich einen Schönheitssalon, in dem sie Pflege für Haut und Haar, Make-up und das festliche Drapieren von Saris anbietet. An ihrem Erfolg lässt sie andere teilhaben. Die 16-jährige Shamila geht nicht mehr in die Schule und fand keine Anstellung. Jetzt lernt sie von Sima das Handwerk und wird selbst Kosmetikerin.

„Wir möchten den Slumbewohnern zu regelmäßigem Einkommen verhelfen. Ein kleines Geschäft selbst zu führen macht unabhängig“, erklärt Pater Roy. Selbsthilfegruppen stellen Mikrokredite dafür zur Verfügung. Janvikas berät bei Behördenwegen und Buchhaltung. „Den Müllsammlern helfen wir, indem wir mit ihnen Lobbying für eine faire Bezahlung machen. Wenn die Familien ein regelmäßiges Einkommen haben, können sie ihre Kinder in die Schule schicken. Diese Kinder haben viel bessere Voraussetzungen, einen guten Job zu finden und keine unwürdigen Arbeitsverhältnisse einzugehen.“

Zurück in die Ziegelei
Und Puja? Sie läuft nach dem Unterricht in der Bridge School schnell zurück in die Ziegelei. Auf ihre Großmutter und sie wartet noch ein arbeitsreicher Nachmittag bevor sie zu Hause noch ihre beiden Ziegen versorgen müssen und nach einer kurzen Nachtruhe bald wieder ein neuer, arbeitsreicher Tag beginnt. Hoffentlich kann sie später auch einmal sagen: „Janvikas hat mein Leben verändert.“

Rebecca Frank

April 2017

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