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Vergeben & Verzeihen - Wo ist die Grenze?

„Seid aber untereinander freundlich und herzlich und vergebt einer dem andern, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus“ (Eph 4,32). Gilt das auch, wenn ein Mann seine Frau um­gebracht hat? Ja, sagt der Journalist und unser Autor Thomas Pfundtner. Ganz anders sieht das stadtgottes-Chefredak­teurin Isabel Damm-Jacobs

-© fotolia

Mein Telefon klingelte. Am Apparat meine beste Freundin. Was sie mir zu sagen hatte, war schockierend und entsetzlich zugleich: „Erinnerst du dich noch an …? Er sitzt im Gefängnis. Hat seine Frau ermordet.“ Mir blieb die Luft weg. „Unser …“, brachte ich nur mühsam heraus, „das glaube ich nicht. Wie kann das sein?“
Dank des Internets stellte die Recherche kein Problem dar. Es dauerte nur Bruchteile von Sekunden, und der Bildschirm war voller Schlagzeilen über die schreckliche Tat und deren Folgen. Entsetzt las ich, dass es zwischen dem alten Freund und seiner Frau zum tödlichen Streit gekommen war.

Anscheinend steckte die Ehe nach vielen Jahren in einer schweren Krise, die Zeichen standen auf Trennung. An jenem Abend eskaliert die Auseinandersetzung immer mehr.

Thomas Pfundtner© privat
Thomas Pfundtner

Plötzlich greift er nach einem Messer und sticht auf seine Frau ein. Wieder und wieder. Als die Polizei ins Haus eindringt, liegt die Ehefrau tot am Boden. Er wird mit Schnittverletzungen gefunden, Suizidversuch!Mir stockt der Atem. Ich höre auf zu lesen und lasse stattdessen meine Gedanken treiben.
Damals, als ich mit ihm zusammenarbeitete, war er ein netter, zurückhaltender junger Mann. Seine Arbeit erledigte er mehr als ordentlich und gewissenhaft. Er brachte eigene Ideen ein oder widersprach, wenn er meinte, wir sollten einen anderen Lösungsweg einschlagen.
Hin und wieder gingen wir mittags gemeinsam essen. Da war der Job tabu. Wir sprachen über Fußball, Musik, eben über dies und das.
Er schwärmte dann gern von seiner Frau, träumte von Kindern und einem eigenen Haus. Er war fest davon überzeugt, dass er dies mit seiner Frau schaffen werde. Ich auch – so intensiv wie er seine Träume und Pläne schilderte.

Eines Nachmittags, wir hatten auswärts einen Termin und waren auf dem Rückweg ins Büro, platzte es aus ihm heraus: „Wir haben ein Haus gekauft. Das wollen wir feiern. Komm zu unserer Party. Ich lade dich ein.“ Natürlich folgte ich der Einladung, fuhr mit meiner Frau zu ihnen. Wir erlebten ein stolzes, junges, glückliches Paar, zwischen das kein Blatt zu passen schien ...
Das ist lange her ... Ein oder zwei Jahre später kam der heiß ersehnte Nachwuchs, und nun war das Glück des Ehepaares perfekt. Dann kündigte er, um sich selbstständig zu machen: „Ich habe eine Idee, die ich umsetzen möchte ...“
Wir trafen uns noch ab und zu auf ein Bier oder zum Essen. Als es mich beruflich in eine andere Stadt verschlug, passierte es – wie so oft im Alltag – der Kontakt schlief ein. Mal ein Telefonat, eine kurze E-Mail, ein Blick auf die Internetseite des Freundes.

Er war aus meiner Welt verschwunden, aber nicht aus meinem Herzen, wie ich jetzt wieder spürte ...
Die Anklage lautete tatsächlich auf Mord. Verurteilt wurde er aber wegen Totschlags „nur“ zu 12 Jahren. Zu viel? Zu wenig? Das Urteil ist längst rechtskräftig, er sitzt die Strafe ab. Seit ich alles gelesen und die schlimme Nachricht einigermaßen verdaut habe, frage ich mich immer wieder: Was ist im Leben des Paares passiert? War er wirklich so, wie er sich gab? Wie sah der wirkliche Freund aus? Seitdem komme ich, was ihn angeht, nicht mehr zur Ruhe.
Was ist mit ihm? Was fühlt er? Was denkt er? Was ist mit seiner Seele? Weiß er überhaupt, was er da angerichtet hat? Sieht er sich wirklich als Täter oder als Opfer?

Ich wache nachts sogar auf, weil ich von ihm geträumt habe. Stelle mir vor, wie er allein in seiner Zelle hockt, auch nicht schlafen kann und verzweifelt. Er und seine Tat beschäftigen mich so sehr, dass ich einen Pfarrer aus meinem Dorf um Rat bitte: „Soll ich Kontakt aufnehmen, oder hat mein Freund eine unverzeihliche Tat begangen, die keine Vergebung erlaubt?“ „Wenn er Ihnen etwas bedeutet und Sie es wollen, schreiben Sie ihm. Wenn er keinen Kontakt will, wird er sich nicht melden. Vielleicht, weil er sich schämt oder aus anderen Gründen. Auch das sollten Sie akzeptieren.“

Heißt das, Gott verzeiht die Tat und vergibt meinem Freund? Was bedeuten überhaupt Vergeben und Verzeihen? „Das müssen Sie schon selber herausfinden“, gibt mir der Priester mit auf den Weg, „letztendlich wird Ihr Herz Ihnen die Richtung weisen.“ Beatrice von Weizsäcker, Juristin und bekannte Journalistin schreibt dazu in ihrem Buch „Ist da jemand?“: „Gott muss uns nicht vergeben. Er braucht unser Flehen nicht. Wir sind es, die es brauchen. Unsere Bitte an Gott, uns zu vergeben, ist letztlich nichts anderes als die Bitte, uns dabei zu helfen, unser schlechtes Gewissen loszuwerden und uns selbst zu verzeihen, unser reines Herz wiederzufinden ...“ Und weiter sagt sie: „So wenig wir das Böse in der Welt und in uns auf Gott abwälzen können, so wenig können wir ihm die Vergebung aufbürden.“
Für mich bedeutet das: Gott wird mir hier nicht helfen, denn ich brauche für meinen Freund nicht um Vergebung zu bitten oder ihm zu verzeihen.

Das steht natürlich im Widerspruch zu dem Gedanken, dass es für das menschliche Empfinden und den Verstand viel Unentschuldbares gibt. Wie bei der Tat des Freundes. Ich werde auch mit meiner Entscheidung leben müssen. Ich habe mich entschlossen, ihn nicht fallen zu lassen und Kontakt aufgenommen. Als ich schon nicht mehr damit rechnete, kam seine Antwort. Geschrieben auf einer kaputten, mechanischen Schreibmaschine. Vier intensive Seiten voller Reue, Angst und Dankbarkeit für den unerwarteten Kontakt. Allein das beweist mir, es war richtig, zu schreiben und vielleicht etwas Licht in seine zerstörte Welt zu tragen.

Wir schreiben uns mittlerweile regelmäßig, und auch ein erster Besuch im Gefängnis steht an. Ja, ich habe etwas Angst davor und werde aufgeregt sein. Ich weiß aber genau: Wenn mein Freund wissen will, ob ich ihm seine Tat vergebe oder verzeihe, werde ich antworten: „Ich werde nie verstehen, was du getan hast. Deine Tat kann, will und werde ich nie akzeptieren. Ich kann dir weder vergeben noch verzeihen. Das ist nicht mein Part. Das können nur deine Kinder, ihre und deine Familie. Und du selbst.“ Für mich ist entscheidend: Du bist ein Mensch, der mir wichtig ist. Nur das zählt.“

Meine erste Reaktion war: Das musst du deinem besten Freund Thomas erzählen. Er kennt ihn schließlich genauso gut, auch er wird „es“ bestimmt nicht glauben. Genauso, wie ich es nicht wahrhaben wollte. Gerade hatte ich von einer ehemaligen Kollegin erfahren, dass unser gemeinsamer Freund seine Frau umgebracht hat und im Gefängnis sitzt. Vielleicht stimmt es auch nicht, beruhigte ich mich selber, es könnte ja auch ein Irrtum sein.
Sofort recherchierte ich im Internet: tödlicher Streit, Ehedrama, Selbstmordversuch. Das, was man nach einer solchen Tat üblicherweise liest. Nur, dass ich das Opfer und den Täter diesmal kannte ... Nein, es war kein Irrtum, es gibt unzählige Meldungen dazu.

Isabel Damm-Jacobs© Studio Zweiundsiebzig
Isabel Damm-Jacobs

Ich denke nach, lasse meine Gedanken schweifen. Lange ist es her: Wir hatten uns im Job kennengelernt, waren Kollegen. Nein, mehr, fast Freunde. Wir sprachen über die Arbeit. Aber da gab es auch die privaten Gespäche. Wir verfolgten ähnliche Pläne, teilten unsere Träume.

Er erzählte von seiner Frau: liebevoll, fast stolz. Seine große Liebe seit vielen Jahren. Fast alles stemmten sie gemeinsam. Zum ganz großen Glück fehlten nur noch Kinder und ein Haus. Irgendwann lernte ich seine Frau kennen. Sie war genau so, wie er sie geschildert hatte. Der Hauskauf erfolgte. Kurz darauf kramte er das erste Ultraschall-Bild vom Frauenarzt aus der Tasche, das er mir stolz zeigte. Alles war so perfekt. Ich weiß noch gut, dass ich ihm einige Lieblingsstücke meiner Kinder schenkte, aus denen sie herausgewachsen waren.

Eines Tages nahm er mich beiseite: „Du, ich möchte mich selbstständig machen. Was hältst du davon?“Wir überlegten gemeinsam, wägten ab. Seine Frau stand bedingungslos hinter ihm. Er stürzte sich in seine neue Aufgabe. Wir sahen uns nun nicht mehr so oft. Aber wir telefonierten regelmäßig, trafen uns. Er war glücklich. Mit sich, seinem Job, seiner Familie. Aber auch ich nahm irgendwann einen neuen Job an. Die Gespräche wurden seltener, hörten irgendwann ganz auf. Die letzten Jahre hatten wir uns aus den Augen verloren. Wenngleich ich manchmal an ihn dachte, mit Kollegen über ihn sprach.

Er war aus meiner Welt verschwunden, aber hatte ich ihn jetzt noch in meinem Herzen?
Das Gericht klagte ihn wegen Mordes an. Richtig, denke ich. Ich spüre eine unglaubliche Wut in mir. Am liebsten würde ich ihn schütteln und anschreien: Was hast du getan?

Mord bedeutet lebenslängliche Haft. Hier war es anders. Verurteilt wurde er wegen Totschlags. Das bedeutet 12 Jahre Haft. 12 Jahre für ein Menschenleben. Was ist das denn? Ich fasse es nicht. Er hat seine Frau ermordet, den Kindern ihre Mutter und ihr Glück genommen. Er hat Familien zerstört und mit seiner Tat eine Schneise von Elend und Leid geschlagen. Das Urteil ist viel zu niedrig!

-© getty

Ich denke unglaublich oft an ihn. Zu oft. Warum? Weil ich nicht begreifen kann, was er sich und seiner Familie angetan hat. Ob er in seiner Zelle sitzt und Reue zeigt? Ich muss meine Gedanken loswerden, erzähle Pater Manfred Krause SVD und Pater Vaclav Mucha SVD von ihm und der Tat. Poltere und schimpfe, dass ich nie, nie wieder etwas mit ihm zu tun haben will. Weil ich ihm das Geschehene nie vergeben kann.

Pater Krause sagt: „Bedenken Sie, er hat etwas Schreckliches getan, aber er ist ein Mensch. Er ist weiterhin Gottes Kind.“ Und Pater Mucha? Sagt: „Egal, wie schlimm die Tat ist: Das, was uns Menschen näher liegt, ist die Vergebung. Wenn ich ihm nicht verzeihen kann, landet er zwar im Gefängnis, ICH aber in der Sackgasse.“ Wie bitte? Ich soll ihm verzeihen, vergeben? Ich suche weiter nach Antworten, finde die Sätze: Wahre Vergebung zeigt sich dadurch, dass sich das Verhältnis zum anderen Menschen, der uns verletzt hat, nicht ändert! Und wahre Vergebung führt zur wahren Liebe, zur Nächstenliebe und zur richtigen Liebe zu Gott! Ich denke lange darüber nach. Nein, ich für mich kann nicht verzeihen, vergeben. Seine Tat ist für mich nicht entschuldbar. Niemals.

Wie oft habe ich seine Frau vor Augen. Sie war fröhlich, lebenslustig, hilfsbereit, liebte die Menschen – und wünschte sich anscheinend ein neues, glücklicheres Leben. Ohne ihn. Das hat er nicht akzeptieren wollen. Er wollte nicht, dass sie ohne ihn weiterlebt. Ich habe so viele Fragen, die ich meinem Freund stellen will. Warum gab es keine andere Lösung? Aber vor allem möchte ich ihm in die Augen schauen. Wird er meinem Blick standhalten? Wird er merken, was ich über ihn, das Geschehene denke?

Thomas hat Kontakt zu ihm aufgenommen. In einem seiner Briefe schrieb er, dass er sich freut, wenn ich ihn mit Thomas besuche. Er hätte sich kaum getraut, nach mir zu fragen ... Ahnt er, wie ich denke? Ja, ich werde aufgewühlt sein, wenn ich ihm in der Haftanstalt gegenübersitze. Vielleicht fragt er, ob ich ihn verstehe? Nein, ich werde nie verstehen, was er getan hat. Nein, ich werde ihm nicht verzeihen können. Dennoch warte ich den Besuch ab und werde dann entscheiden, ob ich ihn aus meinem Leben streiche. Für immer.

 

Thomas Pfundtner / Isabel Damm-Jacobs

April 2017

Lesen Sie in der Aprilausgabe der stadtgottes ein Interview mit Pater Martin Neuhauser SVD. Er sagt: "Wer verzeiht, wird befreit"

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